Ist das Internet vielleicht doch nicht Schuld am Rückgang der Auflagen von Tageszeitungen?

Der Presseforscher Andreas Vogel zeigt in seiner Studie „Talfahrt der Tagespresse: Eine Ursachensuche“ eine interessante Trendentwicklung der Auflagenzahlen von Tageszeitungen.

Ist das Internet doch nicht Schuld an sinkenden Auflagen?

Der Presseforscher Andreas Vogel hat für die Friedrich-Ebert-Stiftung den Auflagenrückgang der Tagespresse untersucht: „Talfahrt der Tagespresse: Eine Ursachensuche“ (pdf). Dafür nutzte er verschiedene Zeitreihendaten. Und gleich auf Seite 20 der 130 Seiten langen Studie zeigt er mit einer (sehr!) simplen Trendlinie, dass das Argument, das Internet sei allein Schuld an den sinkenden Auflagen, sich nicht halten lässt.

Ist das Internet doch nicht Schuld an sinkenden Auflagen? (Markierungslinie beim Jahr 1996 kommt von mir)
Ist das Internet doch nicht Schuld an sinkenden Auflagen? (Markierungslinie beim Jahr 1996 kommt von mir)

Was sagt die Grafik aus?

  • Die pinke Line ist die tatsächliche Entwicklung der Auflagen zwischen 1983 und 2013.
  • Die schwarze Linie hat – auch wenn das optisch nicht ersichtlich ist – zwei Teile, die Grenze ist das Jahr 1996. Die grüne Markierung bei diesem Jahr habe ich eingefügt. Presseforscher Vogel hat 1996 als das letzte Jahr definiert, in dem das Internet keinen Einfluss auf den Nachrichtenkonsum hatte.
    1. Von 1983 bis 1996 ist die schwarze Linie die tatsächliche durchschnittliche negative Wachstumsrate. Konkret: 1983, am Höhepunkt der verkauften Zeitungen, lag die Auflage bei 30,1 Millionen (Obacht: BRD- und DDR-Auflagen sind hier zusammengerechnet). 1996 lag die Auflage bei 25,2 Millionen. Die Wachstumsrate berechnet sich durch (neu-alt)/alt. Hier ergibt sich eine Rate von -0,16279. Teilt man das durch die 13 Jahre und gibt sie in Prozent an, erhält man Vogels Wert einer „jährlichen Auflagenverlust von 1,2523 Prozentpunkten zwischen 1983 und 1996“ (S. 21).
    2. Ab 1997 ist die Trendlinie eingezeichnet. Sie heißt so, weil der Trend der Jahre 1983 bis 1996, also die Schrumpfung um 1,2523 pro Jahr, einfach weitergezeichnet wird. Das heißt: Die tatsächlichen Auflagenzahlen ab 1997 haben keinen Einfluss auf diese Linie.

Und was ist daran so interessant?

Die Trendlinie ab 1996 zeigt eine schematische Fortschreibung der Vergangenheit auf die Zukunft (bzw. die Jahre 1997 bis 2013). Das Internet und seine Implikationen auf die Verlage spielen also keine einschneidende Rolle. Vielmehr sind die Verluste in den letzten Jahren eine Entwicklung, die so schon seit Anfang der 80er Jahre läuft.

Das Internet spielt gar keine Rolle? Naja, vielleicht doch…

Etwas fällt noch auf: Ab 2005 liegt die Trendlinie über den tatsächlichen verkauften Auflagen, der Trend würde also einen weniger starken Rückgang vorhersagen. Könnte das nicht der Einfluss des Internets sein?  Vogel will sich da nicht recht festlegen:

