Lesenswertes: Zweimal aus der Zeit

„In Windeseile Geld machen“ – Als ich am Ende meines Chinaaufenthalts ein paar Tage in Guangzhou verbrachte, der Millionstadt am Perlflussdelta, die in Deutschland vor allem unter ihrem alten Kolonialnamen Kanton bekannt ist, überraschte mich vor allem eines: Die vielen Afrikaner, die genauso wie wir in billigen Hotels rund um den Bahnhof wohnten. Immer wieder wollte ich darüber schreiben, auf irgendeiner Festplatte liegt sogar ein angefangener Blogpost rum. Jetzt ist ein Artikel in der Zeit über Afrikaner, die oft auf eigene Faust nach China reisen und zu Händlern werden. In dem Text wird auch Diskriminierung durch Chinesen angesprochen. Ich hatte den Eindruck, dass Rassismus weit verbreitet ist, gerade auch gegenüber Schwarzen.

Elf Frauen sollt ihr sein – Pünktlich zur Frauen-WM läuft die PR-Maschinerie an. Das ist klasse, schließlich wurde den kickenden Frauen in Deutschland noch nie so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Aber damit kommt auch die latente Angst vor dem Unbekannten, dem Unweiblichen. Der DFB wirkt deshalb sehr bemüht Stereotypen keinen Raum zu lassen und feminine Spielerinnen zu präsentieren. Aber was ist, wenn das einfach nicht der Wahrheit entspricht? “Kann es sein, dass das neue Image vom Frauenfußball als Girlie-Sport nur ein Sommermärchen ist?”, fragt sich Heike Faller in der Zeit.

Lesenswertes: Berlin und Angst

Berlin oder: Wie viel Hippness verträgt eine Stadt? Immer wieder begneten mir während der letzten zwei Monate in Berlin Beschwerden über Touristen. Erstaunt und erbost gleichzeitig berichteten Berliner über die Gentrifizierung ehemals heruntergekommener Stadtteile wie dem Prenzlauer Berg (aber das brauche ich euch Internetmenschen, deren Mekka das ja ist, nicht zu erzählen). Caro schreibt über die Entwicklung als Touristikstudentin von einem professionellem Blickpunkt aus.

Angstallergie – Als der Stab um den US-Präsidenten Barack Obama live die Eroberung von Osama bin Laden verfolgte, unterschied sich die einzige Frau am Tisch, Außenministerin Hillary Clinton, klar von den Männern: Sie hatte die Hand vor dem Mund, offensichtlich aus Erschrecken, Angst oder Anteilnahme. Egal, jedenfalls ist es eine klare Gefühlsregung. Clinton selbst verwies auf Heuschnupfen. Miriam Meckel beschreibt, warum es nicht schlimm ist, wenn Politiker Gefühle zeigen, die Öffentlichkeit und Politiker aber von einer Angstallergie beherrscht werden.

Lesenswertes: Freie Bildung und kostenloses Kopieren

Das Wunder von Mauritius – Freie Bildung für alle, eine kostenlose Gesundheitsversorgung und dann wächst das BIP auch noch seit 30 Jahren um mehr als fünf Prozent jährlich – Saxendi, wo gibt’s denn so was? Der Nobelpreisträger für Ökonomie Joseph Stiglitz zeigt: Mitten im Pazifik. „Die Mauritier haben einen Weg gewählt, der zu einem höheren Grad gesellschaftlichen Zusammenhalts, Wohlstands und Wirtschaftswachstums führt – und zu einem geringeren Grad an Ungleichheit.“ Ohne Öl, Diamanten oder andere Ressourcen, blieb dem Land nur eines über: Der Aufbau von Humkapital.

Zwei Wochen deutsches Psychodrama – Wer immer noch nicht genug hat von Doktorarbeiten, Freiherren und allem, was da so dazugehört, dem sei der Text von Nils Minkmar empfohlen. Er bezeichnet die ganze Chose als „zeitlich begrenzte Episode klinischen Wahnsinns“.

