Können Startups den Journalismus in der digitalen Welt neu erfinden?

Die Debatte um die Zukunft des Journalismus ist eine, die in Technologie-Zyklen gerechnet bereits eine halbe Ewigkeit dauert.

Die Debatte um die Zukunft des Journalismus ist eine, die in Technologie-Zyklen gerechnet bereits eine halbe Ewigkeit dauert. Als Konsens gilt: Leser sind durchaus bereit, zumindest geringe Beträge für besondere Stücke oder für das Vertrauen in eine Publikation zu zahlen. Die reine Information dagegen bleibt kostenlos. Werbung funktioniert nur ab einer kritischen Masse oder einer spitzen Zielgruppe als Erlösmodell. Deshalb ist es unausweichlich: Zumindest ein Teil der Leser muss im Internet zahlen. Auch wenn Vertreter der deutschen Verlage an der Diskussion zum digitalen Journalismus seit Jahren teilnehmen: Umgesetzt haben sie bisher keine der Kernforderungen – und lassen damit Platz für Startups, um den Journalismus in der digitalen Welt neu zu erfinden.

Es ist ein offenes Geheimnis: Die deutschen Nachrichtenportale wollen eine Paywall. Bis jetzt können sie sich aber aus dem Gefangenendilemma nicht befreien: Niemand fängt an, aus Angst, die anderen Portale könnten doch weiterhin kostenlos bleiben und dann Traffic abgreifen. In der Niederlanden konnte dieses Problem ein Startup lösen: Der Aggregator Blendle wird als iTunes für journalistische Güter gehandelt, weil Artikel verschiedenster Verlage dort zu günstigen Preisen erworben werden können. Natürlich kann man auch auf deutschen Nachrichtenportalen ein E-Paper beziehen – jedoch nicht auf einer zentralen Plattform und immer als ganze Ausgabe wie in der Offline-Welt. Der Journalist Richard Gutjahr gehört zu denen, die bereits seit Jahren fordern, dass Verlage diese Bündelung auflösen müssen. Es ist ist bezeichnend, dass ausgerechnet er beim Münchner Startup LaterPay als Berater tätig ist. LaterPay will Micropayment userfreundlich in Online-Publikationen einbinden. Es wird sich in den kommenden Monaten zeigen, ob Konzept des digitalen Bierdeckels die Vorschusslorbeeren wert ist. LaterPay ist ein Beispiel dafür, dass Startups nicht rein journalistisch arbeiten müssen, um Auswirkung auf den Journalismus im Netz zu haben.

Die lausigen Pennies des Micropayments sind für zeitaufwendigen Journalismus, der eine Vorabfinanzierung braucht, nicht die richtige Methode. Der Sportteil habe schon immer das Politikressort querfinanziert, heißt es dann oft. Was aber ist, wenn es keinen metaphorischen Sportteil gibt? Crowdfunding kann die Lösung sein. Leser können konkret Recherchen unterstützen, erst wenn die benötigte Summe tatsächlich gesammelt wurde, bekommen Journalisten das Geld ausbezahlt. Die deutsche Plattform dafür heißt Krautreporter. Startups spielen dabei gleich auf zwei Arten eine Rolle: Zum einen durch die Plattform an sich, zum anderen durch die Journalisten, Coder oder Grafiker, die sich im Stile von Entrepreneuren selbst um die Finanzierung ihrer Projekte kümmern.

Doch die vielleicht wichtigste Triebfeder für Startups sind die schlechten Arbeitsbedingungen. Die wiederkehrenden Kämpfe zwischen Print und Online – zuletzt in der Debatte um den Aufstieg Stefan Plöchingers in die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung – drehen sich auch darum, dass der Arbeitsalltag vieler Online-Journalisten mehr Content Management als Content Creation ist. Viele dürfen nicht so, wie sie wollen. Online zählt vor allem Quantität, um die Klickzahlen und Werbeeinnahmen hochzutreiben. Wer an vorderster Innovationsfront dabei sein will, ist fast gezwungen, das außerhalb traditioneller Verlagshäuser zu tun. Aus einer solchen Enttäuschung heraus ist eines der beeindruckendsten neuen Magazine im deutschsprachigen Raum entstanden: das österreichische paroli. Technisch ehrgeizig befasst sich paroli mit Politik, Gesellschaft, Kultur. Man merkt es dem individuellen Stil des Magazins an, dass von Anfang an Webentwickler mit im Team waren. Mit Kopf oder Zahl hat paroli auch das Werkzeug des Crowdfundings erfolgreich ausprobiert. Das Ergebnis: Eine interaktive Webdokumentation über die Lebenswirklichkeit junger Europäer. Das Lokalblog Da Hog’n aus dem Bayerischen Wald hat sich aus ähnlichen Gründen wie paroli gegründet: Journalisten, die mit der Berichterstattung der Monopolzeitung nicht zufrieden waren, feiern bald den zweiten Geburtstag. Die Finanzierung erfolgt über eine Mischkalkulation: Anzeigen, auch native Advertising, und – in geringerem Maße – Unterstützung durch Leser.

Eine Musterlösung gegen den Preisverfall im digitalen Journalismus haben auch Startups bisher noch nicht gefunden, aber sie sind durch geringe Fixkosten agil genug, um neue Wege auszuprobieren. Der Risikokapitalgeber Marc Andreessen ist optimistisch – auch berufsbedingt durch Investitionen u.a. in das US-Magazin PandoDaily: Er glaubt daran, dass die Preise nahe Null von einem größer werdenden Markt für Nachrichten aufgefangen werden. Behält Andreessen recht, heißt das: Noch mehr Platz für journalistische Startups, als den Raum, den ihnen festgefahrene Verlage sowieso schon lassen.

Diesen Text habe ich beim Essay-Wettbewerb des Meedia-Magazins eingereicht, um am Innovation Field Trip teilzunehmen. Das hat nicht geklappt, Chefredakteur Christian Meier teilte mir mit, ich sei unter den Top 3 gewesen. Die Gewinnern ist Karolin Freiberger

Dieser Tage läuft der fünftägige Innovation Field Trip, bisherige Berichte darüber:

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