Menu

Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

Tschechien: Billiges Benzin und Nutten?

Niederbayern und die Oberpfalz wollen nicht mehr Ostbayern heißen. Der Tourismusverband Ostbayern soll in Tourismusverband Niederbayern und Oberpfalz umbenannt werden und das Südostbayerische Städtetheater ist auf Namenssuche. Hinter dieser Entwicklung steht auch die Bevölkerung. Einer Radioumfrage nach lehnen 89 Prozent den Begriff „Ostbayern“ ab. Er erinnere zu sehr an Ostzone, Ostmark (Gau im Nationalsozialismus) und Ost-Sibirien. (Quelle: SZ vom 24.7.07 )

czdMeines Erachtens geht die Ablehnung nicht nur gegen diese negativ besetzten Begriffe aus der Vergangenheit, sondern gegen den Osten an sich. Was ist der Osten? Asien? Russland? Nein, in Ostbayern ist der Osten Tschechien. Und damit will der gutbürgerliche Bayer nichts zu tun haben. Denn die Tschechen, das weiß ja jedes Kind, sind sowieso alle faul und kriminell noch dazu.

Das sieht jeder, der mal einen Ausflug ins Nachbarland macht: Einen Kilometer nach der Grenze nichts als Vietnamesenmärkte mit gefälschter Ware. CDs, DVDs, Dolche&Gabbana-Klamotten, Zigaretten. Und dazu ein paar grell geschminkte Frauen am Straßenrand. Sie tragen in Röcken, die kaum den String bedecken, und blasen dem treusorgenden, bayerischen Familienvater für 20 Euro einen. Grundsätzlich gibt es für den Bayern nur zwei Ausnahmen in diesem Elend jenseits der Grenze: Krumau („Da wirkt alles so italienisch“) und Prag („Der Tagesausflug kostet nur 45 Euro, inkl. Karlsbrücke und Kafka-Geburtshaus und ein uriges Wirtshaus mit billigem Bier“).

Diese Haltung breiter Bevölkerungsschichten bestätigt nur das, was den Politikern eigentlich insgeheim schon lange klar sein sollte: Die Vorteile der EU-Osterweiterung sind in den Köpfen der Ostbayern (und sicherlich nicht nur diesen) noch lange nicht angekommen. Noch immer sind die Tschechen die Schuldigen für die Arbeitslosen in der strukturschwachen Grenzregion. Doch halt: Welche Arbeitslosen? Im Landkreis Freyung-Grafenau am östlichen Zipfel Ostbayern/Niederbayerns, traditionell dem Armenhaus Deutschlands, suchen nur 4,9 Prozent der Arbeitsfähigen einen Job. Auch im Bayerischen Wald boomt also die Wirtschaft – trotz der Tschechen, die doch angeblich in Scharren über die Grenze kommen und dem braven Deutschen die Arbeit mit Dumping-Löhnen wegnehmen.

Wieso lehnen die Deutschen Tschechen so ab? Die Gründe müssen in der Geschichte gesucht werden. 50 Jahre lang trennten Grenzen mit Selbstschussanlagen Ostbayern und Tschechien. Nach Jahrhunderten des Zusammenlebens und des Handels existierten zwei Generationen voneinader nebeneinander, aber dennoch isoliert. Das hat natürlich Nachwirkungen: Die Nationen entfremden sich. Dazu kommen die Sudentendeutsche, die der alten Heimat nachtrauern und gleichzeitig die Tschechen, die ihnen das angetan haben, verdammen. Und so ihre Kinder beeinflussen. Doch nach der Öffnung der Grenzen waren sie es, die als erste wieder ins Nachbarland fuhren und die Orte ihrer Kindheit besuchten. Sie waren es, die als erste, zaghafte Kontakte aufnahmen.

Doch langsam ist eine Veränderung spürbar. Schüler belegen Tschechisch-Sprachkurse an den Schulen, die Kontakte zu tschechischen Partnerschulen werden intensiviert und die Regionen Bayerischer Wald (D), Böhmerwald (CZ) und Unterer Inn (Ö) haben sich zur Euregio zusammengeschlossen, die „grenzüberschreitende Völkerverständigung, wo früher Schlagbäume standen“ zum Ziel hat. Die Politiker (zumindest die auf EU-Ebene) erkennen, dass ein Kirchturmdenken in einem vereinten Europa keine Zukunft hat. Tschechien wird zum gleichberechtigten Partner und ist nicht mehr das minderwertigere Nachbarland mit dem billigen Benzin.

Trotzdem wird es noch einige Jahrzehnte dauern bis das Verhältnis vorurteilsfrei oder doch zumindest respektvoll sein wird. Die zarten Annäherungsversuche der letzten Zeit spiegeln leider noch immer nicht die Stimmung vor Ort wieder. Sprüche und Witze auf Kosten der Tschechen sind an der Tagesordnung.

Es liegt an uns, der Jugend, etwas zu Verändern! Wir müssen den Mut aufzubringen nach Tschechien zu Reisen anstatt nach Italien. Ein Praktikum in Prag zu machen anstatt in London. Tschechisch als Fremdsprache zu wählen anstatt Spanisch. An Tschechien mehr zu sehen als die Schwarzmärkte und die Prostitution in den ersten Kilometern jenseits der Grenze.

Wir sind es, die unsere Zukunft gestalten. Lasst uns so handeln, damit wir, Deutsche und Tschechen, nicht nur wirtschaftliche Vorteile aus der europäischen Einigung ziehen, sondern auch Menschliche!

