This is the BBC … über Deutschland

Mein derzeitiger Lieblingspodcast: Germany – Memories of a Nation. Die BBC erklärt in 15-minütigen Sendungen deutsche Geschichte und Kultur. Mit Nazis, klar, Mittelalter und der Zeit dazwischen.

Ein Aspekt, der immer wieder wiederkehrt und Deutschland von anderen Ländern unterscheidet: Viele für die deutsche Kultur wichtige Orte gehören heute nicht mehr zu Deutschland. Prag, Königsberg, Straßburg, you name it. Offenbar ist das für die Insel hinter dem Ärmelkanal besonders faszinierend. Und für mich der Blick von außen.

Keine Struktur ist auch keine Lösung

Gruppen ohne Strukturen gibt es nicht, schreibt Jo Freeman in The Tyranny of Structurelessness

Und macht auch keinen Sinn, meint Freeman Anfang der 70er Jahre als sie die Frauenbewegung beschreibt und alle Gruppen meint. Empfohlen hat den Text Kathrin Passig auf der Republica. Zurück zum Thema:

„(…) to strive for a structureless group is as useful, and as deceptive, as to aim at an „objective“ news story, „value-free“ social science, or a „free“ economy.“

  • Gruppen ohne Strukturen gibt es nicht
  • Zwar geht es ohne formellen Regeln, aber keinesfalls ohne informelle Regeln
  • Doch diese informellen Regeln machen es für Außenstehende oder Neulinge schwierig, Entscheidungen zu verstehen und zu beeinflussen
  • Informelle Regeln befördern Eliten innerhalb von Gruppen, v.a. dann, wenn sie auch Freundschaften begründen: „It is this informal structure, particularly in Unstructured groups, which forms the basis for elites.“

Bücher im November und Dezember 2015

Überlegungen eines Wechselwählers – Sebastian Haffner

Flohmarkt-Fund als ich aus Prinzip irgendwas kaufen wollte. „Was ham’s denn gefunden?“ – „Weiß nicht genau. Irgendwas Politisches aus den 80ern.“ Haffner ging bis dahin vollkommen an mir vorbei. Nur dunkel schwelte es in einer Hirnecke vor all den Konsalik-Büchern, dass mir der Name gelegentlich begegnet sein musste.

Im Wechselwähler-Buch argumentiert Haffner, warum Deutschlands Demokratie sich nach dem Zweiten Weltkrieg stabilisierte (Stand: 1980 unter Kanzler Schmidt). Das Rezept: ein faktischer Zwei-Parteien-Staat (SPD und FDP vs. CDU und CSU). Die Mehrheiten sind nie zu stark, jede Regierung könnte abgewählt werden. Der wichtigste Unterschied zur Weimarer Republik: Die Parteien wollen regieren und nicht nur opponieren.

Gegen Ende nimmt er sich der damals funkelniegelnagelneuen Partei der Grünen an. Viele Seiten hinweg schimpft er sehr erzürnt über die Umwelt- und Friedenspartei. Niemals würden sie sich etablieren können (und ihm so eine These zerstören). Well…

Der Untergang – Joachim Fest

Im Vergleich zur Fests Hitler-Biografie sind die etwa 200 Seiten Untergang schon eher mein Kaliber. Chaos, Willkür, Realitätsferne aus dem Bunker unter der ehemaligen Reichskanzlei. Ein bisschen Hitler geht ja immer.

Die Geschichte eines Deutschen – Sebastian Haffner

Gleich der zweite Haffner hinterher: Seine Kindheits- und Jugenderinnerungen an den Ersten Weltkrieg, die Revolution von 1918, Inflation, Weimarer Republik und die Machtergreifung Hitlers. Machtergreifung lehnt Haffner als Begriff ab. Zu leicht hätten es ihm alle anderen Parteien gemacht, die – siehe Wechselwähler-Buch – seit dem Kaiserreich nichts anderes kannten als die Opposition. Und im Zweifel lieber andere regieren lassen. Und wenn’s der Hitler ist.

