Lesenswertes

The End of Typing: The Next Billion Mobile Users Will Rely on Video and Voice – Wall Street Journal

Instead of typing searches and emails, a wave of newcomers—“the next billion,” the tech industry calls them—is avoiding text, using voice activation and communicating with images. They are a swath of the world’s less-educated, online for the first time thanks to low-end smartphones, cheap data plans and intuitive apps that let them navigate despite poor literacy.

Fake news is bad. But fake history is even worse – The Guardian

Being afraid to come out in a country that just elected a lesbian prime minister – Mashable

Was Greenwashing bei Firmen ist, kann Pinkwashinh bei Regierungen sein:

While in public office, BrnabiÄ has never been vocal about LGBTQ rights or issues and has disassociated with that aspect of her identity, saying it actually stands in the way of her doing “her job.” So while BrnabiÄ is out, there’s no sign she is actively representing people from the LGBTQ community.

It is the view among many Serbia-watchers, as well as LGBTQ groups, that she was appointed because she’s a lesbian at a time when Serbia is aggressively pursuing its EU membership talks. Electing a lesbian prime minister in 2017 is good PR for a government that wants to look more liberal and European. And LGBTQ rights are like a barometer for many Eastern European and Balkan countries.

Andererseits:

Now that the box of having a female and openly lesbian prime minister has been ticked, the expectations for delivering actual results in terms of securing rights and freedoms of members of the LGBTQ community will be higher.

Venice: Not drowning but suffocating – The Economist

Das, was Venedig so schön macht, ist öffentlich – und damit kostenlos – zugänglich. Keine Steuereinnahmen, weniger Ressourcen, die Brücken, Gassen, Häuser zu erhalten.

Wie also dem öffentlichen Raum einen Preis zuweisen?

The proper pricing of public space could cut overcrowding and raise revenues to pay for essential activities such as dredging the canals and to subsidise the cultural activities that high-end tourists want. Buses already pay up to €650 to deposit tourists at the end of the causeway to the main island, but this is nowhere near enough to limit numbers to a reasonable level and raise the revenues Venice needs.

Citizens’ groups campaign for the “Venice Pass”, which would be a ticket for the entire city, paid on entry. This would both increase the city’s income and deter the least enthusiastic. There is precedent for this system. The Cinque Terre, a popular Italian coastal region consisting of scenic villages linked by narrow footpaths, has introduced a tourist ticket. A less radical option – turning the area around the Rialto, the Accademia and St Mark’s into a museum with paid entry – would encourage visitors to venture farther afield, to less crowded bits of the old city, or even to the tranquil islands of the lagoon, such as San Lazzaro degli Armeni, an exquisite if barely accessible Armenian monastery. But souvenir sellers, gondolas, water-taxis and some hotels and restaurants want no limits to the crowds. Running the city at over-capacity is too lucrative.

Morgen bin ich in Dubrovnik. Ich stelle mich auf ein zweites Venedig ein. Sehr schön, aber zu viele Touristen wie ich.

Why our future depends on libraries, reading and daydreaming

"When you watch TV or see a film, you are looking at things happening to other people. Prose fiction is something you build up from 26 letters and a handful of punctuation marks, and you, and you alone, using your imagination, create a world and people it and look out through other eyes. You get to feel things, visit places and worlds you would never otherwise know. You learn that everyone else out there is a me, as well. You’re being someone else, and when you return to your own world, you’re going to be slightly changed.”

Leseliste: Konservativ, feministisch, im Widerstand

Können jetzt nicht mal die Konservativen rebellieren?
Die Zeit fragt nach, wer denn eigentlich noch konservativ ist. Gerade in Zeiten, in denen sich auch die Rechten als (Neo-)Konservative bezeichnen, braucht es eine klare Grenzziehung. „Die Wirklichkeit des Konservativen ist (…) komplex. Das ist eigentlich das Gegenteil zum rechten Populismus.“

Emma Watson: the feminist and the fairytale

One way to understand Watson’s very 21st-century celebrity activism is to see her as a multi-hyphenate entrepreneur in the vein of Beyoncé and Gwyneth Paltrow. It’s just that instead of using her brand to promote her own range of perfumes and cookbooks, she is using it to promote gender equality.

