Willkommen bei den „Kindern des Glücks?!

Wie sich China auf Olympia einstimmt.

„Beijing 2008, Beijing 2008“: 35 Kinder einer Vorschulklasse singen lauthals ihr Lied und versuchen angestrengt, die einstudierte Choreografie umzusetzen. In der rechten Hand halten sie eine kleine chinesische Fahne, links eine, die die olympischen Ringe zeigt. Ob jung oder alt, reich oder arm: Olympia ist der ganze Stolz der Nation.

In Kunming, Kanton oder Hongkong: Auf jeder meiner Reisestationen in China sah ich große Uhren in den Innenstädten, die mit großen roten Ziffern den Countdown anzeigten: Noch 30 Tage, 5 Stunden, 8 Minuten und 43 Sekunden bis zur Eröffnung der Olympischen Spiele! Oft ließen sich die Menschen davor fotografieren. Ein klares Zeichen: Viele Chinesinnen und Chinesen fieberten, auch tausende Kilometer von Peking entfernt, dem 8. August entgegen. Um 8:08 Uhr abends chinesischer Zeit eröffnete Staatsoberhaupt Hu Jintao die Olympischen Spiele im Nationalstadion. Drei Wochen blickt nun die Welt auf das Reich der Mitte. Für die chinesische Regierung ist das sportliche Großereignis die Möglichkeit, der Welt das moderne China zu präsentieren: Das Nationalstadion als ein architektonisches Denkmal; Peking als eine Stadt, die es mit den großen Metropolen der Welt aufnehmen kann. Und weltoffene Menschen, die den ausländischen Besucherinnen und Besuchern bei Problemen gerne auf Englisch weiterhelfen. Das bevölkerungsreichste Land der Erde will zeigen, dass es in der Liga der Weltmächte mitspielt.

Vaterland statt Bruderstaat

Doch die kommunistische Führung will auch nach innen Stärke demonstrieren. Bis vor 30 Jahren war der Kommunismus der Kleister, der das Milliardenvolk zusammenhielt. Doch seit Deng Xiaoping, der Nachfolger Maos, das Land Ende der achtziger Jahre wirtschaftlich öffnete, hat sich einiges geändert. Zwar ist der Kommunismus immer noch Staatsziel. Die Planwirtschaft jedoch ist der „sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung? gewichen. Immerhin: Die Wirtschaftsdaten sind beeindruckend. China ist inzwischen die viertgrößte Volkswirtschaft und drittgrößte Handelsnation der Welt. Für 2009 wird erwartet, dass China Deutschland als Exportweltmeister ablöst. Das rasante Wirtschaftswachstum hat den Lebensstandard vieler Chinesinnen und Chinesen erhöht, aber auch zu großen Ungleichgewichten bei der Einkommensverteilung zwischen Stadt und Land sowie Küsten- und Binnenprovinzen geführt. Die Arbeitslosigkeit ist stark angestiegen. Trotzdem fühlen sich die Chinesinnen und Chinesen der Nation und der Kommunistischen Partei eng verbunden.

Vorfreude auf die „besten Spiele aller Zeiten“

In einem Park in Kunming beobachtete ich einen Händler, der innerhalb einer halben Stunde alle T-Shirts mit patriotischen Aufschriften verkauft hatte. Am beliebtesten waren solche mit dem Aufdruck „Beijing 2008“ und „I love China“. Dieser Vaterlandsstolz verstärkte sich besonders nach den Unruhen in Tibet und den darauf folgenden Boykottaufrufen aus dem Westen. Über Nacht hatte plötzlich ein Großteil der 160 Millionen Benutzerinnen und Benutzer des populären Chatprogramms QQ die chinesische Flagge oder die olympischen Ringe als Userbild gespeichert. Sie protestierten so gegen die Kritik aus dem Ausland und stellten sich hinter ihre Regierung. Olympia wird alles untergeordnet. Als das Land im Jahr 2001 den Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele bekam, versprach die chinesische Regierung, die Demokratie zu stärken. In diesem Zusammenhang wurde im März 2004 die Verfassung geändert, die nun unter anderem das Recht auf Privateigentum und den Schutz der Menschenrechte festschreibt. Wichtig für die Weltöffentlichkeit ist das neue Presserecht, das es jedem chinesischem Bürger erlaubt, mit ausländischen Journalisten zu sprechen. Doch wer gegen das Regime spricht, hat trotzdem Repressalien zu befürchten.