Zweimal Haffner, einmal Fest innerhalb kürzester Zeit. Die mussten sich doch kennen. Und ja, im Spiegel schrieb Fest 2003 einen langen Text über Haffner: „Der fremde Freund“

Extremely Loud and Incredibly Close – Jonathan Safran Foer

Die Geschichte eines depressiven Jungen, der seinen Vater am 11. September verloren hat, und seiner Großeltern, die ein halbes Jahrhundert zuvor in Dresden kennengelernt hatten und nie über das, was sie im Zweiten Weltkrieg erlebten, hinweg gekommen sind. Extrem schön und unglaublich traurig.

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Lange vorgenommen, endlich gelesen. Schön. Hoffentlich ist das Schullektüre.

Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt – Navid Kermani

Kermani, Deutschlands Chef-Erklärer des Islams, erzählt von seinen Reisen aus Indien, Pakistan, Afghanistan, Irak, Syrien und wo es sonst noch brennt. Über was ich gelernt viel habe: Sufismus.

Überraschenste Szene: Afghanistan, auf einem Kabuler Friedhof spricht Kermani mit einem alten Mann names Agha.

Ach ja, der 11. September 2001, komme ich auf den Tag genau zehn Jahre später meiner Pflicht als westlicher Berichterstatter nach: wie er dazu stehe? Nur Agha weiß nicht, was ich meine. Die Anschläge in Amerika, die Flugzeuge, die in die Hochhäuser flogen? Nur Agha schüttelt den Kopf. Damals habe es ja kein Fernsehen gegeben, bittet er um Verständnis für die Wissenslücke, und das Radio habe auch niemand einschalten dürfen.

Der große Schlaf – Raymond Chandler

Ein Krimi-Klassiker, dessen Protagonisten mir zumindest namentlich bekannt war: Philipp Marlowe. So ungefähr, wie ich weiß, dass es in Star Wars um Jedi-Ritter geht.

Also, der Privatdetektiv Marlowe ist ein echter Haudegen, Raucher, Trinker und mit den Frauen kann er’s natürlich auch. Nicht unspannend, aber ein bisschen viel Testosteron für so ein dünnes Büchlein.

Normalverteilung

Der Maßstab

Mit das beste, am sowieso schon großartigen Wirtschaftsmagazin Brandeis sind die Essays, die das jeweilige Scherpunktthema einleiten. Im Oktober ging es um die Normalität, die – so die These des Autors Wolf Lotter – als Maßstab gesehen werden soll. Ist einleuchtend, schließlich ist das ein relativer Wert, der sich irgendwo orientieren muss.

Nun ist im Prinzip nichts schlecht daran, wenn sich Menschen an einem Durchschnitt orientieren, an einem Wert, der ihnen Gelegenheit gibt, ihre eigene Position genauer zu bestimmen. Dazu ist ein Body-Mass-Index ebenso nützlich wie Leitkulturen und Moden – wenigstens solange wir all diese Maßstäbe nur zur Kalibrierung unserer eigenen Persönlichkeit nutzen, also zur besseren Unterscheidbarkeit von der Norm. Doch das geschieht nach wie vor selten. Die meisten wollen sich am Maßstab nicht orientieren, sie wollen so sein wie er. Wir machen uns, ohne Not, zu Normalverbrauchern. Und es ist nur auf den ersten Blick paradox, dass das besonders klar wird, wo wir das Abweichende loben.

Falsch: Hörenswertes!

Städte funktionieren dann nicht, wenn sie überhaupt nicht geplant werden (=Slums) und auch dann nicht, wenn sie zu sehr einem Plan folgen (z.B. dieses Insel-Ding vor Dubai). Warum das so ist, erklärt ein Architekt bei Podcast-Gott Tim Pritlove. Drei wirklich spannende Stunden über, so der Architekt, das komplexeste, das Menschen erstellt haben: Städte.