Is the „Resistance“ the new Tea Party?
Ist der Widerstand gegen Trump die neue Tea Party? Diese Tea Party, die nicht nur gegen Barack Obama hetzte, sondern auch die republikanischer Partei terrorisierte.

Die Parallelen: Spontaner Massenprotest von Leuten, die vorher überwiegend nicht für die Demokraten aktiv waren – außer, um sie zu wählen vielleicht. Und eine Regierung an der Macht, damals Obama, jetzt Trump, die es für möglich hält bei bestimmten Themen mit der Gegenseite zusammen zu arbeiten. Bei Obama hatte es damals jedenfalls nicht funktioniert.

Eine unvollständige Liste von Büchern, die ich im Jahr 2016 gelesen habe

Der Mann mit dem Schafskopf

Das Buch startet wie ein Murakami, den man sich wünscht: Eigenbrötler findet eine Frau toll, ein Hotel, in dem sich komische Dinge tun. Und dann wird’s aber die nächsten paar hundert Seiten ein eher konventioneller Roman. Ein schöner zugegeben, dessen Fokus die Freundschaft eines erwachsenen Mannes und einer Jugendlichen ist. Murakami ist <3, aber mit hoher Volatiliät.

F – Daniel Kehlmann

Drei Brüder. Drei Geschichten. Eine davon handelt von einem katholischen Priester, der nicht gläubig ist, die zweite Mann in der Finanzindustrie, dem alles unter den Händen zerrinnt. Über die dritte soll nichts verraten werden. Um wieder mehr Romane zu lesen, legte ich mir zuerst die Schranke von höchstens 250 Seiten auf. F war dafür der perfekte Einstieg.

A Little Life – Hanya Yanagihara

Aus meinem Newsletter vor ein paar Monaten:

Im Frühjahr las ich an einem Strand auf einer philippinischen Insel eine lange, lange Rezension. Den Titel “A Little Life” wollte ich mir damals auf eine “Diese Bücher will ich noch lesen”-Liste schreiben. Aber wer hat denn am Strand schon das Notizbuch dabei? Nach dem Plantschen im seichten Wasser war das Buch aus dem Sinn.

Im Laufe des Sommers wurde “A Litte Life” von den Kollegen Simon Hurtz und Hakan Tanriverdi eindringlich gelobt. Es ist das erste Mal, dass mich ein Buch über Facebook erreichte. Nennt man das schon viral?

Jedenfalls sage auch ich jetzt: Lest dieses Buch! „A Litte Life“ gehört zu den besten Romanen, die ich jemals gelesen habe. Es ist ein großes Buch über Freundschaft und Liebe.

Darum geht’s:

Jude ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte einer Gruppe von Freunden in den USA. Sie sind kreative, erfolgreiche Männer, die sich kennen, seitdem sie 16 Jahre alt sind. Das Buch erzählt über mehrere Jahrzehnte von ihrer gemeinsamen Zeit.

Es macht nicht immer Spaß, sich durch diesen Morast aus Pein und das Netz aus Zuneigung zu kämpfen, in dem die Hauptperson Jude lebt. Die Autorin Hanya Yanagihara versteht es sehr gut, mit der bösen Vorahnung zu spielen.

“A Little Life” ist herzergreifend, traurig und schön. Ich war schockiert und habe geweint und mich gefreut. Knapp über 700 Seiten hat das Buch. Es stimmt, was auf dem Buchdeckel steht: “Dafür, dass es so ein dickes Buch ist, will man nicht, dass es aufhört”

Doch irgendwann muss es vorbei sein. Fünf Wochen lang habe ich das Buch ständig mit mir herumgetragen. 69 Seiten habe ich noch vor mir. Es wird Zeit, dass es endet.
Auf dass endlich mal Ruhe ist.

Sputnik Sweetheart – Haruki Murakami

Murakamis Bücher kann man nach zwei Dimensionen aufspannen: Anzahl der Seiten und Alter. „Sputnik Sweetheart“ ist dünn und eher neu. Eine junge Frau verliebt sich etwas obessiv in eine ältere Frau. Braucht man nicht zu lesen.

Grüne Tomaten – ?

