Nieman vs. SpiegelOnline

Die Lieblingsbeschäftigung von Medienmenschen: Den Wandel in ihrer Industrie analysieren. Gerade haben zwei Schwergewichte aufwendige Geschichten dazu veröffentlicht: „Der Tag“ von SpiegelOnline und „Riptide“ von Nieman Lab im direkten Vergleich.

SpiegelOnline: „Der Tag“

Unvermeidbar war es in den vergangenen Wochen, der Debatte um die Tageszeitungen beim Spiegel zu entfliehen. In Gastbeiträgen positionierten sich Medienmenschen für Online oder für Print. Wirklich neues war bis Ausnahmen nicht zu erfahren. (Ich bin ja nun wirklich nicht die erste, der das auffällt, aber warum hat sich der Spiegel durch den Fokus auf Tageszeitungen selbst von der Diskussion ausgenommen?)

Jetzt, ein paar Wochen nach der Gastbeiträgeflut, hat der Mann mit dem lustigen Namen, der beim Spiegel hinter der Aktion stand, seinen Abschlussbericht geschrieben – und zwar nicht im Standard-CMS von SpOn, sondern auf einer aufwendig gestalteten Webseite, die nicht mit Scrolling-Effekten geizt. Und diese Effekte, das muss man loben, funktionieren auch mobil.

Optisch soll sie die Brücke schlagen zwischen einem klassischen Tageszeitungslayout und den Möglichkeiten, die gifs, jquery etc bieten, um eine Webseite tanzen zu lassen. Das Ergebnis kommt meiner Vorstellung des „Tagespropheten“ aus Harry Potter schon recht nahe. (Zur Zeit bin ich bei meinen Eltern, damit geht eine langsame Internetverbindung einher: Kann mir jemand sagen, was auf der Startseite mit den vielen Screenshots passiert?) Eingestreut werden Leserkommentare und Videos mit den Chefredakteuren der Republik mit -HTML-5-<video>-Tags statt YouTube oder Vimeo. Zudem gibt es nette Gimmicks:

  • Infografiken: Besonders beeindruckend ist der Rückgang der Printauflagen in Kapitel 2. Durch das vertikale Scrollen und die Unsitte, die y-Achse nach dem Ende der Datenpunkte einfach abzuschneiden, wird der Effekt noch verstärkt.
  • Eine Paywall, wenn man Kapitel 3 anklickt: Das ist lustig!

Aber: Inhaltlich nicht mehr richtig viel neues, ab Kapitel 3 habe ich nur mehr quergelesen, mir Effekte und Grafiken angeguckt und auf den Play-Buttons der Videos gedrückt, nur um festzustellen, dass es in der Regel zwischen Sekunde 1 und 10 abbricht.

Der wahre Schatz kommt ganz zum Schluss: Ein Konzept für eine Zeitung auf dem Smartphone namens „Der Abend“ für eine lokale Berichterstattung. Schaut nicht schlecht aus und auf den ersten Blick durchdacht. Das sagen auch die ewiglangen Lobpreisungen auf der Seite, die ich übertrieben finde. Die Bilder der App wirken auch so. Die wirklich wichtige Frage: Wird die auch gebaut?

Nieman Lab: „Riptide“

Das zweite Projekt, das es durch die Timelines der medienaffinenen Leute schwemmt, ist „Riptide“, zu deutsch „Rip-Strömung“. Keine Ahnung, was das heißt, ich kenne nur Ebbe und Flut. Wikipedia verweist auf Brandungsrückstrom, irgendwas mit einer gefährlichen Welle in Strandnähe. Reicht als Info, denn bei Riptide wird die Metapher sowieso direkt angesprochen:

“When successful, pre-digital players who had learned to swim out to sea and return safely with confidence and regularity found themselves over time confronting a stronger and stronger force that made it more and more difficult to get back to shore. And just like a school of swimmers caught in a real riptide, even some of the best-prepared and forward-thinking media companies were swept away no matter how hard they tried to survive.”

