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Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

Die Brückentechnologie des Wachstums

Alle reden davon, die “Märkte” stabilisieren zu müssen. Die “Schulden” abzubauen und manchmal, wenn noch Zeit ist, wie in der Sommerpause zum Beispiel, die “Rente” zu sichern. Doch irgendwie reicht bei allen großen Projekten der Horizont nicht über eine handvoll Jahre im höchsten Fall hinaus. Allerorten fallen Leute Doch irgendwie fehlt es konkreten Ideen. Was klar ist: Es braucht Wachstum. Sonst geht alles weiter bergab. Die Staaten können das alles nicht alleine finanzieren. Wie könnte es gehen?

Der Chefökonom der Weltbank, der Taiwanese Justin Yifun Lin, schlägt etwas ziemlich altmodisches vor: Infrastruktur. Die guten, alten Straßen und Brücken. Da gäb’s in den Vereinigten Staaten genauso was zu tun wie in Kenia. Die Nachfrage nach besseren Straßen, Wasser- und Stromnetzen und Leitungen ist also da, aber das Angebot fehlt. Niemand will den Job machen. Der Staat kann nicht, die Staatsschulden drücken, und die Privatwirtschaft will nicht und kann’s vielleicht auch nicht alleine.

Im Magazin “Foreign Policy” erläutert Justin Yifan Lin, der im übrigen eine sehr interessante Biographie hat (Taiwanese, der nach China flüchtet, dort marxistische Wirtschaftstheorie studiert, später an die Universität in Chicago geht und heute Chefökonom der Weltbank ist), in “Bridges to Somewhere”, wie er sich Wachstum durch Infrastruktur vorstellt. Das Zauberwort lautet “Public-private partnerships” – kurz: PPP! Vorteile hätte das für Industrieländer ebenso wie für sich Schwellen- und Entwicklungsländer:

Investitionen in Infrastruktur sind entscheidend für die Schaffung von Wachstum und mehr Arbeitsplätze – vielleicht entscheidender als jemals zuvor. Für Industrieländer könnte es der schnellste Weg aus der Krise sein. Für Entwicklungsländer ist es ein mächtiger Katalysator, um ihre Volkswirtschaften zu transformieren, die Unternehmen können ungehindert ohne Stromengpässe arbeiten, frei kommunizieren, ihre Märkte erweitern und, schlussendlich, die technologische Leiter hinaufklettern. Der Bedarf ist klar. Das Geld ist verfügbar.

 

Investing in infrastructure is critical for generating growth and creating jobs — perhaps now more than ever. For advanced economies, it may be the fastest way out of their slump. For developing countries, it is a powerful vehicle for transforming their economies, enabling their businesses to work unimpeded without electricity shortages, communicate freely, expand their markets, and, ultimately, climb up the technological ladder. The need is clear. The money is available.

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Lin ist damit nicht alleine: Eine “Infrastructure Bank” soll auch Barack Obama im Kopf haben. Europa versucht es mit dem “Europe 2020 Project Bond Initiative”, ob der wirklich bin ich mir nicht so sicher. Wenn es um konkrete Startzeiten geht, beinhaltet der Text der EU für meinen Geschmack zu viele Konjunktive. Der Baubranche könnte so wieder auf die Beine geholfen werden, die Arbeitslosigkeit verringert und Wachstum generiert werden.

Aber es geht vor allem auch darum, wie Brücken, Straßen, Strom-, Wasser- und Kommunikationsnetze in den Erdteilen außerhalb Nordamerikas, Europas, Australiens und ein paar Peripherieländern wirken.

In “Foreign Policy” steht, ich zitiere:

1,4 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Strom, etwa 880 Millionen Mänschen Menschen leben ohne sauberes Trinkwasser, und 2,6 Milliarden ohne Zugang zu einfachen sanitären Einrichtungen; Ungefähr 1 Milliarden Leute auf dem Land leben nach Schätzungen so abgelegen, dass sie keinen Zugang zu Straßen haben, die bei jedem Wetter befahrbar sind im Umkreis von zwei Kilometern (Übersetzen ist echt anstrengend.)  In der Subsahara (ohne Süd-Afrika) ist der pro_kopf_Stromkonsum im Durchschnitt nur 124 Kilowatt-Stunden im Jahr, kaum genug Strom für eine Glühlampe pro Person, die sechs Stunden am Tag brennt.

