Usability hooray: Erste Eindrücke von watson.ch

Gestern Abend ging watson.ch live, ein heißerwartetes deutschsprachiges News-Portal, das nicht an einem Verlag hängt (also nicht ganz) und alles neu und besser machen will. Erste Eindrücke.

Startseite

Die Startseite dominiert ein großes Bild, fast so groß wie mein Display, darauf eine Überschrift mit Dachzeile – so wie bei der Huffington Post, nur hübscher. Neben der Titelstory gibt es noch drei weitere, kleinere Formate, dazu die letzten Artikel eines Ressorts als eine Art Newsticker. Diese Kachel-Optik hat seit Pinterest auch in viele Content-Angebote Einzug gehalten, prominentes Beispiel ist Yahoo Tech, das deshalb eine gewisse Ähnlichkeit mit watson hat. Watson wirkt aber wesentlich freundlicher dadurch, dass die Bilder nicht bis zum Rand gehen und Weißraum links und rechts lassen.

Keine Teaser

Große Bilder, keine Teaser: Mit diese Präsentation von Artikeln geht ein neuer Anspruch an Überschriften und Dachzeilen einher. Zusammen ersetzen sie den Teaser; die Überschriften dürfen nicht besonders gewieft oder doppeldeutig sein, zumindest wenn sie nicht auch etwas über den Inhalt des Textes aussagen. Man könnte auch sagen: Die Überschriften sind mehr Bild-Zeitung als FAZ, was aber jetzt auch keine große Überraschung ist. Schließlich, so sagt watson selbst, konkurrieren sie mit Boulevard-Medien wie 20min.ch und nicht mit der Neuen Zürcher Zeitung.

Usability hooray

Die Einzelseiten der Artikel sehen aus wie Medium – und das ist ein Kompliment. Medium ist im Moment das non-plus-ultra des Leser-zentrierten Webdesigns. Sehr minimalistisch, Navigationen gibt es nur auf Anfrage des Nutzers (=Klick) und schieben sich dann von rechts oder links über den Bildschirm.

Ich habe das Gefühl, dass die Webseiten von vielen Text-getriebenen Medien trotz 15 Jahren Web-Erfahrung nicht aus der Denke rauskommen, dass Platz knapp ist und deshalb alles vollklatschen mit weiterführenden Links, Bildern, Werbung – einfach alles, das einen weiteren Klick provozieren soll.

Dabei gibt es eine Sache, die in Sachen Webdesign und (Magazin)-Layout immer und immer wieder auftaucht: Weißraum. Platz lassen. Also das Gegenteil von dem, was Zeitungen auf Papier machen (können). Drei Sachen sind der Schlüssel zu einer guten Lesbarkeit: Weißraum um den Text, Weißraum zwischen einzelnen Zeilen und eine gute, hinreichend große Schrift. Watson setzt das prima um!

Ich gehe davon aus, dass die großen News-Portale testen, ob Links in einer zweiten Spalte neben dem Text viele Klicks generieren. Das Problem scheint dabei zu sein: Was teste ich dagegen? Denn natürlich kann es sein, dass ich nicht auf einen anderen Artikel klicke, wenn er mir neben dem Text nicht serviert wird. Doch dafür habe viel mehr Ruhe beim Lesen, nichts lenkt mich ab. Doch quantitativ Festhalten lässt sich dieses subjektive Wohlbefinden nicht, dabei wäre eine Strategie, die sich daran orientiert, auf lange Sicht wahrscheinlich sinnvoller.

Die Süddeutsche Zeitung ist meines Wissens nach im Moment die einzige große deutsche Zeitung, die sich traut auf diese rechte Spalte mit Gedöns zu verzichten. Auch die New York Times ist bei ihrem Redesign Anfang des Jahres auf ein einspaltiges Layout umgestiegen. Die Leser werden es danken – auch wenn man es nicht messen kann.

Parallax überall

Der Parallax-Effekt, bei dem sich Elemente bzw. Hintergründe auf einer Webseite mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen, gibt es bei watson nicht überall, aber anscheinend doch standardmäßig: Digital Storytelling als Default-Einstellung. Dazu Bilder, die die volle Bildschirmbreite brauchen und alle anderen Elemente, die Webseiten auflockern: Videos, Zitate, Zwischenüberschriften und Bilder, Bilder, Bilder …

Werbung

Solange Werbung als Haupteinnahme-Quelle fungiert, ist deren Positionierung einer der wichtigsten Fragen beim Aufbau einer Webseite. Und da sind wir schon wieder bei dieser zweiten Spalte: In dieser werden Banner etc. oft verstaut. Auch darauf verzichtet watson und baut Werbeanzeigen individueller in Texte ein. Das finde ich gut: Clustere ich Werbeanzeigen alle auf einem Haufen, ist es einfach sie zu ignorieren – ich muss ja nur nicht nach rechts gucken. Doch die Intention der Werbekunden, und damit auch der Magazin-Macher, ist ja das Gegenteil: Die Werbung soll möglichst auffallen und von Lesern wahrgenommen werden. Meiner Meinung nach ist des zielführender, die Anzeigen einzustreuen: Jede Anzeige steht dann für sich alleine. Allerdings steht dieser Ansatz in einem Konflikt damit, dass man möglichst viele Anzeigen unterbringen will.

Klug macht watson auch, dass der „Hauptbanner“ auf der Startseite unterhalb des ersten Artikels steht. Wir Webuser sind nach den vielen Jahren, in denen es über dem Logo der Seite blinkt, darauf konditioniert, dass der oberste Bereich einer Seite ignorierbar ist. Indem man die Reihenfolge umdreht, wird das aufgebrochen.

Doch noch was Negatives: Fotos

Doch eine Sache gibt es leider, die nicht so gut gelungen ist: Geht man mit der Mouse über ein Bild, gibt es jedesmal einen kleines Zoom-Effekt. Eine Sache, die sich seit CSS3 wirklich leicht umsetzen lässt. Doch es ist eine der Spielereien, die zwar beim ersten Mal nett ist, aber eigentlch keine Funktion hat.

Huch, keine Sharing-Buttons

Was überrascht: Sharing-Buttons sind nicht standardmäßig immer eingeblendet, sondern nur unter dem Text. Auch hier hält es watson mit medium, wo das genau so ist. Ich weiß nicht mehr wann und wer, aber irgendjemand hat mal einen Tweet geschrieben, der in etwa so geht: „Ich bezweifle, dass Medium.com etwas wird, so lange die share-Buttons nicht ständig im Blick sind.“ Gilt auch für watson.

Andere Eindrücke

Julian Heck hat sich die Seite auch schon angesehen: Watson – ein Bild-HuffPost-Buzzfeed-Mix

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