Ist eine grüne Wirtschaft möglich?

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sagt „Ja“

Die Erde wird sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer weiter erwärmen. Das Kyoto-Protokoll wird 2012 auslaufen und die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen blieb ohne Ergebnis. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman erklärt, warum es nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll und notwendig ist in den Planet Erde zu investieren: Man zahlt heute einen Preis, wovon in Zukunft alle durch eine weniger zerstörte Erde profitieren.

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Wie viel kostet es, wenn Staaten weltweit aktiv werden und konkrete Maßnahmen gegen Kohlenstoffdioxidemissionen ergreifen? Geht man von dem wahrscheinlichen Anstieg der Temperaturen aus, rechnet Krugman in den Jahren 2010 bis 2050 mit Kosten in Höhe von einem bis drei Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums. In den westlichen Industrienationen setzt er diese aber höher an als in weniger entwickelten Ländern. Denn in China ist es beispielsweise leichter als in Deutschland möglich mit geringem Aufwand viel Energie einzusparen, weil damit dort sehr ineffizient umgegangen wird.

Tun die Regierungen nichts und ignorieren die Erderwärmung,  werden Schäden und Zerstörungen durch Dürre, Überflutungen oder schwere Stürme negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Was ist der Preis, den die Welt dafür zahlen muss? Die Weltwirtschaft würde dann um zwei Prozente schrumpfen – jedes Jahr.

In Modellen, die solche Werte schätzen, gehen Krugman und alle anderen Ökonomen vom Homo oeconomicus aus, d.h. jeder Mensch trifft immer die wirtschaftlich optimale Entscheidung. Fehler treten im Modell aber dann auf, wenn Konsumenten zum Beispiel nicht immer Energie sparen, selbst wenn sie dadurch mehr Geld zur Verfügung hätten. „Weil es unwahrscheinlich ist, dass diese Modelle alles richtig machen, ist es gut, dass man davon ausgehen kann, dass diese Modelle die wirtschaftlichen Kosten eher über- als unterschätzen“, schreibt Krugman.

krugmann„Vergleichen kann man die Kosten einer aktiven Klimaschutzpolitik mit den Kosten, wenn nichts unternommen wird, allerdings nicht so einfach“, stellt Krugman, der an der Princeton University lehrt, klar. Vor allem wegen dem Unsicherheitsfaktor. „Niemand weiß wirklich, welche Schäden aus den als wahrscheinlich geltenden steigenden Temperaturen resultieren“, sagt Krugman. Viele werten diese Unsicherheit als Argument gegen eine aktive Eindämmung der Erderwärmung. Krugman sieht das ganz anders: „Eine absolute Katastrophe ist eine realistische Möglichkeit.“ Er gibt zu, dass es nicht das wahrscheinlichste Szenario ist, dennoch bezeichnet der amerikanische Ökonom eine unterlassene Klimapolitik als unverantwortlich – „wenn nicht sogar kriminell unverantwortlich“.

Emissionsrechtehandel, um Unternehmen in den Klimaschutz einzubinden
Um eine grüne Wirtschaftspolitik zu erreichen, müssen auch die Unternehmen in den Klimaschutz eingebunden werden. Das kann zum Beispiel mit einem Emissionshandel erreicht werden, wodurch es für die einzelnen Unternehmen finanziell lohnt CO-2 einzusparen. Praktisch funktioniert dieses System folgendermaßen: Staaten legen eine Obergrenze (englisch: cap) an CO2-Emissionen als Ziel fest. Außerdem gibt es Zertifikate vom Staat, die zum Ausstoß von einer bestimmten Menge an CO2 berechtigen. Wird mehr emittiert, drohen Strafen. Nur wenn ein Unternehmen sich auf dem Markt von einem anderen, das weniger CO2-Ausstoß produziert als es ihm erlaubt wäre, weitere Zertifikate kauft, darf es dementsprechend mehr CO2 ausstoßen. Im Englischen heißt dieses System „Cap-and-trade“, was die zweigeteilte Funktionsweise des Emissionsrechtehandels beschreibt: Auf der einen Seite gibt es eine Zielvorgabe des Staates (cap), auf der anderen Seite den freien Handel mit den Zertifikaten (trade). Den maximalen Gewinn bekommt ein Unternehmen dann, wenn es entweder den Gewinn maximiert oder die Kosten, also die Emissionen, minimiert.