Comments

Cangrande sagt:

Hallo,

nicht nur in Bayern hat Tschechien das von Ihnen geschilderte Negativ-Image. Ein bekannter kommentierte unseren Urlaub im Bayerischen Wald mit Bezug auf Böhmen u. a. so:
„… hatte ich Ihnen von meinem Urlaub im „Wald“ (2002)berichtet. Bis zur Grenze nach Tschechien fand ich es ja ganz nett, aber was sich dahinter fand, entsetzte mich doch sehr. Ich glaube dieses Land sieht mich nicht mehr …“.

Mit gefällt, was ich als Tourist (mit sorgfältig selektierten Reisezielen und selektierender Wahrnehmung) auf zwei kurzen Trips bislang vom Böhmerwald und von Südböhmen gesehen habe (vgl. meine Blog-Einträge „Für uns sind die Dörfer in Böhmen nun nicht mehr Böhmische Dörfer“ – http://beltwild.blogspot.com/2006/12/fr-uns-sind-die-drfer-in-bhmen-nun.html und „Aus dem Bayerwald in die Welt: Ausflüge nach Niederbayern und Süd-Böhmen“ – http://beltwild.blogspot.com/2007/07/aus-dem-bayerwald-in-die-welt-ausflge.html).

Trotzdem kann man nicht einfach sagen, dass die anderen ein Vorurteil haben. Was diese wahrnehmen und was Sie schildern, ist ja Realität.
Die ist teilweise historisch bedingt (Verfall der Bausubstanz zu kommunistischen Zeiten, vgl. auch meinen Erinnerungsbericht „Mokka schmeckt auch gut!“ – http://beltwild.blogspot.com/2005/05/mokka-schmeckt-auch-gut.html); wobei ich allerdings den Eindruck hatte, dass Staat und Privatleute sich bemühen, die Gebäude wieder ‚in Schuss‘ zu bringen.
Mentalitätsunterschiede gibt es freilich ebenfalls; nicht gänzlich grundlos spricht man ja vom „Bohémien“ und nicht (mit dieser Wortbedeutung) vom „Bavarois“.

Jedoch bekämpft man das Negativ-Image Tschechiens nicht wirksam dadurch, dass man es beklagt oder diejenigen kritisiert, in deren Augen diese Aspekte der Wirklichkeit ein größeres Gewicht haben als in unserer Betrachtung. Hilfreicher wären interessante (Reise-)Berichte über die und schöne Fotos von den touristischen Schokoladenseiten Böhmens oder, wenn man engeren Kontakt mit den Menschen dort hat, „Szenen aus dem Alltagsleben“ (so im Stil von Egon Erwin Kisch).

soeren onez sagt:

Du sprichst mir aus der Seele, auch wenn du den naiven fehler begehst Prag für eine tschechische Stadt zu halten, nur weil sie auf tschechischem Boden gebaut ist;) Der Unterschied zwischen Böhmen und Mähren ist gewaltig, wenn auch nicht auf der Landkarte. ich empfele dir nicht nur die traumhafte Stadt Prag zu besuchen, sondern auch mal ins häßliche Ostrava zu reisen und dort die andere Seite Tschechiens kennen zu lernen. ich will nicht sagen die „wahre“ Seite Tschechiens, aber wie es doch immer so schön im Reiseführer steht, abseits der Touristenpfade und Touristen wirst du in Ostrava nicht finden. ich persönlich mag Brno/Brünn sehr gerne, mag den Flair dieser Stadt, die sich nicht mit Prag messen kann und doch so viel gemütlicher ist.

Meine Reiseberichte sind schon etwas älter, wenn auch sicher noch viele hinzukommen, aber wenn dich das Land und die Begegnung von Tschechen und Deutschen interessiert, empfele ich dir folgende zwei Texte von mir:
http://www.onezblog.de/item/2006/09/sinn-durch-erfahrung-des-fremden/
http://www.onezblog.de/item/2005/09/ein-tschechisches-marchen/

Zur Information: ich habe meinen Zivildienst in tschechien gemacht, in einem Jugendclub für Romakinder und -jugendliche, dort meine tschechische Freundin kennen gelernt, die jetzt mit mir in Deutschland lebt. Diesen Kommentar schreibe ich aus dem Dorf Klimkovice, welches zu Ostrava gehört, also im Osten tschechien, nicht weit von der polnischen Grenze.

katha sagt:

@ soeren onez

Du hast Recht: Tschechien bedeutet für mich (fast) nur Böhmen.

Mähren ist für mich nahezu unbekannt, außer dass ich für kurze Zeit einen Brieffreund aus Ostrava hatte. Das ist allerdings auch schon ein paar Jahre her.

Böhmen dagegen ist mir viel vertrauter: Meine ehemalige Schule unterhält relativ engen Kontakt zu einer Partnerschule in Vimperk. Ich habe Verwandte in der Nähe von Prachatice und – das ist wohl am wichtigsten – Böhmen ist einfach ganz nah. Von meinem Haus sind es nur etwa 35 km bis zur Grenze.

Also: Nichts für ungut 😉

[…] in EndloswiederholungFehlerteufelWie die Großen so die KleinenTschechien: Billiges Benzin und Nutten?Solange das Erdöl fließt…50 mal schafott.blogPippi & Co.: Meine Kindheit war […]

dieter sagt:

Ich hab so nie viel darüber nachgedacht, aber du hast recht. In dem Wort Osten steckt wirklich viel schlechtes. Ostzone, etc. Von dieser Antipathie gegenüber den Tschechen weiss ich gar nichts.

Schreibe einen Kommentar