Vor vielen Jahren musste ich in einer Bücherei Strafe zahlen, weil ich die DVD der Verfilmung zu spät zurückbrachte. Dabei hatte ich den Film nie gesehen. Dafür jetzt das Buch gelesen. Es spielt in den 20er Jahren, das Whistle Stop Café der Dreh- und Angelpunkt, und die androgynene Idgie die Heldin. Schönes Buch.

Fifty Shades of Merkel – Julia Schramm

Wer ist Merkel? In 50 kurzen Kapiteln zeichnet Schramm ein Bild der Kanzlerin. Kurzweilig und informativ.

Das hohe Haus – Roger Willemsen

Ein Jahr saß Willemsen auf der Besuchertribüne des Bundestags und beschreibt gute und schlechte Reden, volle und leere Plätze, wichtige und eher unwichtigere Themen. Spannend, aber trotzdem habe ich nicht alle 400 Seiten durchgehalten.

The Rightous Mind – Jonathan Haidt

Der Moralpsychologe untersucht, warum wir uns bei Politik und Religion so sehr streiten können. Als ich am Tag, an dem Donald Trump, zum President-elect wurde, nach der Nachtschicht nach Hause fuhr, las ich das:

Many political scientists used to assume that people vote selfishly choosing the candidate or policy that will be benefit them the most. But decades of research on public opinion have led to the conclusion that self-interest is a weak predictor of policy preferences.

In Afrika – Heinz Strunk

So sehr strunk gefeiert wird, muss „In Afrika“ wohl eines seiner schwächeren Bücher sein. Immerhin weiß ich jetzt, dass er gerne in Hotels und Casinos rumgammelt.

Carol – Patricia Highsmith

„Carol“ gilt als der erste Roman, bei dem einem Frauenpaar am Ende nicht eine Katastrophe droht. Unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlichte Highsmith das Buch 1952 unter dem Titel „The Price of Salt“.

Beebo Brinker – Ann Bannon

In den 60er und 70er Jahren war das Genre des Lesbian Pulp Fiction groß, also Groschenromane mit Lesben, die – und das war wichtig – nie gut ausgingen.

Beebo Brinker gilt als der Klassiker schlechthin. Ich war überrascht, wie direkt das Buch ist. Aber hey, es bleibt ein Groschenroman: Eine 16-Jährige kommt nach New York, verliebt sich in eine berühmte Schauspielerin, deren Mann das nicht lustig findet.

Filterbubble == Lebenswelt

Ich lebe ihn keiner Blase – Digital Present

Algorithmen sind pragmatisch: Sie arbeiten mit dem, was wir ihnen hinwerfen. Unsere Anfragen auf Google, unsere Klicks auf Links und die Likes bei Facebook.

Früher, in der Zeit vor den sozialen Medien, hießen Filterblasen nicht Filterblasen, sondern „Heimatdorf“, „Familie“, „Arbeitsplatz“, „Nationalstaat“ oder „Fußballverein“. Solche Umfelder waren es, die bestimmten, worüber man sich unterhielt, in welchen Kategorien man dachte, wem man zuhörte und wem gegenüber man Vorbehalte hatte. Denn es war ja nicht so, dass die Berliner Industriearbeiterschaft des 19. Jahrhunderts nach Feierabend Brieffreundschaften mit fernen Völkern oder dem politischen Gegner pflegte.

(…)

Hier nähern wir uns dem, wofür die Bubblediskussion oft als Ausrede dient: nämlich klassischen sozialen Konflikten – zwischen Stadt und Land, Jung und Alt und vor allem zwischen Arm und Reich. Mit der digital beschleunigten Konzentration von immer mehr Geld in immer weniger Händen steigt die Zahl der Abgehängten, Ungebildeten, Unverwertbaren, der Armen. Die machen ihrem ungerichteten Ärger Luft – und zwar, wie so oft in der Geschichte, gegen die noch Schwächeren: Migranten, Frauen, Homosexuelle.

Folglich wären das, was wir als Filterblasen bezeichnen nichts anderes als unsere Lebenswelten. Nur halt digital.

yes, yes, and hell yes

Thank God For Identity Politics – The Establishment

“Identity Politics” is now thrown about as an insult at many progressive activists. Critics say that Identity Politics make everything about gender, everything about sexuality, and everything about race. And to this I say: yes, yes, and hell yes.