Viele konservative Politiker lehnen ein solches System ab. Dazu meint Krugman: „Sie glauben, dass das kapitalistische System mit allen Arten von Beschränkungen umgehen kann, dass Technologie, sagen wir, leicht alle Grenzen an Wachstum überwinden kann, die sich durch weniger Öl oder anderen natürlichen Ressourcen ergeben.“ Bei beschränkten Emissionen würden sie das dem privaten Sektor aber absolut nicht zutrauen. „Warum glauben sie nicht, dass die Dynamik des Kapitalismus ihn anspornt Wege zu finden, es auch in der Welt von reduzierten CO2-Emissionen zu schaffen? Warum verliert der Markt seinen Zauber, sobald die Marktanreize für die Erhaltung wirken?“

Vorreiter eines Emissionsrechtehandels sind die Länder der Europäischen Union. Bis 2012 sollen so die durchschnittlichen Treibhausemissionen um acht Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 gesenkt werden. Seit 2005 setzt die Europäische Kommission auf die Grenze von 2,08 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid. 12 000 Anlagen und Fabriken aus der Stahlindustrie oder der Baustoffherstellung dürfen seit 2005 nur mehr eine bestimmte Menge an CO2 ausstoßen. Sonst müssen sie Strafen in Höhe von 100 Euro pro Tonne Kohlendioxid zahlen. Momentan liegt der Preis für eine eingesparte Tonne CO2 zwischen 12 und 15 Euro. Andere Treibhausgase wie Methan sind von der Regelung nicht betroffen.

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Wie aggressiv soll gegen den Klimawandel angegangen werden?
Für Krugman bleibt noch eine Frage offen: Wie aggressiv soll tatsächlich gegen den Klimawandel angegangen werden? Konkret heißt das: Wie viel kostet die Tonne CO2? Im Prinzip gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten. Die Rampenpolitik oder die Politik eines Big-Bangs. Bei der klimapolitischen Rampenpolitik liegt der Einstiegspreis für eine Tonne CO2 bei 30 US-Dollar und steigt bis zum Ende dieses Jahrhunderts wohl auf 200 US-Dollar an. Die Politik des Big-Bangs setzt von Anfang an hohe Preise fest.

Um sich für eines dieser Modelle zu entscheiden – entweder ein langsamer Anstieg der Preise oder ein hoher Preis von Anfang an – muss untersucht werden, welcher der Investitionen sich besser auszahlt. Dazu muss der Schaden, den eine zusätzliche Tonne an CO2 ausmacht, geschätzt werden. Das ist schwierig, denn wie sollen Schäden, die erst in weiter Zukunft ins Gewicht fallen, in die Berechnungen einfließen?

Die Befürworter des Rampenkonzepts schätzen den Schaden einer zusätzlichen Tonne in den kommenden Jahren als gering ein. Erst gegen Ende des Jahrhunderts, wenn sich wesentlich mehr CO2 in der Atmosphäre befindet, werden die Schäden und damit die Kosten der negativen Folgen steigen. Diese zukünftigen Belastungen sollten aber in ihren Augen keinen Einfluss auf die heutige Politik haben, so wie sie auch in der Privatwirtschaft heute keine Rolle spielen.

Für das Gegenteil plädieren die Anhänger der Big-Bang-Theorie: Der Staat soll viel weiter in die Zukunft planen, als es die privaten Investoren tun und sofort stark in eine effektive Umweltpolitik investieren. Nicolas Stern, Ökonom an der London School of Economics, argumentiert auch moralisch: „Die Politik muss genauso viel Gewicht auf die Wohlfahrt zukünftiger Generationen wie auf die der Heutigen legen.“

Auf welcher Seite steht Paul Krugman? Er tendiert zur Big-Bang-Theorie. Ihn überzeugt nicht Sterns moralisches Argument, sondern dass es die Aufgabe eines Staates sei,  längerfristiger zu planen, als es der private Sektor tut. Die Rampenpolitik erscheint ihm wie ein Experiment mit dem Planet Erde: „Ein System von langsam ansteigenden Preisen geht davon aus, dass die Konzentration von CO2 auf einem Niveau doppelt so hoch wie im vorindustrialer Zeit stabilisiert werden kann.“ In Anbetracht, dass Klimawissenschaftler ihre Schätzungen für den Temperaturanstieg in den letzten Jahren immer weiter erhöht haben, sei nicht sicher ob das gelingen kann.

Im Zweifel gegen einen freien Weltmarkt
Sinn macht ein Emissionsrechtehandel natürlich nur in einem geographisch größeren Raum, denn Treibhausgase machen vor Staatsgrenzen nicht halt. Für ein globales Problem, kann nur eine globale Lösung helfen. Der Handel mit Emissionszertifikaten muss also von der EU auf die ganze Welt ausgeweitet werden. Das heißt: Wenn China nicht alle seine Emissionszertifikate braucht, verkauft es die übrigen an die USA. Das wäre nichts anderes, als dass die USA China dafür bezahlt, in Amerika mehr C02 ausstoßen zu dürfen.

Doch was, wenn die Entwicklungsländer nicht bei diesem System mitmachen wollen? Länder wie China oder Indien zeigen auf die viel höheren Pro-Kopf-Emissionen in den Industriestaaten und sehen sich deshalb nicht in der Pflicht aktiv gegen steigende Temperaturen anzugehen.