Nicht alle finden diesen Ansatz gut: Paid Content umschreibt den Ansatz mit einer „powerful and largely unforseen force that  caught most of the swimmers in the traditional industry by surprise and made them more or less powerless to resist its clutches.“ Das stimme so nicht, selbst in den Interviews würde Leute davon sprechen, wie sie die Veränderungen kommen sahen, sich aber nicht gegen ihre Chefs, Verlage etc. durchsetzen konnten. Und dann nicht selten die Firma wechselten.

Konkret: Riptide kombiniert eine klassischen Hintergrundbericht mit oral history. Über 60 Leute aus der Medienbranche erzählen von den Umbrüchen, die sie miterlebt und oft auch mitgestaltet haben. Davon gibt es lange, lange Videos, inkl. Transkribition. In den Fließtexten, die ich vorher den klassischen Hintergrundbericht genannt habe, werden in choronolgischen Kapitel der Medienwandel nacherzählt, beginnend mit dem Videotext. Dazwischen werden großzügig Teile aus den Interviews eingestreut – und zwar nicht als „Schau, hier ist auch ein interessanter Kommentar von xy dazu“, sondern als gleichberechtiger Teil der Geschichte. Lediglich die Schriftart hebt die Interviewfetzen vom Fließtext ab.

Optisch erinnert Riptide an Snowfall und das was sich im Zuge dessen als das digitale Storytelling Non-plus-ultra herausgebildet hat: Fixe horizontale Navigationsleiste, große Schrift, lange Seiten, Bilder, die die ganze Breite ausnützen. Drei Kapitel hab ich bisher durch, zwei davon auf dem Smartphone. Es fällt dabei auf: Auf kleinen Geräten werden gewisse Elemente weggelassen: Große Zitate, Videos, großflächige Bilder – alles, was im Zweifelsfall mobil zuviel Brandbreite beanspruchen und zum Wegklicken verführen würde. Das ist schlau.

Der Showdown

Inhalt

Punkt für Riptide: Die Essays sind richtig interessant und gehen ins Detail von Entwicklungen, die ich so nicht kenne. Zum Beispiel die frühe Ausbreitung von AOL als ein „Internet im Internet“, das war nämlich vor meiner Zeit. Noch hab‘ ich den Großteil der Texte vor mir und hab schon viel gelernt. Der Text bei SpiegelOnline ist eine Zusammenfassung der Leserkommentare und der Gastbeiträge. Das heißt: Nichts neues für Leute, die die Diskussion ohnehin verfolgt haben. Außer – und das ist wichtig – der Entwurf der „Der Abend“-App. Das ist toll, hätte aber auch ohne den ersten Teil funktioniert.

Webdesign

2: 0 Niemans Riptide. Die Webseite von SpOn ist beindruckend, aber vielleicht doch zuviel des guten: Der Punkteeffekt bei den Videos ist das erste Mal noch geil, beim zweiten Mal schon weniger und beim dritten Mal ärgere ich mich, dass es zwei Sekunden dauert, bis ich klicken kann. Der Zeitungscharme beim Spiegel ist auch dem Thema geschuldet und in der Hinsicht gut umgesetzt, aber entspricht nicht so ganz meinem Geschmack Dem kommt Riptide näher: Ich mag es, wenn die Webseite den ganzen Bildschirm ausnutzt, auf gute Lesbarkeit achtet. Gerade auf dem Smartphone ist Riptide viel besser. SpOns Seite ist zwar auch responsiv, hat aber Elemente, die richtig lange Ladezeiten haben (und das gleich am Anfang!) – ein Rausschmeißer für alle ohne gute und/oder mobile Verbindung. Ich glaube, da ist es besser gewisse Elemente einfach außen vor zu lassen.

„Stimmt voll!“ oder „Ach, Quatsch!“

Du gibst mir recht? Oder ist meine Einschätzung Käse? Ich freue mich auf Kommentare und Feedback!

Nochmal die Links

Spiegel Onlines „Der Tag“

Nieman Labs „Riptide“

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