Atomenenergie ist wie Russisches Roulette mit einer AK47

Samstagmorgen im Sommer. Ich bin acht Jahre alt und suche mit meinem Papa und meinem Bruder Schwammerl im Wald. Ich hatte nicht wirklich Spaß an der Sache, das lange Gehen, steil war es noch dazu und eigentlich mochte ich Pilze nicht wirklich.  Wir waren aber ziemlich erfolgreich: Wir fanden Dobernigel, Rehgeissal und Pfifferlinge. Nur die Giftigen und Ungenießnbaren ließen wir im Wald: Fliegenpilze natürlich, die jedes Kind kennt, aber auch Bitterlinge. Und Maronennatürlich, denn die hatten bei dem Reaktorunfall in Tschernobyl besonders viel Strahlung abbekommen und auch Jahre danach war es besser sie lieber nicht zu essen. Sogar noch im letzten Sommer – mehr als 20 Jahre nach dem GAU in Tschernobyl – warnte der Bayerische Rundfunk davor Wildpilze zu essen.

Nicht weit weg vom Dreiländereck Deutschland-Österreich-Tschechien, in der Nähe von Budweis, steht das größte tschechische Atomkraftwerk Temelin. Immer wieder gab es dort Störfälle, Ungereimtheiten und Probleme (tagesschau-Reportage: Das Wort „Problem“ ist im AKW Temelin unbekannt). Zu Beginn des neuen Jahrtausends demonstrierten immer wieder Leute für die Schließung des AKWs, in Österreich gefährdete die Temelinfrage fast den EU-Beitritt Tschechiens. Interessanterweise waren viele nicht gegen Atomenergie im allgemeinen, sondern nur gegen das AKW in Tschechien, wo die Sicherheitsrichtlinien lascher sein sollten. Generell ist die Meinnung nach meinem Eindruck: Lieber Strom aus sicheren deutschen AKWs als aus veralteten Anlagen sowjetischer Bauart. Ach ja, Temelin soll weiter ausgebaut werden.

Doch was nun? In Japan galten die AKWs als sicher, modern und mit hoher Ingenieurskunst gebaut. Hat alles nichts geholfen! Denn im Endeffekt ist Atomenenergie der Wahnsinn. Es passieren die ganze Zeit unglaubliche Sachen, wieso nicht auch eine Verkettung unglücklicher Umstände, die zu einem GAU in Deutschland führen? Naturkatastrophen sind in Deutschland nicht so wahrscheinlich (aber natürlich, ein Restrisiko bleibt, hat uns ja die Atom-Lobby gelehrt). Flugzeugabstürze dagegen sind eine reale Gefahr, so der bayerische Umweltminister Markus Söder. Und es passiert einfach ein Kurzschluss, worauf hin die Notstromversorgung nicht anspringt und es fast zu einer Kernschmelze kommt – so wie 2006 in Schweden.

Söder im Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

SZ: Muss man über die Laufzeitverlängerung jetzt noch einmal reden?

Söder: Japan verändert alles. Auch bei mir. Daher ist es ist in Ordnung, wenn man die eigenen Positionen hinterfragt. Die Laufzeitverlängerung ist nur dann vertretbar, wenn Sicherheit absolute Priorität vor Wirtschaftlichkeit hat. Es braucht einfach noch einmal eine grundlegende Debatte über alle möglichen Risiken und Schutzmechanismen dazu.

Mögliche Risiken Das lustige und perfide an der Sache ist ja, dass man nicht alle möglichen Risiken herausfinden kann. Es können Zufälle passieren: ein Kurzschluss, dann funktioniert die Notstromversorgung nicht, vielleicht macht jemand auch einfach einen Fehler, möglicherweise geschieht etwas Unerklärliches oder bei der Wartung wird geschlampt. Dieses „Restrisiko“ mit dem sich die Atom-Lobby jahrzehntelang hinter statistischen Berechnungen vor den Argumenten der Atom-Gegner versteckt haben, ist jetzt in Japan eingetreten.

Zum berühmten Restrisiko:  (Ich wage hier mal einen Vergleich, von dem ich nicht weiß, ob er auch technisch in der Realität funktioniert.) Atomenergie zu nutzen, ist wie einzuschlafen mit der Mündung einer AK 47 an der Schläfe, von deren Patronen jedoch nur eine funktioniert und der Abzug nur betätigt wird, wenn Schnüre, die im Zimmer wirr aufgehängt sind, in einer ganz besonderen Reihenfolge gezogen werden. Dass es dazu kommt ist unwahrscheinlich, aber ruhig schlafen könnte ich nicht – dieses verfluchte Restrisiko mal wieder.

Die Atomkraftwerke an sich sind nur ein Teil der Unischerheit, der andere ist die Endlagerung. Dort wird  ganz klassisch mit Verdrängung gearbeitet. Ich stelle mir das ganze so vor:

AKW-Mensch I: „Wir haben hier radioaktive Abfälle und wissen nicht was wir damit tun sollten. Kann ziemlich gefährlich werden, hoffentlich erst in ein paar tausend Jahren. Aber so genau weiß das ja niemand.“

AKW-Mensch II: „Ich weiß das so nen leerstehenden Salzstollen. Lass uns das Zeug einfach da runter bringen. Gott sei Dank, haben wir Deutschen neben den sichersten AKWs auch die sichersten alten leerstehenden Salzstollen.“

AKW-Mensch I: „Gute Idee! Aus den Augen aus dem Sinn.“ (Gemeine Bösewichtlache.)

So, und dann vergräbt man das Zeug als in einem Salzstock, in den Wasser eindringt. Und dabei sollen die ja da am Besten noch tausende Jahre liegen.  In der Wikipedia heißt es zum Versuchsendlager Asse: „Eine erneute Überprüfung des Inventars zeigt 2010 zusätzlich zu den bisher angenommenen ca. 1.300 weitere 14.800 undeklarierte Fässer, somit insgesamt 16.100 Abfallbehälter mit mittelradioaktivem Müll.“ 16 000 Fässer liegen also nur mal so zum Versuch, zum Testen?! WTF!

Jetzt ist es Zeit, denn Atomausstieg endlich wieder rückgängig zu machen. Und wenn in einem anderen Industrieland plötzlich eine Katastrophe nach der anderen passiert, geht es plötzlich ganz schnell: Sieben AKWs will die Regierung bis auf unbekannte Zeit abschalten. Leider ergreift mich das Grfühl, dass es sich dabei weniger um eine überzeugte Tat handelt, als die Angst vor den Landtagswahlen in Baden-Würtemberg. Aber darüber sehe ich hinweg, denn das ist jetzt die Chance den Atomausstieg wieder rückgängig zu machen.

Wir brauchen nicht darum herumreden: Atomenergie ist billig und effizient. Aber damit stehen wir vor einem ähnlichen Dilemma wie nach der Finanzkrise – wenn alles gut geht, ist alles fein, wenn aber was schief läuft, dann ist die Kacke kräftig am Dampfen. Mit dem Unterschied: Eine Wirtschaftskrise zerstört nur Geld und Existenzen, Atomunfälle töten Menschen.

Unbedingt lesen: Die Göttlichkeit der Atommaschine nach menschlichem Ermessen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.