Chinesen, die unbekannten Wesen Teil 3: Verrückt nach Handys

Eine alte Frau in der traditionellen Kleidung der Dai-Minderheit hat eines und auch unser alter Nachbar, der ständig verwirrte Selbstgespräche führte: Ein Handy. Jeder, wirklich jeder, ob jung oder alt, reich oder arm, hat ein Mobiltelefon – das ultimative Statussymbol der Chinesen.

Mein Papa sagt: „Ich habe vierzig Jahre ohne Handy gelebt, wieso brauch ich jetzt eins?“ Chinesen scheinen da anders zu denken: „Ich habe vierzig Jahre ohne Handy gelebt. Diese Jahre muss ich schnleungist aufholen!“ Immer und überall tippen sie in ihre Handys, oft verziehrt mit Bändchen (In den letzten Monaten waren vor allem die Maskottchen der olympischen Spiele beliebt). Sie simsen was das Zeug hält. China Mobile, eine der zwei Mobilfunkfirmen, ist mittlerweile der größte Konzern dieser Art weltweit.

Es gibt Straßenzüge, in denen es nur Handyläden gibt. Selbst in der Stadt Gengma mit 50 000 Einwohnern gibt es eine Kreuzung, in deren Radius von 300 Metern sich insgesamt 17 Geschäfte, die von Handys profitieren, niedergelassen haben. DSC_0227

Die Produktpiraterie macht natürlich auch vor Mobiltelefonen nicht halt. Neben Nokia- oder Samsunggeräten gibt es sehr viele chinesische Marken. Diese sind preisgünstiger und weisen oft erstaunlicherweise große Ähnlichkeit mit den Geräten der ausländischen Marken auf. Indem chinesische Firmen das Design kopieren oder minderwertigerer Produkte verarbeiten ist es zu erklären, dass sehr viele Modelle erstaunlich preiswert sind. Besonders beliebt sind Handys mit Touchscreen, die mit einem Stick zu bedienen sind. Diese sind in China weit verbreitet.

Chinesesn schreiben SMS in Pinyin, einem System, bei dem die chinesischen Schriftzeichen in lateinische Buchstaben umgewandelt werden. Ein Touchscreengerät hat dafür zwei Vorteile:

  • Die chinesischen Schriftzeichen können direkt hingeschrieben werden (Zeichenerkennung), was einen immensen Zeitgewinn zur Folge hat, weil die Wörter nicht über die Zifferntasten eingetippt werden müssen
  • Leute, die nicht lange zur Schule gegangen sind, beherrschen oft die lateinischen Buchstaben nicht. Sie können also kein Pinyin. Handy (- und PC-Nutzung) wäre ihnen sonst unmöglich.

Wie so vieles in China geschieht auch das Telefonieren in unglaublicher Lautstärke. Die Klingeltöne ertönen prinzipiell so laut wie möglich. Läutet dann das Handy, erklingen die schlimmsten chinesischen Schlager, bei denen sogar ich manchmal die Texte verstehe („Wo ai ni“ – „Ich liebe dich“). Bei Militärs ist auch die Nationalhymne beliebt. Auch bei den Gesprächen selbst sprechen die Chinesen für deutsche Verhältnisse viel zu laut.

Ich habe dafür keinerlei Beweis, aber ich denke, dass der wachsende Mobilfunk besonders für abgelegene Bergdörfer, so wie ich sie in Yunnan sah, eine großer Verbesserung ist. Keine Kanalisation, zum Teil Holzhütten, keine asphaltierten Straßen. Mit dem Mobilfunknetz sind sie aber nun wenigstens ein bisschen an die Welt angeschlossen. Denn Proteste gegen Sendemasten wie in Deutschland gibt es mit Sicherheit nicht.

Dieser Beitrag ist ein Teil der Serie „Chinesen, die unbekannten Wesen“.

Teil 1: Chinesen, die unbekannten Wesen

Teil 2: Die Trinkkultur

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