Das intellektuelle Eigentum in Zeiten des Internets* – Und gleich nochmal die FAZ, und gleich nochmal indirekt Guttenberg. Im Blog Deus Ex Machina geht es darum, wie sich die wissenschaftliche Arbeit in den letzten Jahren geändert hat. Das Kopieren lässt sich mit wenigen Tastenkombinationen ausführen und ich zweifle an der Existenz von Leuten, die bei Referaten in den letzten Jahren nicht bei Wikipedia abgekupfert haben. Das ist die eine Seite, doch das zeigt, dass geistiges EIgentum nicht wertgeschätzt wird, was eigentlich ja doch ziemlich dumm ist:

„Vielleicht ist es also tatsächlich nicht die Gelegenheit, sondern der mangelnde Respekt vor gedanklicher Arbeit. Geradezu grotesk mutet es an, daß ausgerechnet unsere Gesellschaft, die ihren Wohlstand mehr als jede Generation vor uns aus geistiger – statt aus manueller – Arbeit bezieht, den laxen Umgang damit zum Prinzip erhebt. Es will mir nicht in den Kopf, wie wir den dreisten Diebstahl industrieller Ideen durch die Chinesen verdammen, die Bildungsrepublik für alle gesellschaftlichen Schichten ausrufen können; aber dann geistiges Eigentum in jener Disziplin, die quasi das Mutterschiff geistigen Eigentums ist, mit Füßen treten.“

Lesenswertes: Naher und ferner Osten

China Rises and ChessmatesHou Yifan ist 16 und die neue Weltmeisterin im Schach. Das sei ein Zeichen, wie China in sein Humankapital, vor allem auch dem weiblichen investiert, denn Schach ist wirklich kein verbreitetes Spiel, weniger als ein Prozent der Bevölkerung spielt es. Dennoch gab es in den letzten zwanzig Jahren vier Weltmeisterinnen aus China. Die New York Times nimmt das zum Anlass, um klar zu stellen, dass Chinas Erfolg nicht nur ein Produkt von Währungsmanipulation ist:

“Cynics sometimes suggest that China’s rise as a world power is largely a matter of government manipulation of currency rates and trade rules, and there’s no doubt that there’s plenty of rigging or cheating going on in every sphere. But China has also done an extraordinarily good job of investing in its people and in spreading opportunity across the country. Moreover, perhaps as a legacy of Confucianism, its citizens have shown a passion for education and self-improvement — along with remarkable capacity for discipline and hard work, what the Chinese call “chi ku,” or “eating bitterness.”

Verbotene Liebe – Das Souk Magazine berichtet vom Leben Homosexueller im Nahen Osten, das so gut wie immer ein Versteckspiel vor der Familie und der Gesellschaft ist. “Homosexualität gibt es nicht im Nahen Osten. Das behaupten zumindest die meisten Personen hier, die Regierungen, die religiösen Führer, die Familienväter. Sie stört das traditionelle Bild einer kinderreichen arabischen Familie derart, dass in Ländern wie Ägypten, Syrien oder Saudi-Arabien Homosexualität oft als Krankheit bezeichnet wird.”

Lesenswertes: Multikulti und Therapie

“Nerv’ mich doch!” – Es gibt Texte, die sind sehr klug und sehr wahr. Ich zitiere ja häufig Texte, aber hier möchte ich am liebsten den ganzen Artikel kopieren. Malte Welding über Integration und Multikulti.

“Merkel erklärt Multikulti für gescheitert“ titeln die Zeitungen und für mich klingt das, als habe Angela Merkel gerade den Sommer verlängert, den Winter abgesagt oder die Wiedereinführung der Kinderlähmung beschlossen. Kann die Kanzlerin die Wirklichkeit in die Schranken weisen? Die Realität ist gescheitert, wir brauchen eine andere.

Wer an die Homogenität der Deutschen glaubt, der glaubt auch, Homosexualität sei eine Erfindung der Grünen. Wir sind in Wirklichkeit eine höchst zufällige Ansammlung von Einzelwesen, kein Volk von eineiigen Mehrlingen und das waren wir auch nie.”

