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Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

Interview mit Heribert Prantl: »Entweder ich überzeuge jemand – oder ich rege ihn auf«

München, über den Wolken. Die Fensterfronten im Hochhaus der Süddeutschen Zeitung fluten die Redaktionsräume mit Licht. Der Stil im Gebäude ist kühl-minimalistisch, exklusiv, steril. Heribert Prantls Büro im 25. Stock wirkt darin wie eine Farboase: Bücherwände, ein Oleanderstrauch, blaue Sessel. Die Aussicht von hier oben ist atemberaubend.

Über den Wolken beim Redaktionsgott:

»Es darf in der Wissenschaft nicht als negativ gelten, wenn man journalistisch schreibt.« Heribert Prantl im Interview mit der Lautschrift. / Foto: Pia Weishäupl

Herr Prantl, um ehrlich zu sein: Sie sind so etwas wie unser Redaktionsgott …

Um Gottes willen…

… Als das Magazin »Cicero« im letzten Jahr eine Hitliste der 500 deutschsprachigen Intellektuellen veröffentlichte, war Ihr nur 35. Platz für uns eine Enttäuschung. Wie haben Sie reagiert?

Ich habe gelacht, weil solche Statistiken ja unglaublich dämlich sind, bestenfalls eine gehobene Alberei. Und mir ist eingefallen, dass ich zwei Jahre früher deutlich weiter hinten war und dachte mir: Irgendwie musst du einen intellektuellen Sprung gemacht haben. (lacht)

Ihre ersten Sprünge haben Sie in Regensburg gemacht, wo Sie von 1974 bis 1979 studiert haben. Wie gestaltet jemand, der später als Intellektueller gilt, seine Studienzeit – mehr Bibliothek als Kneipe?

Ich habe zu viel studiert, ganz einfach. In erster Linie Jura, nebenbei Philosophie und Geschichte. Das hat dazu geführt, dass ich morgens um acht Uhr an die Uni ging und um halb zehn Uhr abends wieder raus kam. Dann ging man mit zwei, drei Leuten in eine Lokalität namens Oma Plüsch, aß Pommes Frites, trank eine Cola und ging nach Hause, um am nächsten Tag wieder anzutreten. Die Bibliothek ist damals so etwas wie meine zweite Heimat geworden. Aber die Freundinnen und Freunde saßen auch da. Die Bib war auch ein Kontaktraum.

Zur Person

Heribert Prantl, 59, wurde am 30. Juli 1953 in Nittenau geboren. Der Journalist und Autor studierte an der Regensburger Universität Jura, Geschichte und Philosophie. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen und der Promotion arbeitete er kurz als Rechtsanwalt, bevor er sich von 1981 bis 1987 in Regensburg als Richter und Staatsanwalt betätigte. Zum Journalismus wechselte er, als sich die Gelegenheit ergab: 1988 holten ihn die Chefredakteure der Süddeutschen Zeitung nach München. Seit 1995 leitet er dort das Ressort Innenpolitik, seit Januar 2011 ist er zudem Mitglied der Chefredaktion. Prantl verfasst vor allem Leitartikel und gilt als entschiedener Verfechter eines weltoffenen Rechtsstaates. Er hat zwei Kinder aus einer geschiedenen Ehe.

Heute ist das Studium oft eine Jagd nach Leistungspunkten und Pflichtkursen. War das Studieren bei Ihnen vor allem ein Eigenstudium?

Es war ein sehr selbstständiges Studium. Man ist damals von den Professoren angehalten worden, sich sehr bald in die Bibliothek zu setzen, um Dinge nachzuschlagen, die man nicht kapiert hat und auch im zweiten Semester nicht kapieren konnte. Man sollte das Spiel mit dem Unbekannten und dem erst mal Unbegreiflichen wagen. Das war anspruchsvoll und locker zugleich. Heute fehlt wohl die gewisse Lockerheit. Lockerheit heißt ja nicht, ich tue nichts. Lockerheit heißt, ich begebe mich auf meine ganz spezielle Weise in ein Fach hinein: I do it my way. Ich halte es für besser, drei, vier Semester lang selbst rumzuschnüffeln und rumzuschmecken, um zu erkennen, in welches Gebiet man sich wirklich reinknien will.