Der Link: CRE – Stadtplanung

Storytelling: Geschichte der Uni Regensburg im Snowfall-Stil

Zwei Reportagen von Moritz Geier über die Anfangsjahre der Uni Regensburg im populären Snowfall-Storytelling-Stil, inkl. fixer horizontaler Navigationsleiste, großen Bildern und responsiver Darstellung.

Teil 1: Wer hat Angst vorm roten Mann?

Die Kinderjahre der Universität Regensburg fallen in eine Zeit des Aufruhrs. Überall in Deutschland werden in den späten 60er Jahren die Hochschulen zu Hochburgen einer liberalen Protestbewegung. Linke Intellektuelle fordern die konservativen Autoritäten heraus:

Es gibt Kämpfe, Hoffnungen und Enttäuschungen.
Auch in Regensburg.
Eine Zeitreise.

Teil 2: Es rappelt in der grauen Kiste

snowfall_storytelling

Professoren mit Schlägertrupps, Proteste im Hinkegang und Pornos im Auditorium: Die junge Regensburger Uni kommt früh in die Pubertät. Einen der Studenten, die die Marschrichtung vorgaben, hat die Lautschrift in Berlin getroffen.
Ein Streifzug durch turbulente Zeiten.

John Irving: „Last Night in Twisted River“

Frägt man mich, wer mein Lieblingsautor sei, antworte ich seit Jahren mit: „John Irving“. Denn ich habe die meisten seiner Bücher gelesen und die absurden Geschichten haben mir gefallen. Und sein Foto auf der Umschlagseite erinnert mich an meinen Opa. Deshalb hatte ich mir „Last Night in Twisted River“ in der englischen Orginialversion gekauft, weil ich nicht warten wollte, bis es in Deutschland auf den Markt kommt – und dann hat es drei Jahre und Bücherregale in drei verschiedenen Wohnungen gebraucht bis ich es gelesen hatte.

Das Problem war der Anfang. Zweimal habe ich mich ein paar Seiten vorgekämpft, und es dann doch zur Seite gelegt. Obwohl ich ja eigentlich wusste, dass mir die Gesichte taugen dürfte, schließlich stand auf dem Cover „a typical Irving“. Der Roman startet in den 1950er Jahren in einem Holzfällercamp in Neuengland. Dort wird ausführlich in Holzfällerfachtermini das Setting eingeführt. Auf jeder Seite Wörter, die ich nicht verstand, und von denen ich wusste, dass ich sie nie brauchen würde. Erst als das zentrale Unglück passierte – ein zwölfjähriger Junge erschlägt die Küchenhilfe, denn er glaubt ein Bär habe seinen Vater, den Koch, angefallen, doch die dicke, langhaarige Frau und sein Vater haben nur Sex – macht mir die Sprache nichts mehr aus. Denn noch in der gleichen Nacht flüchten Vater und Sohn aus dem Wald nach Bosten. Vorbei mit dem Holzfällerslang!

Und tatsächlich: Die Geschichte ist ein typischer Irving. Bestimmte Motive erkennt man aus anderen Büchern (Der Bär!), andere gibt es nur im Buch und tauchen über die sechs Jahrzehnte, die sich die Geschichte spannt, immer wieder auf. Vater und Sohn müssen immer wieder weiterziehen, denn der „Constable“, der damalige Freund der getöteten will Rache (nicht wegen der Toten, sondern weil sie einen anderen hatte). Und dann ist da noch Ketchum: Der beste Freund von beiden, Vater und Sohn. Der Sohn wird Schriftsteller, der Vater arbeitet als Koch, Ketchum bleibt in den Wäldern und ist die eigentliche Hauptperson.

„Last Night in Twisted River“ ist sicherlich nicht Irvings spektakulärster Roman (hinsichtlich der Abstrusität) , aber eine Geschichte, die mit steigender Seitenzahl immer besser wird, denn Irving kann verdammt gut erzählen.

Semestermeter

Manchmal lasse ich meine Finger an ihr entlangleiten, so manche Narben und Dellen hat sie mit der Zeit bekommen. Sie ist kalt, als wäre sie tot.