(…)

Identity Politics are everything that its critics fear. Identity Politics are decentralizing whiteness, straightness, cis-ness, and maleness. Identity Politics brought you equal marriage, the voting rights act, and abortion access. Identity Politics has got people believing that black is beautiful, that disability is nothing to be ashamed of, that fat people deserve respect, that a woman can say no. Identity politics are forcing the world to consider what it has spent hundreds of years ignoring — everyone else.

Lesenswertes: China, EU, Open Data

Why do young rural women in China become mistresses?

Über die Motive, Herkunft und Folgen für die Frauen. Sich eine Freundin zu halten ist ein Zeichen von Macht:

Keeping a woman is common among powerful Chinese men. A study by the Crisis Management Centre at Renmin University in Beijing, published this January, showed that 95 per cent of corrupt officials had illicit affairs, usually paid for, and 60 per cent of them had kept a mistress.

Was hat diese Frau mit dem Brexit zu tun? – Zeit

Die Frau aus der Überschrift ist ein syrischer Flüchtling mit Kind im Arm. Bernd Ulrich versucht sich in der Zeit daran, sie mit der schlechten Situation der EU in Verbindung zu bringen.

„Und doch, es gibt sie noch, die Außenwelt, die Wirklichkeit, und in der geht etwas vor, das die sogenannte Krise der EU erklärt: Die Mauer zwischen Erster und Dritter Welt ist dabei zu fallen. Die Globalisierung ist an ihrem dialektischen Punkt angekommen, sie geht nicht mehr nur in eine Richtung, von Norden nach Süden, sie kommt jetzt auch zurück: in Gestalt von wirtschaftlicher Konkurrenz wie auch in der von Flüchtlingen und von Terrorismus.

Zugleich hat dieselbe Globalisierung die realen und erst recht die gefühlten Unterschiede zwischen Arm und Reich in den westlichen Ländern zuweilen bis ins Obszöne hinein vergrößert. Zwei Gerechtigkeitsfragen kommen jetzt zusammen, nein, sie prallen brutal aufeinander.
(…)

Liberale Internationalisten gegen autoritäre Nationalisten, so ließe sich die aktuelle globale Alternative umreißen.

Die Macht dieser neuen politischen Polarisierung ist so groß, dass sie in den meisten westlichen Staaten gerade in hohem Tempo das bisherige Parteiensystem zerschmettert. Die konservativen Parteien spalten sich, die sozialdemokratischen zerbröseln, die Ränder bedrängen die Mitte.

Eine globale Revolution findet also statt, die Überwindung der letzten großen Grenze, der letzten Mega-Ungerechtigkeit – oder aber eine globale Konterrevolution, der Versuch also, dies mit immensen aggressiven Energien zu verhindern.“

 

The Power of Open Data

Open Data und Transparanz müssen nichts miteinander zu tun haben, argumentiert Nicolas Kayser-Bril. Es war ein Fehler der Open-Data-Bewegung, diese beiden Dinge so eng miteinander in Verbindung zu bringen.

Denn: Wenn staatliche Institutionen selbst aussuchen, welche Datensätze sie ins Internet stellen, muss das nicht unbedingt die Transparenz erhöhen. Auch wenn mit den Standorten von öffentlichen Toiletten in maschinenlesbarer Form Projekte umgesetzt werden können – der große Wurf, Entscheidungen des Staates zu überprüfen, ist das sicherlich nicht.

„Infrastructure data is needed, and it should be free. However, it does not imply in the least that the government providing it commits to transparency. The two issues – infrastructure data and transparency – must be addressed independently. If not, open data offers governments a handy excuse to cramp down on existing transparency laws.“

 

 

 

 

Der Hass, der aus der Mitte kam

Neuer deutscher Hass

Leise, aber deutlich ist der Weimarer Ton wieder zu vernehmen. Patzig, primitiv, weinerlich und das Gespräch durch putative Härte, die gleichwohl Schwäche signalisiert, unterbindend. Ein wenig beunruhigend ist das, weil es nicht mehr nur an extremen rechten und linken Rändern artikuliert wird, nicht mehr nur von den notorischen Schmuddelkindern kommt. Beunruhigend auch, dass der neue Hass dabei ist, in die Salons einzutreten. Mit Merkel- und allgemeinem Politik-Bashing kann man heute auf Partys und bei Abendgesellschaften reüssieren.

