Wasser predigen, Wein saufen: Der Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsvorwürfen

Ich bin im Schoss der katholischen Kirche aufgewachsen. Ich habe unzählige Male mit dem Chor in der Kirche gesungen, als Ministrantin das Kreuz getragen oder den Altarraum beweihräuchert. Und der sonntägliche Gang zur Messe gehörte zwölf Jahre lang ganz selbstverständlich zu meinem Leben. Ich fühlte mich in der kirchlichen Gemeinschaft wohl und im Kindergarten- und Grundschulalter habe ich gerne mit meinem Bruder zu Hause den Gottesdienst nachgespielt, genauso wie meine Cousinnen und viele andere Kinder, die im katholischen Glauben erzogen wurden.

Ich bezeichne mich als bibelfest und wage zu behaupten, dass ich zumindest in Zusammenarbeit mit meinem Bruder leicht die Namen der zwölf Apostel und möglicherweise sogar alle Brüder Josefs aufzählen kann. (Ok, zugegeben, das ist vielleicht schon etwas zu krass und wir müssten wohl wikipedia zu Rate ziehen). Ich persönlich habe mich schon länger von der katholischen Kirche distanziert, in erster Linie wegen ihrer Sexualmoral.

Ich komme aus Niederbayern, genauer gesagt aus dem Bayerischen Wald. Das ist dort, wo die Kirche noch wirklich Einfluss auf die Gesellschaft hat. Nicht unbedingt, weil die Menschen hier gläubiger oder redlicher sind als anderswo. Aber hier sind der Pfarrer und der Kaplan noch immer wirkliche Respektspersonen. „Die Herrn“ hat man vor noch nicht allzu langer Zeit zu ihnen gesagt. Die Gottesdienste sind an den großen Feiertagen noch immer richtig gut besucht, an einem gewöhnlichen Sonntag sieht es dagegen anders aus: Graue Haare und ein Durchschnittsalter von über 50 Jahren dominieren dann das Bild.

Eines ist sicher: Die katholische Kirche verliert auch im ländlichen Bereich weiter an Boden. Die Glaubwürdigkeit sinkt schon seit Jahren. Skandale auf lokaler Ebene gibt es immer wieder und dass es die viele der Pfarrer mit dem Zölibat nicht ganz so eng sehen, ist allgemein bekannt. Beispiele aus meiner Gegend der letzten Jahre: Ein junger, beliebter Pfarrer aus der Nachbargemeinde wird suspendiert und dann exkommuniziert, weil er zu seiner schwangeren Frau steht. Heute ist er mit ihr verheiratet. Ein volljähriger Ministrant soll ein Verhältnis mit einem Kaplan gehabt haben. Der Stadtpfarrer wird mit seinem Partner händchenhaltend in München gesehen.

Jeder, der es wissen möchte, weiß davon; und wer es nicht wissen möchte, sehr wahrscheinlich auch. Von allen wird das stillschweigend akzeptiert, ist ja schließlich menschlich. Schuld sind ja vor allem die Leute im Vatikan, die stur jahrhundertealten Regeln folgen, so die Meinung vieler, mit der Realität habe das ja nichts zu tun.

Doch seit fünf Jahren ist auch die Amtskirche wieder näher dran an den Menschen. Seitdem Josef Ratzinger Papst ist, und auf dem Heiligen Stuhl ein Bayer sitzt, ist alles anders. Der Kaplan fährt mit zwei kleinen Vatikanfahnen am Motorrad herum und in Regensburg produziert die Labertaler extra ein Papst-Erfrischungsgetränk. (Allerdings haben sie zu viel produziert von der goldfarbenen Schorle mit allerlei exotischen Früchten, denn Schüler der BOS fanden im Keller parlettenweise das Benedikt-XVI-Getränk).

Doch irgendwann ist Schluss mit lustig! Die Missbrauchsfälle sind eine Nummer größer! Es geht jetzt nicht mehr um die Privatangelegenheiten einzelner Priester, sondern um Kinder, die von ihren Eltern in die Obhut kirchlicher Einrichtungen gegeben wurden, um gerade auch in moralischer Hinsicht ausgebildet zu werden.

Doch hier tritt ein Dilemma auf: Wasser predigen, Wein saufen. Psychologen kennen dieses Verhalten: „So zeigt sich in zahlreichen Studien, dass Menschen, die sich öffentlich als moralisch besonders integer profilieren, eher dazu neigen, gegen genau diese Normen zu verstoßen. Ganz so, als brauchten sie den Kitzel einer besonderen Fallhöhe“, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Was ist die Reaktion der Kirche auf die Vorwürfe? Die Medienberichterstattung wird als Komplott gegen die Kirche dargestellt; Bischöfe beschließen, nun jeden Verdacht an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben: Sollte das denn in einem Rechtsstaat nicht die Normalität sein? Natürlich, es braucht eine Anzeige dafür, aber wer unter dem Deckmantel des Glaubens Leute stützt, die Kinder missbrauchen, sollte sich nochmal gut überlegen, was Moral heißt. Oder sich einfach nochmal das 8. Gebot durchlesen. Oder das Hirn einschalten.

