Lesestoff zu LGBT in China, Flüchtlingen und der AfD

Die unsichtbaren 70 Millionen
Die chinesische Gesellschaft ist traditionell stark auf Familie ausgerichtet. Ab Mitte Zwanzig ist Schluss mit Welpenschutz: Wer nicht langsam heiratet, muss sich zumindest an Neujahr und am Nationalfeiertag neugierige Fragen von Verwandten gefallen lassen. Das ist dumm für Lesben und Schwule.

Doch zumindest an politischer Front geht die Sonne im Osten auf (hust):

Woher kommt diese scheinbare Toleranz einer Führung, die unlängst Feministinnen verhaften ließ, die gegen häusliche Gewalt demonstrierten? Vielleicht liegt es daran, dass es sich hier um Individuen handelt und nicht um Gruppen, die auf offener Straße Missstände anprangern.

Die menschliche Grenze
Irgendwann die letzten Wochen rauschte folgender Witz so oder so ähnlich in einer Timeline vorbei: Was gibt es in Deutschland noch mehr als 80 Millionen Bundestrainer? Flüchtlingsexperten.

Aber was außer schimpfen, Köpfe schütteln und gescheit daherreden, könnten wir aka Regierung tatsächlich tun? Immer wieder läuft es, hört man Fachleuten zu, auf eines hinaus: Kontingente. Der Unterschied zur Obergrenze scheint dann vor allem der Weg zu sein, über den Flüchtlinge kommen:

Denn die gegenwärtige Politik der buchstäblichen Ein-Wanderung fördert ja in Wahrheit die Starken und benachteiligt die Schwachen. Sie dient nicht vordringlich denen, die Hilfe, Schutz, medizinische Versorgung am nötigsten brauchten: Familien mit Kindern, Waisen, Kranken, Alten. Sie nützt vor allem denen, die Kraft haben und Geld und Beziehungen. Nicht zufällig sind es so viele junge Männer, die zu uns kommen: weil sie die besten Chancen haben, sich durchzuschlagen.

Die Hassprediger

Titelgeschichte des aktuellen Spiegels über die AfD, gelesen und – huch – bezahlt bei Blendle. Analyse zu den Parteispitzen, Gefolgschaft, Einfluss. Höhepunkt ist die abstruse Rechtfertigung der stellvertretenden Vorsitzenden von Storch, bei Facebook explizit bejaht zu haben, dass an Grenzen auch auf Frauen und Kinder geschossen werden soll:

Während Petry ihr Schusswaffeninterview noch in der morgendlichen Presselage am Montag hartnäckig verteidigt habe, berichten Parteifreunde, habe Storch ohne Umschweife zugegeben, „Mist gebaut“ zu haben. Dabei hatte erst Storchs Facebook-Notiz, wonach man an der Grenze auch auf Frauen mit Kindern schießen könne, die Empörung so richtig entfacht. Sie habe Petry „doch nur helfen wollen“, sagte sie später, es tue ihr furchtbar leid. Der Post sei auch ein „technischer Fehler“ gewesen, sie sei auf ihrer Computermaus „abgerutscht“.

Der Hass, der aus der Mitte kam

Neuer deutscher Hass

Leise, aber deutlich ist der Weimarer Ton wieder zu vernehmen. Patzig, primitiv, weinerlich und das Gespräch durch putative Härte, die gleichwohl Schwäche signalisiert, unterbindend. Ein wenig beunruhigend ist das, weil es nicht mehr nur an extremen rechten und linken Rändern artikuliert wird, nicht mehr nur von den notorischen Schmuddelkindern kommt. Beunruhigend auch, dass der neue Hass dabei ist, in die Salons einzutreten. Mit Merkel- und allgemeinem Politik-Bashing kann man heute auf Partys und bei Abendgesellschaften reüssieren.

(…)

Ein Denken, das gerne dunkle, volksfeindliche Kräfte am Werk sieht, das sich – in seltsamer Umkehr der eigenen früheren Taten – vor der Auslöschung durch Überfremdung fürchtet. Ein Denken und Fühlen, das vom Kitzel der namenlosen Gefahr getragen ist und deswegen in Erregung gerät. Das aber zu der großen neuen Weltunordnung, die nicht in der Ferne hinter den Bergen, sondern auch hier und unter unseren Augen stattfindet, nur dies beizutragen hat: ein trotziges nationales Nein. Eine erstaunliche Reduktion von Komplexität. Aber offenbar anziehend.