Krugmans Antwort ist drastisch: Strafzölle. Zum Beispiel, wenn sich die USA und die Europäische Union verpflichten pro Tonne an Emissionen 100 US-Dollar zu zahlen. China will da aber nicht mitmachen und zahlt nichts für sein freigesetztes CO2. Wenn Chinesen nun  Schuhe oder andere Waren nach Europa oder in die USA exportieren wollen, müssen sie mit Strafzöllen von 100 oder mehr Dollar rechnen. Für den Konsumenten bleibt der Preis für die Schuhe gleich, egal ob sie New Jersey oder Guangzhou hergestellt werden, beide Male ist im Preis der CO2-Austoß miteinbezogen – auch wenn in China weiterhin gratis CO2 ausgestoßen werden darf.

„Es ist wichtig die Weltmärkte offen zu halten, aber eine globale Katastrophe zu verhindern ist noch wichtiger“, sagt Paul Krugman. Er ist davon überzeugt, dass die USA und die EU zusammen den Rest der Welt von einer solchen Politik überzeugen können oder zumindest so viel Druck ausüben können, dass alle anderen Länder mitmachen müssen. Für die ganze Welt würden dann Treibhausgase einen bestimmten Betrag kosten.

In Krugmans Heimatland, den Vereinigten Staaten, gibt es heftigen Widerstand gegen eine solche Politik. Doch seitdem mit Barack Obama ein Demokrat Präsident ist, blickt Krugman optimistischer in die Zukunft. Dass es bis heute keinen wirklichen Versuch gegeben hat, den Klimawandel einzudämmen, hat für ihn weder naturwissenschaftliche noch wirtschaftliche Gründe, sondern ist nur politischer Ablehnung geschuldet: „Wir wissen, wie wir die Treibhausgasemissionen begrenzen können. Wir können die Kosten abschätzen – und sie sind tragbar. Alles was wir jetzt brauchen ist politischer Wille.“
(Foto: Flickr, Center for American Progress)

6 Gedanken zu „Ist eine grüne Wirtschaft möglich?“

  1. Der Emissionshandel ist ein interessanter Weg, um die Folgen des Klimawandels abzumildern. Letztlich wird aber auch das allein nicht ausreichen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Solange wir weiter fröhlich unsere Umwelt zubetonieren und am Wachstumsdogma festhalten, bleiben die Ursachen der Krise bestehen.

    Zumal das Auftreten Chinas (und aus nachvollziehbaren Gründen auch diverser OECD-Länder) nicht erwarten lässt, das China da mitmachen wird. Vor Strafzöllen werden sich die westlichen Staaten hüten.

    Ich hoffe natürlich dass es anders kommt. 😉

  2. Ich bin bzgl. China deiner Meinung: Ich glaube nicht, dass sich China in nächster Zeit auf klimafreundliche Wirtschaftspolitik einlösst.

    Und ob Zölle wirklich der Weisheit letzter Schluss sind, bezweifle ich auch… zumindest solange nicht so gut wie alle Staaten mitmachen.

  3. ich sehe das hauptproblem auch in china. solange dort nicht nachhaltig was richtung klimaschutz unternommen wird, bringt es recht wenig, wenn europa in diesem bereich die vorreiterrolle einnimmt.

  4. Natürlich spielt auch China eine nicht zu vernachlässigende Rolle in der ganzen Geschichte. Ich finde deren Verhalten in Kopenhagen unverantwortlich.
    Trotzdem ist nicht China zu den Verursachern der ganzen Sache mit dem Klima zu zählen sondern annähernd die gesamte nördliche Hemisphäre.
    Nunja und dass es „ökologisch [und] auch ökonomisch sinnvoll und notwendig ist in den Planet Erde zu investieren“ wissen wir schon eine ganze Weile. Das die Umsetzung des Gedankenguts auf sich warten lässt, liegt nicht an China und auch an keinem anderen einzelnen Staat der Welt, sondern daran, dass Verantwortung in Firmen und Staaten mit der Legislatur aufhört.
    Kein Manager dieser Welt wird gerade der erste sein, der mit seinem Unternehmen tiefrote Zahlen schreibt, „nur“ um die Welt zu retten. Kein Politiker will das Benzin so teuer machen, dass die Leute zwar weniger Autofahren aber er nicht wiedergewählt wird. Solange Politiker für 4 Jahre und Manager oft nur für 2 oder weniger Jahre im Amt sind, wird sich daran nichts ändern.
    Auch hier. In Deutschland.

  5. Das Problem ist sicher in den westlichen Industriestaaten fest verankert, aber immerhin sind hier schon seit einigen Jahren Tendenzen zu einer klimafreundlicheren Poltik und Lebensweise erkennbar. Wir sehen immerhin ein, dass ein Umdenken nötig ist. China wird vermutlich in den nächsten Jahren seine umweltfeindliche Wirtschaft nicht zurückfahren sondern ausbauen und damit auch europäische Besserungsbemühungen zunichte machen.

  6. So wird es wohl kommen. Deshalb würde ich es für sinnvoller halten, dass man zunächst einen weltweiten Konsens in diesem Bereich findet und einzuhaltende Rahmenbedingungen für alle schafft. Alles andere hat aus meiner Sicht keine nachhachtigen Auswirkungen auf die Erhaltung der Umwelt. Und darauf kommt es doch an und nicht wer Öko-Weltmeister ist !!!

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