„Wenn der Unterschied zwischen einer Projektion auf der Basis der Situation des Jahres 1996 und der tatsächlichen Entwicklung bis in das Jahr 2013 nur um knapp 5 Prozentpunkte abweicht – was bedeutet dies für die gängige Ursachenbehauptung „Internet/ Onlinekommunikation“? Denn nur diese 5 Prozentpunkte – dies entspricht einem Neuntel des gesamten Auflagenrückgangs im Zeitraum 1983 bis 2013 – könnten ja dann der neuen digitalen Konkurrenz zugerechnet werden.“ (S. 21)

Vogel rät davon ab, allzu große Schlüsse aus der Grafik zu ziehen – meine Überschrift wird er deshalb wahrscheinlich nicht mögen:

„Doch diese Grafik bezweckt nicht, irgendetwas zu beweisen. Sie ist lediglich eine Illustration, die dazu dienen soll, sich von zu leichtfertigen Schlüssen zu befreien, die statistische Grafiken nahelegen. Zwar sind alle Zahlen real und valide. Tatsächlich müssten aber auch die für den Auflagenrückgang wirksamen Faktoren der Jahre 1984 bis 1996 bis in das Jahr 2013 weitgehend konstant wirksam geblieben sein, um 37,5 Prozentpunkte Auflagenverluste mittels einer solchen einfachen Trendlinie zu erklären. Dies wäre erst noch zu belegen.“ (S. 21)

Interviewempfehlung:

Auf weitere Aspekte der Studie geht das Interview des Kress Mediendienstes ein: „Produktdifferenzierung ist die letzte Chance“

Interview via Dominik Schönleben

6 Gedanken zu „Ist das Internet vielleicht doch nicht Schuld am Rückgang der Auflagen von Tageszeitungen?“

  1. Die Annahme eines linearen Trends ist methodisch falsch. Wenn der Auflagenschwund konstant wäre, also z. B. jedes Jahr 3% der Zeitungsleser wegfielen, ergäbe sich eine exponentielle Trendlinie, die immer flacher wird.
    Was also hier wie linear aussieht, ist in Wahrheit eine Beschleunigung.

  2. Ein Grund für die Abweichung könnte natürlich sein, dass das Modell falsch ist. Nicht alles entwickelt sich linear. Ferner ist die Festlegung auf 1996 eher willkürlich. Würde man 1994 wählen, wäre die Abweichung von der Trendlinie sehr gering.

    Die Abweichung liegt im Bereich dessen, was man bei der angewandten Methodik an Genauigkeit erwarten darf.

  3. Liebe Katharina,
    Die Möglichkeiten der Bürger nehmen zu, sich selbst zu informieren. Das Internet ist nur ein Faktor von vielen. Je nach Bildungsstand und Geschick bei Googeln kommt irgendwann die Erkenntnis, wie in der Tagespresse manipuliert wird. Mir kam die Erkenntnis vor 4 Jahren, als ich Artikel in vershiedenen Zeitungen verglich, die von DPA übernommen worden waren. Ausserdem nahm die Berichterstattung von Fakten ab, während die Wertungen (und Abwertungen) zunahmen. Zuerst merkt man, daß die Zeitungen nicht in der Lage sind, Sachverhalte aus dem eigenen beruflichen Umfeld richtig wiederzugeben. Ich arbeite in der Schifffahrt, da denkt man zuerst, na gut, das können die nicht alles wissen. Später ärgerte ich mich dann über dämliche Kommentare und die Kriminalisierung der Seeleute wenn mal ein Schiff qualmt, heute werden ja Kraftwerker und Bergarbeiter auch als Kriminelle eingestuft. Der Umweltwahn ist kaum noch zu bremsen. Wenn man trotzdem den Laden am Laufen halten muss, ist irgendwann die mentale Schmerzgrenze erreicht und man kauft das dumme Geschwätz eben nicht mehr.
    Da dieser Zustand bei jeder Person individuell irgendwann eintritt, ist er statistisch relativ ausgeglichen und erzeugt eine stetig nach unten gehende Kurve. Man könnte schon ausrechnen, wann niemand mehr eine Zeitung kauft.

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