Do not nudge me!

Within Reason

Steven Poole, englischer Autor kluger Texte, ist der Meinung, wir kein Nudging brauchen. Sein Punkt: Nur weil jemand die Fragestellungen in Bezug auf Biases nicht richtig beantwortet, heiße das nicht, dass man irrational sei. Vielleicht ist auch nur die Frage dumm gestellt.

„Nudging is far from being a dystopian tool of state mind control. After all, we remain free to make the “wrong” choices. The more fundamental problem, however, is that nudging bypasses political discussion. There is no public consultation about choice architecture. (Is it always irrational to eat fatty food? Is it irrational to refuse to donate one’s organs?) The attempt to bypass our reasoning selves with “nudge” politics creates a problem of consent, a short-circuiting of democracy. Why bother having a political argument if you can make (most) people do what you want anyway?“

„Nudge politics, then, is not only predicated upon a thesis that we will most of the time make irrational choices; to continue to be viable, it must be opposed to any increase in our rationality. In this sense it is at odds with public reason itself.“

Daten sind das neue Öl: Hier tauchte der viel zu oft genutzte Satz das erste Mal auf

Ein Marketing-Mensch namens Clive Humby ist für die beliebte Bezeichnung verantwortlich. Damals, im November 2006:

Data is just like crude. It’s valuable, but if unrefined it cannot really be used. It has to be changed into gas, plastic, chemicals, etc to create a valuable entity that drives profitable activity; so must data be broken down, analyzed for it to have value.

Bücher im November und Dezember 2015

Überlegungen eines Wechselwählers – Sebastian Haffner

Flohmarkt-Fund als ich aus Prinzip irgendwas kaufen wollte. „Was ham’s denn gefunden?“ – „Weiß nicht genau. Irgendwas Politisches aus den 80ern.“ Haffner ging bis dahin vollkommen an mir vorbei. Nur dunkel schwelte es in einer Hirnecke vor all den Konsalik-Büchern, dass mir der Name gelegentlich begegnet sein musste.

Im Wechselwähler-Buch argumentiert Haffner, warum Deutschlands Demokratie sich nach dem Zweiten Weltkrieg stabilisierte (Stand: 1980 unter Kanzler Schmidt). Das Rezept: ein faktischer Zwei-Parteien-Staat (SPD und FDP vs. CDU und CSU). Die Mehrheiten sind nie zu stark, jede Regierung könnte abgewählt werden. Der wichtigste Unterschied zur Weimarer Republik: Die Parteien wollen regieren und nicht nur opponieren.

Gegen Ende nimmt er sich der damals funkelniegelnagelneuen Partei der Grünen an. Viele Seiten hinweg schimpft er sehr erzürnt über die Umwelt- und Friedenspartei. Niemals würden sie sich etablieren können (und ihm so eine These zerstören). Well…

Der Untergang – Joachim Fest

Im Vergleich zur Fests Hitler-Biografie sind die etwa 200 Seiten Untergang schon eher mein Kaliber. Chaos, Willkür, Realitätsferne aus dem Bunker unter der ehemaligen Reichskanzlei. Ein bisschen Hitler geht ja immer.

Die Geschichte eines Deutschen – Sebastian Haffner

Gleich der zweite Haffner hinterher: Seine Kindheits- und Jugenderinnerungen an den Ersten Weltkrieg, die Revolution von 1918, Inflation, Weimarer Republik und die Machtergreifung Hitlers. Machtergreifung lehnt Haffner als Begriff ab. Zu leicht hätten es ihm alle anderen Parteien gemacht, die – siehe Wechselwähler-Buch – seit dem Kaiserreich nichts anderes kannten als die Opposition. Und im Zweifel lieber andere regieren lassen. Und wenn’s der Hitler ist.

Zweimal Haffner, einmal Fest innerhalb kürzester Zeit. Die mussten sich doch kennen. Und ja, im Spiegel schrieb Fest 2003 einen langen Text über Haffner: „Der fremde Freund“

Extremely Loud and Incredibly Close – Jonathan Safran Foer

Die Geschichte eines depressiven Jungen, der seinen Vater am 11. September verloren hat, und seiner Großeltern, die ein halbes Jahrhundert zuvor in Dresden kennengelernt hatten und nie über das, was sie im Zweiten Weltkrieg erlebten, hinweg gekommen sind. Extrem schön und unglaublich traurig.