Statt abzuschmecken, glauben viele Studenten heute, das Bachelor-Studium in fünf Semestern verschlingen und dabei noch mit drei Praktika würzen zu müssen. Geschmacksverirrung?

Ich glaube, das Wichtigste ist, das Studium so hinzukriegen, dass es Freude macht. Ich würde nicht mit Scheuklappen studieren wollen. Studium soll ein Miteinander von Leuten mit verschiedenen Köpfen sein, die auch über etwas anderes reden können als über die nächste Klausur – sonst kann man die Uni gleich in »Hochgymnasium« umbenennen.

Drei Studiengänge, nebenbei eine journalistische Ausbildung, danach Staatsanwaltschaft und Richteramt: Ihr Lebenslauf klingt nach Überflieger. Sind Sie in irgendetwas auch gescheitert?

Puh … In Philosophie zum Beispiel. Ich habe das einfach nicht gekonnt. Ich wollte in Philosophie über Aristoteles bis hin zu Habermas philosophische Gebäude diskutieren. Aber stattdessen sah die Philosophie aus wie eine Mengenlehre an der Tafel. Daran bin ich verzweifelt. Wenn man im Journalismus, wenn man beim Schreiben scheitert, dann kriegt das der Leser nicht mit: Wenn man nichts hinkriegt, steht halt dann einfach nichts in der Zeitung. Aber das passiert nicht oft, weil man einfach eine große Routine im Schnellschreiben und im Umgang mit neuen Themen entwickelt.

Wie lange brauchen Sie für einen Leitartikel?

Manchmal muss es schnell gehen: zwei Stunden oder noch weniger. Und oft geht man ganz lange mit dem Stoff spazieren und läßt ihn im Kopf reifen. Besonders dann, wenn ich – was ich ganz gerne mache – Festtagsleitartikel zu Weihnachten oder Ostern schreibe. In diesen versuche ich, von oben auf die Dinge zu schauen, um Entwicklungen und große gesellschaftliche Prozesse zu beschreiben.

Es gibt auch Leser, die Ihnen dann vorwerfen, von oben mit dem moralischen Zeigefinger zu wedeln. Woher nehmen Sie die Sicherheit in Ihrem richterlich eindeutigen Urteil?

Ich bin in erster Linie politischer Kommentator. Ein Kommentar, der nicht kommentiert, ist kein Kommentar. Als Kommentator ergreift man immer Partei, man bewertet immer. Man muß aber versuchen, dabei nicht wie der oberschlaue Oberlehrer auszusehen. Was ist das Ziel eines Kommentars? Entweder sie überzeugen jemanden oder sie regen jemand auf. Ich freue mich, wenn jemand sagt, er sei anderer Meinung, lese mich aber trotzdem gerne. Oder wenn Leute bei Lesungen erzählen, dass sie sich am Frühstückstisch meine Kommentare vorlesen, um dann darüber zu streiten. Was will man Tolleres erreichen, als dass sich Leute über politische Themen unterhalten, über die sie sonst nicht reden würden? Das ist für mich die Aufgabe des politischen Journalismus: den Leuten zum Gespräch zu verhelfen. Eine demokratische Aufgabe. Dafür gibt es das Grundrecht der Pressefreiheit. Demokratie beleben beginnt im Gespräch.

Über Demokratie und Pressefreiheit haben Sie auch bei Ihrer Festtagsrede »Das tägliche Brot der Demokratie« vor knapp zwei Jahren in Regensburg gesprochen. Sie meinten, der Journalismus müsse Moderator sein. Wird es nicht schwerer, diese Rolle auszuüben, wenn man – wie Sie derzeit – als gefragter TV-Experte immer mehr selbst zur öffentlichen Figur wird?

Mit Moderator meine ich ja nicht, dass man moderat sein muss. Ein Moderator ist für mich eine Figur im demokratischen Prozess, der Journalist bringt gesellschaftliche Entwicklungen mit voran. Eines ist für mich besonders wichtig: Journalismus muss leidenschaftlich sein. Journalismus ist ein Beruf, in dem man nicht unbedingt reich wird. Aber es ist ein unglaublich faszinierender Beruf. Wenn man unglaublich viele Menschen und den politischen Betrieb in seinen Stärken und Schwächen hinter den Kulissen kennenlernen darf – das ist ein Teil des Gehalts.

Wo liegt für Sie als Journalist die Grenze zwischen Macht kommentieren und Macht ausüben?

