Mobil machen in Syrien

Manche Geschichten sind so verquer, ambivalent und absurd, dass sie einfach nur noch komisch sind. So wie diese: Amina Adalla ist  verschleppt worden, mitten in der Hauptstadt Syriens.  So steht es plötzlich auf ihrem Blog, es gebe Zeugen. Amina Affaf bloggt als Gay Girl in Damascus mit Verve und einem großen „Fuck you“ gegen das politische System in Syrien.

Die Bevölkerung hat dort seit Wochen und Monaten soviel Druck auf Präsident Baschir und seine Regierung aus Geheimdienst und Militär ausgeübt, dass das Regime nur mehr mit Gewalt zu helfen weiß. Unter dem schlanken Baschir, dessen Aussehen sich aus einem Hitlerbild in einem Programm, das Gesichter verzerrt, darstellen lassen kann gibt es so viel Gewalt, dass Tausende Menschen über die Grenze in die Türkei flüchten. Die Proteste der Bevölkerung sollen vor allem auf dem Land sein, im Norden des Landes, in Gegenden, von denen die türkische Grenze nicht mehr als 150 Kilometer zurück sind.

Recht viel mehr ist nicht bekannnt. Journalisten dürfen sich schon lange nicht mehr dort aufhalten, nachdem die Rebellionen in Nordafrika und dem Nahen Osten im Winter und Frühling auch in Syrien die Menschen für mehr Freiheit, mehr Geld und mehr Demokratie forderten. In Berlin hatte es schon im März Demonstrationen gegen die syrische Regierung gegeben, etwas abseits von Kairo, Tunis und Bahrain und machten mobil. Ein bisschen Informationen aus dem Land zwischen der Türkei und Israel, bringt Amina Abdalla. Annina verlinkte auf Facebook zu den Unterstützern von Amina, ebenfalls auf Facebook, wo ihre Seite „Free Amina Abdalla“ heißt. Mir gefiel das natürlich, genauso wie 13 Tausend 399 anderen bis gerade eben auch.

Plötzlich zwei Tage, nachdem ich den Gefällt-mir-Button gedrückt habe und mehrere Artikel, die ich nur am Rande auf den üblichen feministischen Blogs wahrnahm, ist aus Amina Abdalla, einer 26-Jährigen aus Damaskus plötzlich ein 27-jähriger Amerikaner aus Istanbul geworden.

Hä? Und nun?

Gedanken aus erster Hand und weiterführende:

  • Apology to reader – Die Entschuldigung von Tom MacMaster, in der er erklärt, warum er angefangen hat, als lesbische Frau zu bloggen und die Entführung seiner Person (in einen syrischen Folterkeller) zu inszenieren.
  • Amina is a Man, and He’s Sorry – so am I! – Auch Annina entschuldigt sich dafür, dass sie ihre Leser aufforderte eine Petition zu unterschreiben. Ich meine: Der Fehleralam hat wenigstens geklappt.
  • A Fake Girl in Damascus – Hakan fragt sich, wie solche Identitäten von Onlinepersonen überprüft werden könnten. Denn gerade auch, dass Journalisten die Geschichte aufgenommen haben ohne offenbar herauszufinden, dass Amina eigentlich von Tom erfunden wurde, machte sie groß.
  • Lesbian Ranting – “Amina” und “Paula” Charly ist auf Kweens ja mal richtig sauer, u.a. wegen, wer einem lügt, dem glaubt man kaum. Und tatsächlich: Würde morgen eine 23-jährige Frau aus Syrien verschwinden, woher soll man den wissen, ob es die Person hinter der anrührenden Geschichte aus wirklich gibt? Und warum machte das Tom MacMaster überhaupt fünf Monate lang?

2 Gedanken zu „Mobil machen in Syrien“

  1. Und warum machte das Tom MacMaster überhaupt fünf Monate lang?

    Weil er wusste, dass das Publikum so eine Geschichte dankbar (und unkritisch) aufnimmt. Er hat genau das gegeben, was erwartet wurde.

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