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Lange vorgenommen, endlich gelesen. Schön. Hoffentlich ist das Schullektüre.

Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt – Navid Kermani

Kermani, Deutschlands Chef-Erklärer des Islams, erzählt von seinen Reisen aus Indien, Pakistan, Afghanistan, Irak, Syrien und wo es sonst noch brennt. Über was ich gelernt viel habe: Sufismus.

Überraschenste Szene: Afghanistan, auf einem Kabuler Friedhof spricht Kermani mit einem alten Mann names Agha.

Ach ja, der 11. September 2001, komme ich auf den Tag genau zehn Jahre später meiner Pflicht als westlicher Berichterstatter nach: wie er dazu stehe? Nur Agha weiß nicht, was ich meine. Die Anschläge in Amerika, die Flugzeuge, die in die Hochhäuser flogen? Nur Agha schüttelt den Kopf. Damals habe es ja kein Fernsehen gegeben, bittet er um Verständnis für die Wissenslücke, und das Radio habe auch niemand einschalten dürfen.

Der große Schlaf – Raymond Chandler

Ein Krimi-Klassiker, dessen Protagonisten mir zumindest namentlich bekannt war: Philipp Marlowe. So ungefähr, wie ich weiß, dass es in Star Wars um Jedi-Ritter geht.

Also, der Privatdetektiv Marlowe ist ein echter Haudegen, Raucher, Trinker und mit den Frauen kann er’s natürlich auch. Nicht unspannend, aber ein bisschen viel Testosteron für so ein dünnes Büchlein.

Dieser Text über Terrorismus und die Medien ist auch nach 30 Jahren noch aktuell

Frühling 1981 auf Sizilien. Brian Michael Jenkins hält einen Vortrag über das Zusammenspiel von Medien und Terrorismus – und diese Grundmechanismen machen auch trotz Internet zum Großteil noch Sinn. Jenkins arbeitet für Rand, einem Think-Tank des US-Militärs.

„Terrorism is aimed at people watching.“

Das ist Jenkins zentraler Satz. Und damit das gelingt, braucht es Medien, die die Botschaft vervielfachen. Je schlimmer das Attentat, je näher es ist, desto mehr verdrängt es alle anderen Nachrichten. Wer kann sich an irgendetwas vor zwei Wochen erinnern, das nichts mit Paris zu tun hat?

„The quality of the terrorist incident determines whether or not it is covered by the news media and the amount of coverage given it. As a result of this uneven news coverage, public perceptions of terrorism are imperfect, driven not by the volume of terrorist activity but rather by a handful of spectacular actions, generally those involving hostages.“

Hostages, also Entführungen, sind für Jenkins die Art von Anschlägen, die den meisten Buzz verursachen: Niemand weiß wie es ausgeht, Menschenleben sind unmittelbar in Gefahr – und die Medien im besten Falle live dabei. „It’s genuine drama.“

Aus Sicht von Terrorgruppen argumentiert Jenkins so: Sie brauchen die Medien, um Propaganda zu verbreiten. Doch in den Nachrichten sei dann meist nur vom Attentat an sich, aber nicht von den Gründen die Rede. Das sei nicht im Interesse der Terroristen. Das ist 30 Jahre später etwas anders: Heute können sie ihre Ansichten selbst im Internet verbreiten.

Hier das pdf: The Psychological Implications of Media-Covered Terrorism, Brian Michael Jenkins, June 1981

Leseliste: IS und der Terror

Why ISIS might regret the decision to go global

Paris war der erste internationale Anschlag, der auf obere Ränge des IS zurückzuführen war. Brookings befasst sich mit den Vorteilen (PR, Rekruten werben, die z.T. ohnehin im Ausland sind) dieser Expansion und seinen Kosten.

Brookings-Autor Daniel L. Byman glaubt, dass es keine gute Idee ist, wenn IS-Terroristen verstärkt auch außerhalb Syriens und Iraks Anschläge verüben. Die Gründe:

  1. „An immediate problem is command and control. Having a global network requires global communications, and that exposes militants to counterterrorism.“: Weiterhin top-down-Entscheidungen oder mehr Freiheit für lokale IS-Typen?
  2. Wohin fließt das Geld? In die Kernregion, ins Ausland?
  3. Wer mehr Leute angreift, macht sich mehr Feinde.

Lokal aktiv sein, sei deshalb für Terrorgruppen keine schlechte Idee:

With so many factors counseling against going global, it is perhaps not surprising that two of the most successful terrorist groups in recent years, Hamas and Hezbollah, both focused first and foremost on their immediate regions, with Hezbollah over time becoming much less global in its operations.