Ich glaube nicht, dass der Kommentar Macht im Sinne des Wortes hat, sondern Einfluss. Er kann eine politische Debatte bestärken, er kann Themen auf die Tagesordnung setzen. Das, was mit dem Bundespräsidenten Wulff gemacht wurde, halte ich für eine Überschreitung der journalistischen Kompetenzen. Nach einigen Wochen entwickelte sich eine Hetzjagd. Die Belohnung für journalistische Recherche ist nicht der Rücktritt eines Politikers. Unsere Aufgabe ist es, Dinge zu beschreiben: eindringlich, klar. Mit der Wulff-Geschichte hat sich der Journalismus keinen Gefallen getan. Wir haben auch hier in der Zeitung intern viel diskutiert. Im Rückblick würden wir heute wohl einiges anders machen.

Gruppenbild mit Redaktionsgott. / Foto: Pia Weishäupl

Gruppenbild mit Redaktionsgott. / Foto: Pia Weishäupl

Besteht die Gefahr, dass man als Berufskritiker zum Pessimisten wird?

Die Gefahr, dass man nur noch ätzend schreibt, besteht schon. Dann wird es schwierig. Ich glaube, man muss einen Grundoptimismus behalten – sonst würde die Freude am Beruf verloren gehen.

Von Optimismus lebt auch die Forschung. In Ihrem Festvortrag haben Sie für eine Annäherung von Publizistik und Wissenschaft plädiert. Wie muss sich die Wissenschaft verändern, um in der Gesellschaft eine gewichtigere Rolle zu spielen?

Es darf in der Wissenschaft nicht – so ist es leider immer noch – als negativ gelten, wenn einer journalistisch schreibt. Müssen wissenschaftliche Texte in Substantivismen ersticken und die Sätze 30 Zeilen lang sein? Es gibt in der Wissenschaft unglaublich spannende Dinge, aber Wissenschaft ist kein Selbstzweck. Wissenschaft passiert in dieser Gesellschaft und da verlange ich vom Juristen genau so wie vom Mathematiker und dem Informatiker, dass er der Standlfrau am Viktualienmarkt erklären kann, was er eigentlich macht, warum das gut ist und wo die Probleme stecken.

Ist es das, was Sie mit »politischen Professoren« gemeint haben?

Ja, und noch ein bisschen mehr: dass ich mich mit meiner Wissenschaft am Diskussionsprozess beteilige. Wenn ich Mediziner bin und es geht um Gentechnik, dann gehört es dazu, sich zu beteiligen, anstatt sich im Elfenbeinturm einzusperren. Ich halte es auch für keine Schande, wenn ein Professor Mitglied einer Partei ist und sich sogar für den Stadtrat aufstellen lässt. Ich würde es begrüßen, wenn sich seine Beiträge nicht auf Beiträge für Fachzeitschriften beschränken.

Begrüßt hätten Sie es auch, wenn Regensburg deutsche Hauptstadt geworden wäre. Das haben Sie nach der Wiedervereinigung in einer Redaktionskonferenz vorgeschlagen. Was hat Regensburg, das Berlin nicht hat?

Eine richtige Geschichte und eine gute Geschichte. Die Geschichte Berlins ist in erster Linie wilhelminisch. Erst war Berlin das Zentrum des Kaiserreichs, dann kamen die wenigen Jahre der Weimarer Republik, die nur anfangs Hoffnungen geweckt haben, und dann kommt die Hitlerei. Eine große Geschichte? Für mich hat Regensburg eine europäische, eine abendländische Geschichte. Die Geschichte Regensburgs endet da, wo die Geschichte Berlins gerade erst beginnt.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie keine Leitartikel schreiben?

Lesen, Musik hören, Radfahren, Vorträge schreiben, mit meinen mittlerweile großen Kindern reden, Essen gehen mit Freunden. Aber ich gebe zu: Journalismus ist Beruf und Hobby, also Berufung. Und wenn man diesen Beruf leidenschaftlich betreibt, ist er ein fressender Beruf. Ich bin jetzt gut 25 Jahre bei diesem Laden hier. Im Rückblick denkt man sich schon mal: Mein Gott, wenn du 50 Leitartikel weniger geschrieben hättest und stattdessen mit deinen Kindern zum Baden an den Weiher gegangen wärst – es wäre auch kein Schaden gewesen. •