“Mein Leben mit dem Therapeuten” – Jetzt.de sprach mit jungen Menschen, die in Therapie sind. Noch immer haben Menschen mit Depressionen oder Angststörungen mit Stigmatisierung zu kämpfen. “ Die Zahl der psychisch bedingten Krankschreibungen bei Erwerbspersonen hat in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent zugenommen habe. Es werden immer mehr Menschen psychisch krank, aber trotzdem redet niemand über diese Krankheiten?”

Lesenswertes: In deutschen Landen

“Migrationsvordergrund” – Der Journalist Michalis Pantelouris zur Debatte um Thilo Sarrazin: “Um der “Man wird doch wohl noch sagen dürfen”-Orgie noch einen hinzuzufügen: Man wird doch wohl noch sagen dürfen, dass Thilo Sarrazin mit seinem überflüssigen Buch keine Debatte losgetreten, sondern ganz einfach ziemlich dumpfen, rassistischen Strömungen ein Ventil verschafft hat.”

“It’s perception, stupid” – Wie Deutschland in Zeiten der Wirtschaftskrise im Ausland wahrgenommen wird: nicht gut! “A newspaper (…) commented on the unexpected growth figures by describing Germany as a one-eyed man among the blind. As such it is still ahead of the pack. But if the one eye is occupied with self-observation, you are rendered blind nonetheless.”

“Mein Gott, warum hast du mich verlassen?” – Ein katholischer, gläubiger und in der Kirche engagierter Abiturient zeigt auf, warum in den Kirchenbänken keine jungen Menschen sitzen. “Wie anachronistisch wirken doch Würdenträger, die sich in purpurne Gewänder hüllen und versuchen, die Welt aus der Bibel heraus zu erklären. Während wir über die Rente mit 67 diskutieren, gehen Bischöfe und damit die Entscheidungsträger und medialen Repräsentanten der katholischen Kirche mit 70 Jahren oftmals noch lange nicht in Rente.”

Lesenswertes: Gottheiten und Ghetto

“Philipunser im Pazifik” Die Bewohner eines abgelegenen Dorfes auf dem Inselstaat Vanatu verehren Prinz Philip, Gemahl der englischen Königin, als Gottheit: “Der pazifischen Dorflegende zufolge ist er (…) der Nachkomme eines Mannes aus dem heiligen Berg Tukosmera”

„Fetterman räumt auf“ Ein Harvard-Absolvent aus reichem Elternhaus kommt in den heruntergekommen Ort Braddock in Pennsylvania und versucht ihn wieder aufzubauen, mit Erfolg: In den letzten beiden Jahren gab es keinen Mord, es gibt nur mehr eine Crack-Höhle, dafür einen Kinderchor und Künstler, die aus Chicago oder New York in den kleinen Ort ziehen: “Braddock ist Brachland, ein Ort, wo ein Lagerhaus, eine Kirche oder ein Bankgebäude zu kaufen sind zu einem Preis, der tiefer ist als die Miete für ein Appartement in New York, in dem man sich nicht quer legen kann.”

Lesenswertes: 2000 – 2009

Picturing the Past 10 Years Rückblicke auf das vergangene Jahrzehnt gibt’s dieser Tage wie Sand am Meer. Der beste, den ich bisher gesehen habe, ist in der New York Times und kommt so gut wie ohne Text aus: Eine große Grafik mit verschiedenen Kategorien und jeweils einem Bild, das stellvertretend für das Jahr steht. Günter Jauch, der Spiegel oder diverse Blogs können da einpacken.

The Most Memorable Feminist Moments of the Decade Ein Rundumschlag von „DoubleX“, einem Magazin der Washington Post, zu allem was im letzten Jahrzehnt wichtig (aber nicht unbedingt nur positiv) für den Feminismus war. Da steht Angela Merkel neben Aung San Suu Kyi und Conduleeza Rice neben Paris Hilton.