Unser Star für Oslo

Die Attentate in Oslo und auf der Insel war das erste Ereignis, bei dem Twitter meine erste Anlaufstelle war. So war ich scheinbar in Echtzeit an den Geschehnissen und der Aufklärung dabei, zumindest passiv. Aktiv bei der Verbreitung von Informationen dabei war und ist noch immer @hakantee. Von ihm kam der erste Tweet den ich las, dass es offenbar eine Explosion in der Osloer Innenstadt gab. Den ganzen Tag verteilte er Links. Es verfestigte sich der Verdacht auf eine Bombe. Augenzeugen, Zeitungen und norwegische Behörden meldeten sich zu Wort. Bis zum späten Nachmittag am Freitag stand fest, dass zwei Bomben explodiert sind, das Gebäude, in der die Regierung arbeitet und auch der Premierminister sein Büro hat, angegriffen wurde. Von Opfern hörte ich aber nur wenig.

Die Frage nach dem „Warum?“ taucht natürlich sofort auf. Was soll das? Klar, islamistische Terroristen! Schließlich ist Norwegen im Libyenkrieg involviert, Gaddafi soll ja letztens auch den Europäern gedroht haben und überhaupt wären für so Terroristen im Nahen und Mittleren Osten die ganzen nordischen Länder sowieso eins. Da kann’s dann wegen Karikaturen in einer dänischen Zeitung vor zwei, drei Jahren dann auch schon mal leicht auch im Nachbarland knallen. Was ja einfach ein sehr dummes Argument ist. Schließlich ist Al-Kaida mit seiner internationalen Struktur und weltumspannenden Netzwerk ein Paradebeispiel für “eine globale Wertzerstörungskette”, wie der „New York Times“- Kolumnist Thomas Friedman schreibt.

Zurück nach Nordeuropa. Plötzlich in der Timeline: Schießerei in einem Jugendlager. Keine weiteren Infos. 20 tote Jugendliche. Hat das was mit den Explosionen in Oslo zu tun? Wär ja schon ein krasser Zufall, wenn nicht, oder? Was genaues weiß man nicht. Von norwegischer Regierungsseite kam lange nichts. In den Medien tauchen die Köpfe der Terrorexperten auf, von denen seit dem 11. September jede Redaktion einen in der Telefonliste hat.

Über Nacht hatte sich dann viel getan: Die Polizei hat einen Tatverdächtigen festgenommen. Ein norwegischer Mann, der sich dem christlich-rechten Extremismus zurechnen lässt. Antislamisch, antifeministisch, antisozial, soweit man das schon beurteilen kann. Ein Irrer jedenfalls, der über 80 Kinder und Jugendliche in einem Sommerlager ermordete. Er hatte sich mit einer Polizeiuniform Zugang beschafft. Überlebende berichten aber auch von einem zweiten Schützen, nach dem die Ermittler am Sonntagnachmittag fahndeten. Anders Behring B. hält sich an die Regeln der Internetgesellschaft und hat noch vor ein paar Tagen eine Facebook-Seite angelegt, Freunde hatte er keine. Im Gegensatz zu den Attentätern in den letzten Jahren, egal ob Islamisten oder Amokläufer, hat sich B. aber nicht selbst das Leben genommen.

Der Politologe David C. Rapoport, der schreibt, dass Terrorismus in Wellen existiert, die über die Gesellschaften hinwegrollen. 15 bis 30 Jahre dauerten in der Vergangenheit diese Aufbäumungen , die alle gleich verlaufen: Erst der Aufbau, dann die Reifung und zuletzt die Zerschlagung.Vier solcher Wellen hat der Rapoport ab dem späten 19. Jahrhundert ausgemacht: Die anarchistische Bewegung, danach die nationalistische (der Mord an dem österreichischen Thronfolger Ferdinand, der zum Auslöser des 1. Weltkrieges wurde), die Linksradikalen (RAF) und im neuen Jahrtausend Islamisten, die sich aber schon in der Zerschlagungsphase befänden. Kommt jetzt die neue Generation? Terror von rechts?

ScreenClip

Und dann ist auch noch Amy Winehouse gestorben. Wie es sich für ein Kaliber wie sie gehört, mit 27.

4 Gedanken zu „Unser Star für Oslo“

  1. Nach solchen Taten muss ich mir immer wieder sagen, dass die Unantastbarkeit der Grundrechte und die Abschaffung der Todesstrafe eine gute Sache ist …

  2. Ja, damit werden die Emotionen schon mal ein gutes Stück herausgenommen.

    Wobei es mich immer noch verwundert, dass er sich nicht umgebracht hat und auf den Märtyrer-Status verzichtet.

  3. Ich denke er wollte wohl seine abtrusen Thesen verbreiten, und das kann er wahrscheinlich besser indem er sich festnehmen lässt und man ihm den Prozess machen muss.

    Aber das ist auch nur Spekulation, jedoch fundierterer als das, was gestern zu lesen war. Es ist mal wieder unglaublich wie heruntergekommen die Medienlandschaft in diesem Land ist (inklusive Tagesschau). Da wird in Kommentaren (natürlich war ja sofort klar dass es Islamisten waren) gefordert die Freiheit der Bürger weiter einzuschränken – von einem Bürger (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/feiges-journalistenpack/). Da könnte ich kotzen. Auf der anderen Seite dann Licht: der norwegische Ministerpräsident sagt, man müsse diesem Terror mit mehr Offenheit und mehr Demokratie begegnen. Musste das zweimal lesen um es glauben zu können. Offenbar hat Norwegen zurecht einen hohen „human development index“, denn was, wenn nicht so eine Aussage, ist denn human development?

  4. Du hast Recht, dieses Festhalten an der Offenheit ist schon beeindruckend. Gerade in einer Situation, in der man aus anderen Ländern in den letzten Jahren eher andere Töne gehört hat: Wir va. die anderen.

    Das zeigt auch gleich, dass in Deutschland die Vorratsdatenspeicherung gleich wieder auf den Tisch gebracht wird, die es in Norwegen schon gibt. Und die Attentate sprechen ja nicht unbedingt für sie.

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