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Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

Fresse statt Zähne polieren

Hakem hat sein Zahnmedizinstudium geschmissen, um Profi-Wrestler zu werden.

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»The Arabian Star« in Aktion: Hakem im Ring. / Foto: Jens Liebscher

Die Reisnägel in Hakems Rücken glitzern genauso golden wie seine Hose. Mehrmals ist er schon mit voller Wucht auf einen der Tische gefallen, auf denen er vorher selbst die Reisnägel aus drei Plastiksäckchen verteilt hat. Hakems Gegner Adrian hat einen der Tische zerstört, als er sich auf ihn geworfen hat. Durch den Aufprall haben sich die Reiszwecken überall im Ring verteilt. Der 28-jährige Hakem Wakuur landet im Laufe des Abends noch oft auf dem Boden – und immer wieder in den Reisnägeln.

Show-Kämpfe mit nacktem Oberkörper: So sollte Hakems Zukunft nicht aussehen, als er 2004 aus Israel an die Regensburger Universität kam. Patienten im weißen Kittel behandeln, das war eher die Vorstellung von Hakems Eltern. Sie waren schockiert, als er ihnen erzählte, dass er sein Zahnmedizinstudium abbrechen möchte: »Die waren schon richtig sauer.«

Im April 2008 entdeckte Hakem das Wrestling für sich. »Irgendwann kam der Punkt: Studium oder Wrestling. Ich kann nicht acht Stunden am Tag im Labor stehen und Zähne bohren – und dann noch trainieren.« Bis zum Physikum im vergangenen Jahr hielt er noch durch. Seine Kommilitonen standen hinter ihm: »Die wussten, dass ich eines Tages das Studium opfern muss, um weiterzukommen.«

Nicht nur seine Eltern, auch sein Promoter und Trainer Alex Wright sieht den Studienabbruch kritisch: »Ich habe ihm davon abgeraten, denn es ist wichtig, ein zweites Standbein zu haben. Eine Verletzung – und die Karriere ist beendet. Aber Hakem ist ein erwachsener Mann, er kann seine eigenen Entscheidungen treffen.«

"Provozieren macht Spaß." Hakem gefällt sein neuer Karriereweg. / Foto: Brunner

»Provozieren macht Spaß.« Hakem gefällt sein neuer Karriereweg. / Foto: Brunner

Das bayerische Wrestlingmekka ist eine schmucklose Industriehalle zwischen McDonald‘s, dm-Markt und einem Best Western-Hotel in einem Gewerbegebiet im mittelfränkischen Heßdorf. 16 Scheinwerfer beleuchten einen vier mal vier Meter großen Ring. Auf Klappstühlen sitzen an drei Seiten 200 Zuschauer, hauptsächlich Männer zwischen 18 und 40 Jahren. Einer von ihnen ist Andreas. Der 24-Jährige ist in seinem Ford Fiesta 85 Kilometer  Baden-Württemberg angereist: »Es ist ein herrlicher Irrsinn.«

Minderjährige sind an diesem speziellen Abend unter dem Motto »extreme« wegen der Härte der Kämpfe nicht erlaubt. An der vierten Seite ist ein schwerer Vorhang angebracht. Aus ihm treten die Kämpfer hervor, unterstützt von Rauch, Musik und dem Klatschen des Publikums. »Wrestling ist Hochleistungssport mit Entertainment-Charakter«, sagt Wright, Besitzer der Halle. »Wrestling ist nicht wie Fußball, es zählt nicht nur das sportliche Talent«, meint Hakem, dessen Haare kurzgeschoren sind. Man müsse auch wissen, wie man eine Show macht.

Gut gegen Böse

Als Hakem an jenem Abend im Mai auf die Bühne tritt, buht ihn das Publikum aus. Denn die Rollen sind im Wrestling klar verteilt, aber selten besonders differenziert: Meist geht es schlicht um »Gut« gegen »Böse«. Dabei spielt die Optik eine große Rolle. Tommy Blue Eyes, ein relativ schmächtiger, junger Blonder: gut. Ursus, fettiges, strähniges Haar, das in sein Gesicht hängt, fast 130 Kilo schwer und immer schreiend: böse. Schorschi, Franke, trägt Lederhosen und trinkt Bier: gut. Hakem Bin Azem Wakuur Bin Al-Sultan alias »The Arabian Star«, goldene Pluderhose, silberne Kette und stets eine arrogant-überhebliche Beleidigung auf der Zunge: böse.