1.4 billion people have no access to electricity, about 880 million people still live without safe drinking water, and 2.6 billion are without access to basic sanitation; About 1 billion rural dwellers worldwide are estimated to have no access to all-weather roads within two kilometers (about the length of a 25- to 30-minute walk). Per capita electricity consumption in sub-Saharan Africa (excluding South Africa) averages only 124 kilowatt-hours a year, hardly enough to power one light bulb per person for six hours a day.

Aber wenn keine Straßen, auf denen man gscheid fahren kann da sind, und der Strom grad mal für ein paar Glühlampen pro Tag reicht (bei mir brennen gerade zwei) und kein Wasser aus dem Hahn kommt, ist ja klar, dass da die Wirtschaft nicht wachsen und Unternehmertum sich nicht entfalten kann.

Die asiatischen Erfolgsländer in den letzten Jahrzehnten China, Japan und Südkorea geben schon seit Jahrzehnten mindestens neun Prozent ihres BIPs (Bruttoninlandsprodukts) für Infrastruktur aus. (Ich erinnere mich an die Bravo Gameszeitung, über koreanische PC-Spiele-Meisterschaften, als ich zu Hause am 166 MgHz-Computer mit Windows 95 saß.)

Kurzum: Justin Yifu Lin plädiert, dafür, dass die Privatwirtschaft aus den Industrieländern in Entwicklungs- und Schwellenländern investiert. PPP eben. Aber jaja, schöne Pläne gibt’s ja viele, aber wie soll das jetzt wirklich finanziert werden?

Neben mehr Effizienz, sollen die bisherigen Quellen (Entwicklungshilfe zum Beispiel) mit neuen Finanzierungsquellen kombiniert werden. Zum Beispiel durch den Privatsektor. Genau diese vermehrten privaten Investitionen würden die Lücke schließen, die bisher immer noch besteht, und Geschäfte nicht stattfinden können.

So wie ein Vertrag darüber, dass ein deutsches oder chinesischen Unternehmen eine Straße in Angola baut oder sie zumindest finanziert. Nachdem das Ding dann steht oder geteert oder wie auch immer fertiggestellt ist, bekommt der Investor seine Rendite. Denn eingeplant ist dann meist auch sowas wie eine Gebühr für das Teilstück der Autobahn, die dann an den Investor gehen. Solche Sachen gibt es durchaus schon, aber konzentriert auf die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) und die Türkei.

Aber es darf nicht vergessen, dass eine solche Geldanlage auch riskant ist. Die Einnahmen fallen vielleicht doch nicht so hoch aus wie erwartet, denn vielleicht können sich die Leute den Superhighway durch Afrika auch gar nicht leisten, oder die Wechselkurse steigen oder fallen plötzlich. Und erstmal muss ‘ne Stange Geld in die Hand genommen werden, damit Glasfaserkabel verlegt werden können. Von heute auf morgen geht das auch nicht, da kann sich auch leicht mal was verzögern, in der Zeit darf der Investor also nicht pleite gehen.

Richtig einfach ist das auch nicht, da braucht es auch Know-How dazu, Humankapital. Wie auch finanzielles Kapital, das durch die privaten Investoren, in die entsprechenden Länder erst durch die PPPs importiert werden muss, weil es nicht in ausreichendem Maße vorhanden sein kann, so kann das auch mit ausgebildeten Männern und Frauen sein. Aber das sind ja auch genau die Lücken, in die entwickelte Ökonomien mit ihren Angeboten einspringen können: Anschubfinanzierung, Maschinen, Pläne.

