Glotzen statt Lesen

In ihrem Aufsatz „Selbstgewählte Dummheit“ greift Juli Zeh das Thema Bildung auf. Von der allgemeinen Erkenntnis, dass in Deutschland immer weniger gelesen wird und der Körper als Statussymbol dient, schlägt sie den Bogen zu den aktuellen Studentenprotesten der Studenten. Ihr Fazit: Die Gesellschaft hat ihre Prioritäten gewechselt, sowohl auf politischer Ebene (notorische Unterfinanzierung der Bildungseinrichtungen) als auch auf privater Ebene (Warum lesen, wenn man sich auch von RTL berieseln lassen kann?).

Die Umstellung von Köpfchen auf Kröpfchen ist ausnahmsweise nicht den allgegenwärtigen Sachzwängen geschuldet. Sie geschieht freiwillig. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel, der die geistigen Qualitäten des Menschen von Platz Eins der Werteskala verdrängt und das materiell Messbare über alles setzt. Exit unberechenbares Rätsel Mensch, enter genormte Biomaschine. Dies ist nicht nur eine Folge des Gottesverlustes, der die Menschen zwingt, in Ermangelung eines Unsterblichkeitsversprechens ihr Heil in der Perfektionierung des Körperlich-Diesseitigen zu suchen. Es ist zugleich Ausdruck der umfassenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche, nach deren Gesetzen Zeit niemals mehr als Geld sein kann und kurzfristige Effizienzerwägungen mehr zählen als das längerfristig angelegte humanistische Bildungsideal.

Ein äußerst lesenswerter Artikel einer der wenigen wirklich jungen Intellektuellen, die sich in die gesellschaftspolitischen Diskurse der Bundesrepublik einmischt, hat sie doch schon in „Angriff auf die Freiheit“ ein überzeugendes Plädoyer gegen die weitere Einschränkung der Bürgerrechte im Zuge der Terrorismusbekämpfung veröffentlicht.

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