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Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

Cola und Counterstrike

Chinesische Jugendliche unterscheidet äußerlich nicht mehr viel von ihren westlichen Altersgenossen. Geben sie ihre Traditionen auf, um ihr Leben nach der westlichen Kultur auszurichten?

Zhou Zhi Qiang trägt lässig seine Baggyhose knapp unterhalb der Gürtellinie, am rechten Ohrläppchen funkelt ein Stecker, wie ihn amerikanische Rapper gerne tragen. Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und schreibt seiner Freundin eine Kurzmitteilung.

Auf den ersten Blick unterscheidet den 17-jährigen nichts von seinen Altersgenossen in Deutschland oder den USA. Doch Zhou Zhi Qiang lebt in Gengma, einer Kleinstadt mit 30 000 Einwohnern in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Die Gegend ist arm, die meisten Menschen arbeiten als Landwirte. Das große Geld wird woanders gemacht, in Beijing oder Shanghai – 3000 Kilometer entfernt. Nur sehr langsam bessern sich die Lebensbedingungen und manche konnten bereits einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaften. 80 Prozent der chinesischen Bevölkerung lebt in diesen oder ähnlichen Verhältnissen.

Zhou Zhi Qiang trinkt gerne Cola oder Sprite und sieht sich die Spiele der amerikanischen Basketballliga NBA live im Fernsehen an. Der Sender CCTV 6 überträgt viele Stunden pro Tag amerikanische Spielfilme und in den Werbepausen wirbt McDonalds für sich. Seine Freizeit verbringt Zhou gerne in Internetcafés. „Ich spiele gerne Counterstrike“, sagt er hastig, während er auf seine Tastatur einhackt und mit einem Maschinengewehr einen Mitspieler tötet. Andere der rund 100 Jugendlichen im Raum verbessern ihre Helden im Spiel World of Warcraft oder chatten mit ihren Freunden per Webcam.

Geprägt von Traditionen

Haben sich chinesische Jugendliche ganz der westlichen Kultur angepasst? Gleichen sie vollkommen ihren Altersgenossen in Deutschland, Frankreich oder den USA? Nein, denn westliche Kultur bedeutet mehr als Cola und Counterstrike. Sie ist geprägt vom Zeitalter der Aufklärung, dem kritischen Hinterfragen und rationalem Denken. Doch das Leben junger Chinesen ist bestimmt vom Konfuzianismus und dessen Tugenden: Disziplin, Fleiß und Gehorsam gegenüber Ältern.

Die Schule lehrt das Hinnehmen von Zuständen, eigenständiges Denken wird nicht gefördert. „Die Schüler sind es nicht gewöhnt, sich mündlich am Unterricht zu beteiligen”, erzählt Benjamin Krafft, der als Englischlehrer an der Mittelschule in Gengma arbeitet. „Oft müssen sie nur Texte abschreiben und Prüfungen werden als multiple choice tests gestellt. Den Lehrern wird grundsätzlich nicht widersprochen.”

Von den Freiheiten deutscher Jugendlicher können junge Chinesen nur träumen. Freizeit? Die ist knapp bei Unterricht an sechs Tagen der Woche von halb acht Uhr morgens bis zum Teil 22 Uhr abends. Weggehen und Party machen? Höchstens im privaten Rahmen. Eine Beziehung haben? Niemals! Die chinesische Sexualmoral ist sehr konservativ. „Wüssten die Lehrer, dass eine Mitschülerin meine Freundin ist, würden sie sofort meine Eltern benachrichtigen“, sagt Zhou Zhi Qiang, „und das gäbe richtig Ärger.“ Wenn er mit seiner Freundin alleine sein will, müssen die beiden in ein Hotel gehen. „Aber das können wir uns nur selten leisten.“

Äußerlich mögen sich junge Chinesen dem Westen angepasst haben, doch im Alltag gibt es viele Unterschiede. „Die Jugendlichen stehen immer unter Beobachtung der Eltern, Lehrer und des totalitären Staates“, berichtet Krafft. Wichtige Werte des Westens, die Freiheit des Einzelnen und das Recht der freien Meinungsäußerung, spielen in China nur eine untergeordnete Rolle – das Ergebnis jahrhunderteralter Traditionen.

Zum Bespiel das Internet: Fast 130 Millionen Menschen sind regelmäßig online und Chinesisch hat Englisch als die am meisten genutzte Sprache im Netz bereits abgelöst. Doch die Great Firewall, die Zensur von unliebsamen Webinhalten durch das kommunistische Regime, schränkt die Freiheit massiv ein. Über die Studentenrevolte 1989 in Beijing oder die Unabhängigkeitsbestrebungen Tibets kann sich Zhou nicht informieren.

Westlicher Lifestyle

Chinesische Jugendliche übernehmen nicht die westliche Kultur an sich, sondern nur ihren Lifestyle und den Konsum. Sie kleiden sich wie ihre Altersgenossen in Berlin oder London, kommunizieren wie sie mit Mobiltelefonen und nutzen den Computer. Doch sie geben ihre kulturellen Wurzeln nicht auf. Einer Umfrage aus dem Jahr 2000 stimmten 50 Prozent der befragten chinesischen Jugendlichen dieser Aussage zu: „Die chinesische und westliche Kultur haben beide Schwächen und sollten sich miteinander entwickeln, damit die eine von der anderen lernen kann.“

Zhou Zhi Qiang ist mit vielen Traditionen nicht einverstanden, doch er nimmt sie als gegeben hin. Dennoch ist er stolz auf die chinesische Kultur und Geschichte. „Denn Kultur gibt uns Identität in einer Welt, die sich immer ähnlicher wird“, ist er sich sicher und trinkt einen Schluck Cola.

[Diese Reportage habe ich beim Medienwettbewerb Buddha, Barbie, Bollywood eingereicht.]

Comments

Leidartikler sagt:

War ein halbes Jahr nicht mehr auf deiner Seite, schaue grad mal wieder rein, les die ersten Zeilen dieser Reportage und denke mir im ersten Moment: „Klaut die jetzt Texte aus dem Stern, oder was ist im letzten halben Jahr passiert?“ Lese weiter und ahne langsam, dass es doch kein geklauter Stern-Artikel ist, sondern ein eigener Text. Lese bis zum Ende und bin baff.

Wenn ich danach auch so gut schreiben kann, fahre ich sofort für ein paar Monate nach China! Ich bin kein Prophet, aber Journalist, und denke, du hast sehr gute Chancen, den Wettbewerb zu gewinnen. Ich drück dir die Daumen!

katha sagt:

danke schön. eine solch positive beurteilung eines journalisten freut mich wirklich sehr!

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