Eine echte Presse- oder Meinungsfreiheit gibt es nicht. Die Politiker haben Angst, dass etwas schief geht, schließlich hat Hu „die besten Spiele aller Zeiten“ versprochen.

Gewaltiger Werbeaufwand

Mit einer gewaltigen Werbekampagne hat China seine Bevölkerung ein Jahr lang in Vorfreude und Euphorie versetzt: Die olympischen Ringe sah ich auf jeder Cola-Flasche, auf Milchtüten und Chipsverpackungen. Neun Monate lang begegnete ich jeden Tag Yao Ming. Der Spieler der amerikanischen Basketballliga NBA steht als Pappfigur mit 2,29 Meter Lebensgröße vor vielen Filialen der China Construction Bank. Der Sportsender CCTV 5 trägt schon seit Monaten die olympischen Ringe als zusätzliches Logo und wiederholt die großen Triumphe chinesischer Sportlerinnen und Sportler immer und immer wieder. Die Erwartungen des Publikums an die chinesische Mannschaft sind enorm. Das Staatsfernsehen CCTV brachte auch beeindruckende Bilder des Fackellaufs in die Wohnzimmer der Chinesinnen und Chinesen: Weltweit schienen sich die Menschen auf Olympia zu freuen und Peking für den idealen Austragungsort zu halten. Einheimische und Exilchinesen schwenkten gemeinsam ihre Flagge. Störungen des Fackellaufs sendete CCTV nicht. Die Chinesen sollen zeigen, dass sie sich auf Olympia freuen, und werden deshalb mit Merchandisingprodukten überschwemmt. Neben den olympischen Ringen und dem offiziellen Logo „Tanzendes Peking“ sind es vor allem die fünf Maskottchen, die „Die freundlichen Fünf“, die in China „Kinder des Glücks“ heißen und sich großer Beliebtheit erfreuen. Ob als Plüschtiere in allen Größen, als Anhänger für den Schlüsselbund oder als Handydisplay: Die Tierchen sind überall. Selbst bei einem Umzug eines Kindergartens im Dezember 2007 trugen Kinder die Maskottchen durch die Straßen.

Verhaltenstraining

So viel die Regierung auch plant, damit die Spiele perfekt werden: Eine große Rolle spielt auch das Verhalten der Pekinger. Da die meisten Gäste aus westlichen Ländern kommen werden, wird der Kulturschock groß sein. Ich habe mich in China wie eine Analphabetin gefühlt, konnte nichts lesen und kaum etwas verstehen. So wird es wohl auch einem Großteil der Touristinnen und Touristen während der Spiele ergehen. Weil die Englischkenntnisse in weiten Teilen der Bevölkerung sehr schlecht sind, gab es für alle Dienstleister, die mit Ausländern zu tun haben werden, beispielsweise für Taxifahrer, Englischkurse. Aber Sprache ist nicht alles. Drängeln, schubsen, ziehen: All das gehörte bisher dazu, wenn man in China in ein öffentliches Verkehrsmittel steigen wollte. Und auch das geräuschvolle Ausspucken, das viele Chinesen mit Hingabe praktizieren, passte nicht zum Bild, das die Verantwortlichen vom Land vermitteln wollen. Deshalb müssen die Pekinger seit einem Jahr einmal im Monat das Schlange stehen üben. Das Spucken ist verboten worden. Und was machen die Vorschulkinder, um sich neben dem Singen noch mehr auf Olympia vorzubereiten? Sie nehmen an einem Wettbewerb teil, bei dem sie die fünf Maskottchen malen müssen. Ihre fünf Namen ergeben im Chinesischen den Satz: „Peking heißt dich willkommen!“

Eine Antwort zu “Willkommen bei den „Kindern des Glücks?!”

  1. […] im Nationalismus gefunden. 2008 (chinesische Glückszahl 8 ) war der vorläufige Höhepunkt mit den Olympischen Spielen, bei denen China als erfolgreichste Nation […]

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