Golem-Chefredakteur: „Paywalls entsprechen nicht dem Internet-Gedanken“

Das Tech-Magazin Golem bietet seit Kurzem ein Abo an: 2,50 Euro, dafür gibt es keine Werbung. Jakob Steinschaden hat für das österreichische Medienmagazin Horizont Chefredakteur Benjamin Sterbenz interviewt. Zwei Fragen als Auszug, denn Sterbenz sieht das Problem der Refinanzierung von Nachrichten sehr nüchtern – und sehr realistisch.

HORIZONT: Bei Golem pur wird es ausdrücklich keine Paywall, keinen Paid Content geben, die User zahlen für Werbefreiheit und Zusatzfunktionen. Warum bleibt der Content, das Hauptprodukt des Verlags, gratis?

Sterbenz: Niemand zahlt für Nachrichten-Content. Das ist eine Illusion. Wer was anderes glaubt, ist naiv. Jede Nachricht finde ich auf zig anderen Portalen, es gibt immer eine Alternative. Jener Content, der hinter einer Paywall steckt, wird von der Konkurrenz paraphrasiert als News reproduziert. Hinzu kommt, dass es immer Öffentlich-Rechtliche Portale gibt, die Nachrichten kostenlos anbieten. Schließlich gibt es im Netz unendlich viele exzellente Artikel. Alleine meine Leseliste wächst schneller, als dass ich sie abarbeiten kann. Wenn ich auf Paid Content stoße, lasse ich das bleiben und widme mich einem der anderen tollen Artikel. Oder lese ein Buch, gehe auf Facebook oder auf YouTube. Damit stehen Artikel auch in Konkurrenz. Wir wollen die limitierte Aufmerksamkeit der Leser. Eine Paywall ist nur eine Hürde.

HORIZONT: Auch Krautreporter.de wird den Content gratis anbieten und zahlenden Unterstützern Zusatzfunktionen bieten. Ist Paid Content überhaupt möglich in einem Umfeld, in dem es Millionen Inhalte gratis gibt?

Sterbenz: Paywalls entsprechen nicht dem Internet-Gedanken. Das Netz ist da zum Teilen und zum Informationsaustausch. Da haben es klassische Nachrichten schwer. Bereitschaft zum Zahlen sehe ich nur bei Reports oder Business Intelligence, nicht aber bei normaler Berichterstattung. Es muss sich an eine Nische richten, extrem tiefgreifend und gut recherchiert sein. Im Netz setzt sich entweder Schrott durch oder hohe Qualität. Für alles zwischen diesen Extremen wird es schwer. Ersteres kann man günstiger produzieren, muss dafür aber auf jeden neuen Trend aufspringen. Letzteres braucht wiederum extrem gute Journalisten mit Fachwissen sowie Zeit. Das ist sind Investitionen, die man sich leisten muss, die zudem nur mit langfristigem strategischen Denken zum Ziel führen.

Eine Antwort zu “Golem-Chefredakteur: „Paywalls entsprechen nicht dem Internet-Gedanken“”

  1. Katja sagt:

    Leider findet man zwischenzeitlich immer häufiger die Paywall im Internet und hier kann ich dem Artikel nur zustimmen, das kann doch nicht im Interesse des Internets sein. Ich bin sehr gespannt, wie sich dieses ganze Thema in Zukunft noch entwickeln wird.

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