Über 20 000 Menschen verkehren regelmäßig an der Uni. Sie stopfen rein und lassen raus. 6000 Essen werden an einem guten Tag in der Mensa verkauft, hunderte Leberkaassemmeln verdrückt. Dann warten sauber-schmutzige Toiletten, bei denen die Handtücher schon alle feucht sind, aber es zumindest immer Klopapier gibt.

Den Mythos »Sex am Uniklo« wollte das Magazin Unicum vor zwei Monaten suchen, gefunden hat es ihn nicht. Der Hausmeister einer großen Ruhrgebiets-Universität kennt aktuell keine Fälle von Sex auf dem Klo, heißt es. Sex in universitären Bedürfnisanstalten – nur Sprücheklopferei in den Kabinen.

Das Fleisch scheint schwach, aber der Wille wäre stark. Und so stalken bei Facebook seit Anfang des Jahres Tausende ein paar Dutzend Kontaktanzeigen aus dem Mikrokosmos Uni/Hochschule. Anonyme Gossip-Girl-Gerüchteküche paart sich mit charmanten, verzweifelten, sexistischen Druck-Ablass-Mitteilungen. Erfolgsquote? Wahrscheinlich irgendwo zwischen Sex auf der Uni-Toilette und der Chance auf warmes Wasser zum Händewaschen.

»Data journalism is like sex at university – everyone talks about it; few do it; fewer still do it well«, twitterte der Journalist Paul Bradshaw zu einem gänzlich anderen Thema. Mehr Sex in der Lautschrift habt ihr bei der Umfrage »Wer ist wir?« gefordert. Sex, Drogen und ausgewählte Kurzgeschichten von russischen Autoren um 1900.

Manchmal lasse ich meine Finger an ihr entlangleiten, so manche Narben und Dellen hat sie mit der Zeit bekommen. Sie ist kalt, als wäre sie tot. Grau in grau steht unsere Alma Mater auf einer leichten Anhöhe. Hier gibt’s nur Shades of Grey. 

Erschienen in der letzten Lautschrift

Lesenswertes: Studenten und Alkohol

Dass Studenten gerne saufen, weiß man nicht erst seit gestern. So sagt der Arzt Leopold Loewenfeld bei einer Rede mit dem Titel „Student und Alkohol“ im Jahr 1910:

Das Biertrinken bildet ein Attribut des Studententums; es gehört gewissermaßen zum Wesen des Studentseins. Der richtige Student trinkt Bier, und wenn er dabei auch gelegentlich über die Schnur haut, so ist dies von gar keiner Bedeutung. Diese Ansicht, so große Verbreitung sie auch noch derzeit besitzt, ist für den nüchtern Denkenden keineswegs ohne Weiteres verständlich. Die Assoziation von Studentsein und Biertrinken ist ja in der Natur der Sache nicht begründet, so daß sie Jedermann einleuchten müßte. Wir wissen, daß bei uns die schwer arbeitenden Klassen das Biertrinken für nötig halten, weil sie den irrtümlichen Glauben hegen, daß sie hierdurch allein die für ihre Arbeit nötige Kraft erlangen können. Wir wissen auch, daß gewisse Berufsarten, z. B. die des Gastwirtes, des Weinhändlers, den Genuß geistiger Getränke sozusagen mit sich bringen. Von etwas derartigem ist bei dem Studenten 4keine Rede. Es kann niemand behaupten, daß die berufliche Tätigkeit des Studenten, das Studium, besonderen Durst oder überhaupt einen Körperzustand hervorruft, der das Biertrinken nötig macht, oder daß letzteres die geistige Leistungsfähigkeit erhöht und damit das Studieren erleichtert. Man weiß zur Genüge, daß das Gegenteil der Fall ist. Die Assoziation von Studentsein und Biertrinken läßt sich auch nicht auf die Ansicht zurückführen, daß der Student als junger Mann Anspruch auf einen gewissen Lebensgenuß hat und ein solcher ohne Bierkonsum nicht möglich ist.

Am Montag fahr ich zur Wiesn.