(…)

Ein Denken, das gerne dunkle, volksfeindliche Kräfte am Werk sieht, das sich – in seltsamer Umkehr der eigenen früheren Taten – vor der Auslöschung durch Überfremdung fürchtet. Ein Denken und Fühlen, das vom Kitzel der namenlosen Gefahr getragen ist und deswegen in Erregung gerät. Das aber zu der großen neuen Weltunordnung, die nicht in der Ferne hinter den Bergen, sondern auch hier und unter unseren Augen stattfindet, nur dies beizutragen hat: ein trotziges nationales Nein. Eine erstaunliche Reduktion von Komplexität. Aber offenbar anziehend.

Do not nudge me!

Within Reason

Steven Poole, englischer Autor kluger Texte, ist der Meinung, wir kein Nudging brauchen. Sein Punkt: Nur weil jemand die Fragestellungen in Bezug auf Biases nicht richtig beantwortet, heiße das nicht, dass man irrational sei. Vielleicht ist auch nur die Frage dumm gestellt.

„Nudging is far from being a dystopian tool of state mind control. After all, we remain free to make the “wrong” choices. The more fundamental problem, however, is that nudging bypasses political discussion. There is no public consultation about choice architecture. (Is it always irrational to eat fatty food? Is it irrational to refuse to donate one’s organs?) The attempt to bypass our reasoning selves with “nudge” politics creates a problem of consent, a short-circuiting of democracy. Why bother having a political argument if you can make (most) people do what you want anyway?“

„Nudge politics, then, is not only predicated upon a thesis that we will most of the time make irrational choices; to continue to be viable, it must be opposed to any increase in our rationality. In this sense it is at odds with public reason itself.“

Bücher im November und Dezember 2015

Überlegungen eines Wechselwählers – Sebastian Haffner

Flohmarkt-Fund als ich aus Prinzip irgendwas kaufen wollte. „Was ham’s denn gefunden?“ – „Weiß nicht genau. Irgendwas Politisches aus den 80ern.“ Haffner ging bis dahin vollkommen an mir vorbei. Nur dunkel schwelte es in einer Hirnecke vor all den Konsalik-Büchern, dass mir der Name gelegentlich begegnet sein musste.

Im Wechselwähler-Buch argumentiert Haffner, warum Deutschlands Demokratie sich nach dem Zweiten Weltkrieg stabilisierte (Stand: 1980 unter Kanzler Schmidt). Das Rezept: ein faktischer Zwei-Parteien-Staat (SPD und FDP vs. CDU und CSU). Die Mehrheiten sind nie zu stark, jede Regierung könnte abgewählt werden. Der wichtigste Unterschied zur Weimarer Republik: Die Parteien wollen regieren und nicht nur opponieren.

Gegen Ende nimmt er sich der damals funkelniegelnagelneuen Partei der Grünen an. Viele Seiten hinweg schimpft er sehr erzürnt über die Umwelt- und Friedenspartei. Niemals würden sie sich etablieren können (und ihm so eine These zerstören). Well…

Der Untergang – Joachim Fest

Im Vergleich zur Fests Hitler-Biografie sind die etwa 200 Seiten Untergang schon eher mein Kaliber. Chaos, Willkür, Realitätsferne aus dem Bunker unter der ehemaligen Reichskanzlei. Ein bisschen Hitler geht ja immer.

Die Geschichte eines Deutschen – Sebastian Haffner

Gleich der zweite Haffner hinterher: Seine Kindheits- und Jugenderinnerungen an den Ersten Weltkrieg, die Revolution von 1918, Inflation, Weimarer Republik und die Machtergreifung Hitlers. Machtergreifung lehnt Haffner als Begriff ab. Zu leicht hätten es ihm alle anderen Parteien gemacht, die – siehe Wechselwähler-Buch – seit dem Kaiserreich nichts anderes kannten als die Opposition. Und im Zweifel lieber andere regieren lassen. Und wenn’s der Hitler ist.