Der Papst äußert sich in seinem Hirtenbrief nicht zur Situation in Deutschland. Der Regensburger Bischof Müller dagegen geht in die Offensive und forderte in seiner Predigt am vergangenen Sonntag die Menschen auf, die „Reife des Glaubens zu haben, nicht auf all diese Schalmeien wie 1941 hereinzufallen“. Er nutzt dadurch geschickt die Dynamik, die nach Nazi-Vergleichen entsteht und lenkt vom Kernthema – Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen – ab: Kaum jemand redet mehr über die Sache an sich, sondern nur mehr über den Vergleich.

Im Passauer Bistumsblatt gab letzte Woche ein Kaplan einen Kommentar zu den Missbrauchvorwürfen ab, der mich zur Weißglut trieb. Erstens stellte er sie auf eine Stufe mit der Trunkenheitsfahrt von Bischöfin Käßmann und fordert „Wer ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein“. Zweitens schreibt er: „Gott geht es nicht um reine Bestrafung nach dem Gesetz“. Gott vielleicht nicht, aber den Opfern, ihren Eltern und dem Staat!

Mit diesem Verhalten, das in erster Linie das Ziel hat, zu vertuschen und sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen, anstatt zu den Straftaten/Sünden zu stehen, wird die katholische Kirche eine große Zahl an vernünftigen Anhängern verlieren. Also die, die durch die Ablehnung von Homosexuellen, dem Verbot von Verhütung oder der Enthaltsamkeit als Lösung gegen AIDS in Afrika noch nicht genug angewidert sind. Also die, die bisher dachten, sexueller Missbrauch und Gewalt seien weit weg, in den USA oder in Irland oder sonst wo. Also die, die bisher nach viel Gemurmel und Gerüchten auf Beweise gewartet haben. Und von denen gibt es einige, auch in Niederbayern und der Oberpfalz. In Gegenden, die das Rückgrat der Kirche – katholisch und ländlich – sind.

In den nächsten Wochen und Monaten wird es wohl immer stiller werden um katholische Kirche. Das mediale Interesse wird abebben und die Bischöfe und Internatsleiter können sich wieder in ihre Glaubenswelt zurückziehen. Doch die katholische Kirche, die sich selbst als moralische Instanz sieht in einer Welt, die in ihren Augen immer unmoralischer wird, hat ihr wichtigstes Argument verloren: Ihre Glaubwürdigkeit. Da nützt auch ein Papst, der „einer von uns“ ist, nichts.

tweetkirchenaustritt

Wenn Papst Benedikt XVI. in einer Woche am Ostersonntag auf dem Balkon am Petersplatz stehen wird und seinen Segen „urbi et orbi“ sprechen wird, wird ihm ein eisiger Gegenwind aus seiner Heimat ins Gesicht blasen.

Der Kabarettist Volker Pispers meint zum Regensburger Bischof: „Beichten befreit: Den einen von seinen Sünden, den anderen von seiner Pflicht Strafanzeige zu stellen.“ Unbedingt anschauen! Ab Minute 4:40. (via @zideshowbob)

Zum Weiterlesen:

Hans Küng, suspendierter Theologe, zu Ratzingers Verantwortung

Leben mit der Doppelmoral: Warum gerade erklärte Moralisten oft zu sexuellen Eskapaden, Rassismus und Betrug neigen.

9 Antworten zu “Wasser predigen, Wein saufen: Der Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsvorwürfen”

  1. Lolnerd sagt:

    Exzellenter Artikel! Word!

  2. Alexandra sagt:

    Man könnte wirklich verrückt werden wenn man sich vor Augen hält wie paradox es ist, was die katholische Kirche hier gerade veranstaltet. Da wird munter alles verraten, was doch angeblich die Grundsätze des Glaubens sind. Nächstenliebe, Ehrlichkeit und Anstand. Dein Artikel fasst diese Abgründe unglaublich treffend, danke.

  3. torschtl sagt:

    super geschrieben!

  4. Ursel sagt:

    dem stimme ich auch zu. ich bin auch echt froh, konfessionslos zu sein.

  5. günhter sagt:

    ich denke, dass ist leider nur ein teil der ganzen wahrheit, was da in der kirche alles abläuft …. aber super beschrieben !!!

  6. Tanja sagt:

    @ Günther
    Ja, ich denke auch, dass davon nur ein Bruchteil an die Öffentlichkeit gekommen ist. Ich möchte gar nicht wissen, was da in Wirklichkeit alles los ist.

  7. Marco sagt:

    Ich denke, dass das schon immer so war und auch so bleiben wird. Die Masse der Menschheit ist eben leicht zu manipulieren…

  8. Luise sagt:

    Ja, das sehe ich auch so. Und die Relegionen nutzen das zum Teil einfach aus…

  9. Rüdiger sagt:

    vielen Dank für diesen Artikel, Sie zeigen die Ambivalenz der katholischen Kirche auf

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