Zur Sicherheit gibt es öffentliche Garantien. (Wie die genau aussehen, weiß ich nicht), aber, so Justin Yifun Lin in “Foreign Policy” seien nur solche Risiken versichert, die das Projekt direkt betreffen. Die Weltbank, so erzählt ihr Chefökonom, biete deshalb eine Versicherung gegen/für politische Risiken an: Krieg, Unruhen unter der Bevölkerung oder den Devisenmärkten, solche Sachen.“Aber mehr bleibt zu tun”, glaubt Justin Yifun Lin.

Denn insgesamt fließt immer noch zu wenig Kapital für Infrastruktur in sich entwickelnde Staaten. Deshalb hat die Weltbank einen eigenen Fonds gründet, der Gelder von anderen Fonds, wie eben genannte Sovereign Wealth Funds, aber auch Pensionsfonds, sammelt und mehr Geld für infrastrukturelle Maßnahmen in Schwellen- und Entwicklungsländer zur Verfügung stellt.

In Sovereign Wealth Funds sieht Lin eine Möglichkeit Geld zu beschaffen. Warum Lin gerade diese so prominent heraushebt, verstehe ich nicht. Denn auf Deutsch heißt diese Form des Geld investierens Staatsfonds und sind – ganz genau – Knete vom Staat. Und Justin Yifan Lin will ja eigentlich vor allem den Privatsektor zum Investieren verleiten.

Andererseits wäre das ja auch eine Methode indirekt Nachfragepolitik zu betreiben. Denn haben nicht auch die amerikanische Notenbank und die Europäische Zentralbank mit ihren aufgekauften Wertpapieren nicht auch genügend Geld zur Verfügung? Gibt es bedeutsame europäische oder US-Staatsfonds? Wikipedia sagt nicht. Warum ist das so?

Comments

ich halte ppp nicht für die lösung. es gibt in deutschland ausreichend projekte, wo gut zu sehen ist, dass es nicht funktioniert, die meisten kommunen nehmen inzwischen wieder abstand von planungen mit ppp, so zb auch regensburg, die ja sowohl das jahnstadion als auch die stadthalle als ppp realisieren wollten, das stadion nun aber alleine bauen und die stadthalle ist eh aus dem fokus geraten.
das problem liegt einfach darin, dass private investoren selten samariter sind und ausreichend dividende für ihren einsatz sehen wollen. das bedeutet, dass die öffentlichkeit logischerweise zurückstecken muss oder das projekt derart gestaltet werden muss, dass die nutzung schlichtweg zu teuer ist. dein beispiel waren ja straßen. sollten die per ppp gebaut werden, gibts eine maut auf das teilstück. die sackt der investor ein. dann kann auch gleich der staat die straße alleine bauen und die maut, die ja so und so erhoben wird, kassieren und damit zufrieden sein.
für afrika sehe ich mit ppp eher eine art zweite kolonialzeit als die rettung für den kontinent.

Katharina sagt:

Nein, natürlich sind private Investoren keine Samariter. Aber das müssen sie ja auch gar nicht sein! Klar, dass die auch ihre Kosten wieder hereinwirtschaften wollen.

Ich hab das Thema Stadthalle in Regensburg nie wirklich verfolgt, aber ist das nicht eher daran gescheitert, dass man sich nicht auf einen Standort einigen konnte?

Auf was Lin hinauswollte, ist aufzuzeigen, dass das eine Möglichkeit wäre, Investitionen zu finanzieren, die sich der Staat/Kommunen etc. im Moment einfach nicht leisten kann oder will. Wie das dann im einzelnen aussieht, sei dahin gestellt. Ich habe während des Lesens schon auch kurz gezuckt, als er von „creative investments“ sprach. Das ist schon viel Interpretationsspielraum…

ich war am anfang auch angetan von ppp, aber ich halte es prinzipiell gefährlich, wenn genuin öffentliche aufgaben durch ppp realisiert werden, weil das dem staat natürlich viele argumente gibt, sich aus der finanzierung diverser kollektiver güter zurückzuziehen, was auf dauer nicht gut laufen kann…
ja, nen standort für die stadthalle gäbs schon, die evangelische kirche will nur wohl relativ viel geld für das grundstück sehen…klerikalfaschisten eben, als ob die nicht schon genug hätten…

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