Von 90 auf 120 km/h: Blitzermelder als Raserhelfer

Heute geht’s um Daheim, also dem Bayerischen Wald. Autos sind dort das ultimative Statussymbol. Kein Wunder, denn neben Schulbussen gibt es kaum öffentliche Verkehrsmittel. Wer nicht mit 15 den Rollerführerschein macht, ist bis zur Volljährigkeit auf Erwachsene oder ältere Freunde angewiesen, wenn man von A nach B kommen will. Und von A nach B ist es oft ziemlich weit und bergig, was zum Beispiel Rad fahren ausschließt. Der 18. Geburtstag heißt als eigener Führerschein, mobil und unabhängig sein.

Die Straßen zwischen den Bergen sind kurvenreich und oft leer. Das lädt schon sehr dazu ein, einen auf Sebastian Vettel zu machen und das Gaspedal sauber durchzudrücken. Wer am schnellsten fährt, ist der Macker, am besten mit einem Audi Quattro, mit einem Aufkleber der Adi-Ringe an den Seiten und einem Abschleppseil, das aus dem Kofferraum hängt. Marktrunden, bei denen sinnlos x-Mal im Kreis durch die Stadt gefahren wird, ist eine beliebte Freitzeitgestaltung in Waldkirchen. Ausgeruht wird sich dann an Tankstellen, wo sich Jugendliche versammeln und abhängen (inklusive eigenen Klappstühlen und Notebooks).

Vor der Wende mussten die Autobesitzer aus dem Landkreis Freyung-Grafenau mit die höchsten Prämien für Autoversicherungen zahlen. Inzwischen wurden sie von ein paar Landkreisen in Ostdeutschland überholt.

Kein Wunder, dass immer wieder tödliche Autounfälle gibt. Vor zwei Jahren starben vier Mädchen um die 18 Jahre auf dem Weg ins McDonalds. Die Ursache ist, soweit ich weiß, ungeklärt, wahrscheinlich überhöhte Geschwindigkeit. Vor wenigen Monaten verunglückten zwei Cousins gemeinsam, eine weitere Frau starb dabei. Die Unfälle werden medial aufgebauscht: Bei den Mädchen waren überregionale TV-Teams da, aber auch die Lokalpresse beteiligt sich inzwischen Rege. Berichtet wird über Gedenkgottesdienste und Auto-Korsos (sic!), die rund um die Todesfälle entstehen. Am krassesten fand ich einen Brief eines Mädchens an ihren verstorben Bruder, der fotografiert und gut leserlich abgedruckt wurde. Das ist Boulevard ohne Skrupel vom feinsten.

Das ist natürlich alles schlimm, jaja, klar. Aber mei, was soll man denn machen?

Langsamer fahren offensichtlich nicht. Unterstützt wird die Raserei von den sogenannten Blitzermeldern. Früher ging das ganze über private SMS, in denen Leute schrieben, wo Radarkontrollen stehen. Damit an den passenden Stellen abgebremst und dann wieder schnell auf 130 km/h beschleunigt werden kann.

Vier junge Burschen aus meinem Heimatort haben nun eine Facebookgruppe gegründet, in der nun zentral über die neuesten Blitzer informiert wird. 36000 Autofahrer machen laut einem Artikel mit dem Titel “Bayerns größter Blitzermelderclub” in der Passauer Neuen Presse. Kritische Fragen über das zweifelhafte Fahrverhalten vieler junger Leute in der Gegend fehlen völlig. Stattdessen werden “der selbstständige Unternehmer” und “Versicherungsmakler” als verantwortungsbewusste Herren dargestellt, die sich in den Dienst der Öffentlichkeit stellen. (Dass, wenn mich mein Gedächtnis nicht irrt, beide schon in sehr jungen Jahren Sportwagen gefahren haben, findet keine Erwähnung). Als ob die schweren Unfälle, denen die Zeitung so viele Zeilen gewidmet hat, völlig im Redaktionsarchiv vergessen wären.

Am Ende des Artikels kommt die Auflösung. Die Passauer Neue Presse beteiligt sich nun selbst an dem Projekt zur Mithilfe zur Raserei. Damit wird es auch in Zukunft nicht an Sonderberichterstattungen von Beerdigungen mangeln.

Disclaimer: Ich habe früher selbst für die Passauer Neue Presse als freie Mitarbeiterin gearbeitet.

2 Gedanken zu „Von 90 auf 120 km/h: Blitzermelder als Raserhelfer“

  1. Auf Landstraßen halte ich die Blitzerei für durchaus legitim, noch dazu wenn die Unfallstatistik diese unterstützt. Dennoch finde ich die Durchsagen bzgl. Blitzer in der Regel mehr als hilfreich. Grad in den ganzen unnötigen 30er Zonen wo weit und breit keine Schule oder sonstwas ist, ist es durchaus von Vorteil wenn man weiß, dass da jemand steht. 15€ läppern sich auch über kurz oder lang.

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