»Die Araber werden vom Westen als die Bösen gesehen«, meint Hakem – ein Vorurteil, das er gerne nutzt, wenn er seinen Bösewicht »The Arabian Star« mimt. »Provozieren und als Böser aufzutreten macht Spaß«, sagt er grinsend. Ganz nimmt man ihm die Rolle aber nicht ab. Es sieht etwas angestrengt aus, wenn er in seinen Promotion-Videos in abgehackter Sprechweise Drohungen in die Kamera schreit. Im persönlichen Gespräch redet er mit sonorer Stimme eher schnell und lacht immer wieder glucksend, wenn er von seinem Bühnencharakter spricht.

Einer von Hakems Sprüchen als »The Arabian Star« ist: »Ich bin in den Westen gereist, um mir in meiner Heimat einen Namen zu machen.« Vielleicht klappt das tatsächlich, denn seine Herkunft als palästinensischer Israeli scheint eine Marktlücke zu sein. Wrestling, so sagt Hakem, der bis zu seiner Immatrikulation in Regensburg in Israel gelebt hat, ist im Nahen Osten viel populärer als in Europa.

Theater mit hohem Risiko

Dem Show-Sport haftet ein zweifelhafter Ruf an. Die besten Zeiten hatte das Wrestling in Deutschland in den 1990er Jahren, als sich Plastikversionen des »Undertakers« und »Hulk Hogans« in den Kinderzimmern prügelten. Damals hatten die großen US-Ligen ihren festen Platz im TV. Alex Wright war der einzige Deutsche, der in den USA den Durchbruch schaffte. Nach seiner Karriere gründete er in Nürnberg erst eine Wrestlingschule, dann eine Liga: die NEW, New European Championship Wrestling.

Ein Fan der ersten Stunde ist Norbert. In einem Erlanger Comicladen hat er von der 2009 neugegründeten Liga erfahren. Seitdem fährt er jeden Monat in die zehn Kilometer entfernte Halle und parkt sein Fahrrad auf dem Kiesplatz. »Wrestling ist Drama, eine Form von Theater«, sagt Norbert, der die Vorführung aus der letzten Reihe beobachtet und stehend Beifall klatscht, wenn sich die Wrestler besonders kunstvoll aufs Kreuz legen.

Ein Camping-Tisch steht außerhalb des Rings auf einem anderen. Auf der Platte des unteren Tisches liegt Hakem. »Alles, was außerhalb des Rings stattfindet, muss sehr genau einstudiert werden«, sagt Norbert. Im Ring nimmt Adrian Anlauf und steuert auf eine Leiter zu, die im spitzen Winkel an einem Eckposten lehnt. Adrian hat gleich das obere Ende der Leiter erreicht und steht fast drei Meter über dem Boden, bereit zum Sprung. Hakem kann sich behäbig vom Tisch winden und in Sicherheit bringen. Dennoch springt Adrian nach kurzem Zögern – oder gerade deshalb – und zertrümmert mit seinem 105 Kilogramm schweren Körper die zwei aufeinander stehenden Klapptische. »Das war schon das Maximum, was an Risiko möglich ist«, meint Norbert. »Was soll noch kommen? Drei Tische übereinander? Das Publikum erwartet immer mehr.«

Das Verletzungspotenzial hat Hakem schon zu spüren bekommen, »aber es war nichts Ernsthaftes.« Dass Wrestling trotzdem nicht ungefährlich ist, bezeugen die fast 3000 Toten in 150 Jahren, die die Webseite »Genickbruch.com« auflistet. »Wrestling geht an die Grenzen – und natürlich tut das weh«, sagt Ex-Profi Alex Wright. »Es ist ein knallharter, kurzfristiger Impact. Am nächsten Tag sollte man aber nichts mehr spüren – falls doch, wurde der Move nicht richtig ausgeführt.« Deshalb sei es wichtig, dass Wrestler gut ausgebildet werden. Zwei– bis dreimal im Monat übt Hakem mit den Wrestlern der Liga im Ring unter klatscht, wenn sich die Wrestler besonders kunstvoll aufs Kreuz legen.

Ein Camping-Tisch steht außerhalb des Rings auf einem anderen. Auf der Platte des unteren Tisches liegt Hakem. »Alles, was außerhalb des Rings stattfindet, muss sehr genau einstudiert werden«, sagt Norbert. Im Ring nimmt Adrian Anlauf und steuert auf eine Leiter zu, die im spitzen der Aufsicht von Wright. Zwei Stunden pro Tag steht er zusätzlich im Fitnessstudio, um Muskeln aufzubauen und zu erhalten, die Würfe und Stöße abfangen müssen. »Bei der NEW stehen nur Profis im Ring«, betont Wright. Profis im sportlichen Sinne, denn seinen Lebensunterhalt verdient Hakem als Türsteher in Regensburg.