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Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

„Vienna“ von Eva Menasse

„Mein Vater war eine Sturzgeburt.“ Mit diesem Satz beginnt der Roman „Vienna“ von Eva Menasse. Und wie der Vater ins Leben stürzt, so wird der Leser mitten in die Geschichte einer jüdischen Familie in Wien hineingeworfen.

Die Protagonisten tragen, bis auf wenige Ausnahmen, keine Namen und bis man den Überblick im Gewirr von Großvater, Onkel, Bruder, Tante und verschiedenen Ehefrauen, die durchnummeriert werden, gefunden hat, dauert es eine Weile. Doch es ist interessant, Menasse springt in den Zeiten hin und her: Ist man in einem Moment noch im Wien der Naziherrschaft, so findet sich der Leser im nächsten Moment in den 50er und 60er Jahren wieder, als der Vater des Ich-Erzählers Profifussballer war. So geht es hin und her, vorwärts und wieder zurück und langsam fügt sich die Familiengeschichte zusammen wie ein Puzzle.

„Ich habe bis heute die ältesten Geschichten am liebsten. Sie sind am offensten und am verheissungsvollsten, weil ihr wahrer Kern so verschwindend weit zurückliegt und deshalb fast alles erlaubt ist.“ (S. 373)

Der Rahmen des Romans sind Familientreffen, bei denen die Geschichte derselben immer und immer wieder erzählt wird und zum hundertstenmal über diesselben Anekdoten gelacht wird. Das ist wirklich sehr unterhaltsamn und erinnert mich an Romane von John Irving. Auch in seinen Büchern gibt es solch skurile Personen und komische Geschichten.

Vienna

In der zweiten Hälfte des Buches ändert sich der Ton. Alle lustigen Geschichten sind erzählt, es wird ernster und politischer. Wie ergeht es der Familie im Nachkriegsösterreich? Wie richtet sich eine Familie ein, für die ihre Religion nie eine Rolle spielte, die sich jedoch plötzlich in der Gesellschaft immer als Juden und Opfer definieren muss oder soll?

Dieser Prozess gipfelt darin, dass der Bruder ein „richtiger“ Jude, also gläubig, werden und in die Gemeinde eintreten will, ihm das jedoch verwehrt wird, weil er keine jüdische Mutter hat. Andererseits hätten seine Großeltern ohne seine nicht-jüdische Großmutter wohl den Krieg nicht überlebt.

Nach den ersten 50 Seiten zog ich ein vorschnelles Urteil, indem ich es als eines der besten und witzigsten Bücher, die ich je gelesen habe, titulierte. Das muss ich nun zurücknehmen. Sicherlich, das Buch ist unterhaltsam, lustig und gibt einen Einblick in die österreichische Mentalität. Doch die Leichtigkeit der ersten Hälfte geht später fast vollends verloren und die Wendung ins Ernshafte bringt einigen Längen mit sich.

Trotzdem, es ist wert dieses Buch zu lesen. Alleine wegen Passagen wie dieser, über den Großvater während der Naziherrschaft:

„Regel Nummer eins: Die reichsdeutsche Hundemarke bei den Gelegenheiten, wo man Grund hat, sie nicht zu tragen, auch nicht mitführen, natürlich nicht. Regel Nummer zwei: Auch keinen Ausweis mithaben. Das war zwar verboten, aber im Kaffeehaus sitzen und Bridge spielen war noch viel verbotener. Ein „vergessener Ausweis“ verzögerte die Angelegenheit in jedem Fall, und mit ein bisschen Frechheit und Glück hatte man noch Chancen. Aber die Hundemarke oder der Ausweis in der Tasche klärten alle Fragen schlagartig, und das Spiel war aus. Dass die Leute das nicht begriffen! Mein Großvater schüttelte den Kopf. Der Pritschenwagen fuhr ab. Vor dem ‚Johann Strauß‘ floß der Novembernebel wieder zusammen. „Wer spielt aus?“, fragte mein Großvater.“ (S. 86)

Eva Menasse, Vienna; btb-Verlag; ISBN: 978-3-442-73253-1

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