Menu

Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

„Der Gott der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy

Es gibt Bücher, bei denen weiß ich bereits nach ein paar Seiten, dass sie zu meinen Lieblingsbüchern gehören werden und ich sie immer wieder lesen werde. „Der Gott der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy ist so ein Buch.

Die Geschichte handelt von einer indischen Familie in den 60er Jahren in politisch unruhigen Zeiten und einer Katastrophe, die das Leben der Beteiligten entweder beendet oder komplett verändert. Im Mittelpunkt stehen die zweieiigen Zwillinge Estha und Rahel, die als umgekehrte siamesische Zwillinge beschrieben werden: Zwei Körper, aber ein Geist. Doch das Schicksal will es, dass die beiden getrennt werden („Estha wird zurückgegeben“) und sich erst Jahre später wieder sehen.

Die Tragödie ist im ganzen Buch durch Rückblenden und Andeutungen präsent. Dieser ungewöhnliche Aufbau macht das Buch spannend: Das Ergebnis ist längst bekannt – getrennte Zwillinge, zwei Tote, das Ende einer glanzvollen Familie im Süden Indiens -, bis ich den Auslöser des Ganzen erahnte.

Arundhati Roy ist die poetische Erzählerin einer großen Geschichte. Einer Geschichte über die essentiellen Dinge des Lebens: Liebe und Hass, Rivalität und Verlust. Hintergrund sind in dem halb-biographischen Roman die 60er Jahre, die politisch vom Kommunismus und dem entwürdigendem Kastensystem geprägt waren. Zu kommt der schwelende Konflikt zwischen der christlichen Oberschicht und der hinduistischen Unterschicht, der auch nach der Unabhängigkeit Indiens noch immer die kolonialen Machtverhältnisse darstellte.

Mein Tipp: Unbedingt lesen. Warum? Roy gibt in ihrem Roman selbst die Antwort:

„Die großen Geschichten sind die, die man gehört hat und wieder hören will. Die man überall betreten und bequem bewohnen kann. Sie führen einen nicht mit Nervenkitzel und einem unerwartenden Ende hinters Licht. Sie überraschen einen nicht mit Unvorhergesehenem. Sie sind einem so vertraut wie das Haus, in dem man lebt. Oder wie der Geruch der Haut des Geliebten. Man weiß wie sie enden, aber man hört zu, als wüsste man es nicht. So wie man, obwohl man weiß, dass man eines Tages sterben wird, lebt, als wüsste man es nicht.“

Comments

Marr sagt:

Hmmja, habe das Buch vor Ewigkeiten gelesen. Das mit dem Hintergrund war mir so nicht klar. Ich hatte das Gefühl, dass die gleiche Geschichte immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Was war denn eigentlich die Tragödie? Gab es nicht so was wie eine inzestuöse Verbindung?

Katharina sagt:

Achtung Spoiler 😉

Nein, eine inzestuöse Verbindung war nicht die Tragödie, sondern eine Liebe über Kastengrenzen hinweg. Ammu, die Mutter der Zwillinge, Angehörige der christlichen Minderheit und anglophilen Oberschicht, verliebte sich in Velutha, der zur untersten Kaste, den „Unberührbaren“ gehörte.

Marr sagt:

Der Inzest kam also am Ende, oder?

katha sagt:

Ja, ziemlich am Ende.

Schreibe einen Kommentar