Zweimal Haffner, einmal Fest innerhalb kürzester Zeit. Die mussten sich doch kennen. Und ja, im Spiegel schrieb Fest 2003 einen langen Text über Haffner: „Der fremde Freund“

Extremely Loud and Incredibly Close – Jonathan Safran Foer

Die Geschichte eines depressiven Jungen, der seinen Vater am 11. September verloren hat, und seiner Großeltern, die ein halbes Jahrhundert zuvor in Dresden kennengelernt hatten und nie über das, was sie im Zweiten Weltkrieg erlebten, hinweg gekommen sind. Extrem schön und unglaublich traurig.

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Lange vorgenommen, endlich gelesen. Schön. Hoffentlich ist das Schullektüre.

Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt – Navid Kermani

Kermani, Deutschlands Chef-Erklärer des Islams, erzählt von seinen Reisen aus Indien, Pakistan, Afghanistan, Irak, Syrien und wo es sonst noch brennt. Über was ich gelernt viel habe: Sufismus.

Überraschenste Szene: Afghanistan, auf einem Kabuler Friedhof spricht Kermani mit einem alten Mann names Agha.

Ach ja, der 11. September 2001, komme ich auf den Tag genau zehn Jahre später meiner Pflicht als westlicher Berichterstatter nach: wie er dazu stehe? Nur Agha weiß nicht, was ich meine. Die Anschläge in Amerika, die Flugzeuge, die in die Hochhäuser flogen? Nur Agha schüttelt den Kopf. Damals habe es ja kein Fernsehen gegeben, bittet er um Verständnis für die Wissenslücke, und das Radio habe auch niemand einschalten dürfen.

Der große Schlaf – Raymond Chandler

Ein Krimi-Klassiker, dessen Protagonisten mir zumindest namentlich bekannt war: Philipp Marlowe. So ungefähr, wie ich weiß, dass es in Star Wars um Jedi-Ritter geht.

Also, der Privatdetektiv Marlowe ist ein echter Haudegen, Raucher, Trinker und mit den Frauen kann er’s natürlich auch. Nicht unspannend, aber ein bisschen viel Testosteron für so ein dünnes Büchlein.

Dieser Text über Terrorismus und die Medien ist auch nach 30 Jahren noch aktuell

Frühling 1981 auf Sizilien. Brian Michael Jenkins hält einen Vortrag über das Zusammenspiel von Medien und Terrorismus – und diese Grundmechanismen machen auch trotz Internet zum Großteil noch Sinn. Jenkins arbeitet für Rand, einem Think-Tank des US-Militärs.

„Terrorism is aimed at people watching.“

Das ist Jenkins zentraler Satz. Und damit das gelingt, braucht es Medien, die die Botschaft vervielfachen. Je schlimmer das Attentat, je näher es ist, desto mehr verdrängt es alle anderen Nachrichten. Wer kann sich an irgendetwas vor zwei Wochen erinnern, das nichts mit Paris zu tun hat?

„The quality of the terrorist incident determines whether or not it is covered by the news media and the amount of coverage given it. As a result of this uneven news coverage, public perceptions of terrorism are imperfect, driven not by the volume of terrorist activity but rather by a handful of spectacular actions, generally those involving hostages.“

Hostages, also Entführungen, sind für Jenkins die Art von Anschlägen, die den meisten Buzz verursachen: Niemand weiß wie es ausgeht, Menschenleben sind unmittelbar in Gefahr – und die Medien im besten Falle live dabei. „It’s genuine drama.“

Aus Sicht von Terrorgruppen argumentiert Jenkins so: Sie brauchen die Medien, um Propaganda zu verbreiten. Doch in den Nachrichten sei dann meist nur vom Attentat an sich, aber nicht von den Gründen die Rede. Das sei nicht im Interesse der Terroristen. Das ist 30 Jahre später etwas anders: Heute können sie ihre Ansichten selbst im Internet verbreiten.

Hier das pdf: The Psychological Implications of Media-Covered Terrorism, Brian Michael Jenkins, June 1981