Tatsächlich ist nur ein sehr kleiner Teil von Terrorgruppen international aufgestellt.

Inside the surreal world of the Islamic State’s propaganda machine

Die Washginton Post zeigt, wie die Propaganda des IS funktioniert und spricht dafür zum Beispiel mit Ex-Kameramännern, die Videos drehen:

What they described resembles a medieval reality show. Camera crews fan out across the caliphate every day, their ubiquitous presence distorting the events they purportedly document. Battle scenes and public beheadings are so scripted and staged that fighters and executioners often perform multiple takes and read their lines from cue cards.

Die PR-Leute bekommen auch militärische Ränge. Wie wichtig sie sind zeigen: das Gehalt (Sie verdienen mehr als Soldaten), wie Exekutionen von statten gehen (Sie bestimmen, wann jemand enthaupter wird – nämlich dann, wenn es genug Aufnahmen aus verschiedenen Winkeln gibt).

Saudi Arabia, an ISIS That Has Made It
These: IS = black Daesh, Iran = grey Daesh, Saudi-Arabien = white Daesh

Daesh has a mother: the invasion of Iraq. But it also has a father: Saudi Arabia and its religious-industrial complex.

Why People Keep Saying, “That’s What the Terrorists Want”

Das will er ja nur, der IS! Aber, was nun eigentlich genau? Das versuchen wir uns über das Ergebnis – jetzt zum Beispiel tote Menschen in Paris – zu erklären, um so eine logischen Zusammenhang zu kreiieren. So einfach ist das aber nicht, zugrunde liegt eine kognitive Dissonanz. Das kann sich aber schnell ändern, zum Beispiel:

This also helps explain why the presumed motives of terrorists seem to shift so rapidly and contradictorily. Consider that until the Paris attacks this past week, the conventional wisdom held that the group wields violence to achieve a Caliphate unadulterated by Western interference. Since the attacks, however, we’ve been told that actually the Islamic State wants to provoke the West into more military interference in order to showcase the West’s brutal behavior. Before the attacks, we were told that France is a juicy target for the Islamic State because of its failure to integrate its Muslim population. After the attacks, we are being told that the Islamic State actually wants France and the rest of the world to become even more xenophobic against Muslims on the theory that alienated moderates may be more receptive to extremism.

The Attacks in Paris Reveal the Strategic Limits of ISIS

IS, Kurden, Rebellen, Iran, Saudi Arabien, Türkei etc.: Was sind ihre Positionen? Was wollen sie? (sic: Link darüber)

Phillip, Dodd-Frank und das Patent

The 57-Year-Old Chart That Is Dividing the Fed

Good ol’ Phillipskurve – Yay or Nay?

Die Phillipskurve ist ein Modell, das den Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit darstellt. Die Realität hält sich aber nicht an die einfachste Version der Überlegung. Es gibt aber auch komplexere, an denen Fed-Chefin Yellen, die Entscheidung über eine Leitzins-Erhöhung in den USA aufhängen wird.

Fazit des Upshot-Textes: Schlechtes Tool, aber das beste, das wir haben.

What Is Glass-Steagall? The 82-Year-Old Banking Law That Stirred the Debate

Wer sich mit der Finanzkrise in den USA beschäftigt, kommt um ein paar zentrale Gesetze zur Finanzregulierung nicht herum: Glass-Steagall, Dodd-Franck, Volker. Die New York Times erklärt sie, auffrischen kann ja nicht schaden.

The stronger arguments for Glass-Steagall repeal as a cause of the crisis are also subtler ones. The investment manager Barry Ritholtz, for example, has argued that “the repeal of Glass-Steagall may not have caused the crisis — but its repeal was a factor that made it much worse” by allowing the mid-2000s credit bubble to inflate larger than it otherwise would have and making banks more complex and thus prone to failure.

The Myth of Basic Science

Braucht es Forschung für innovative Erfindungen? Forschung ist für technische Innovationen keine notwendige Bedingung – das ist die These in einem Essay im Wall Street Journal. Wenn der Autor Matt Ridley das weiter denkt, kommt er zur Schlussfolgerung: Öffentliche Finanzierung von Wissenschaft ist vielleicht nicht so richtig sinnvoll.

Ein Absatz zu Patenten, die ihren ursprünglichen Sinn oft nicht mehr haben:

Patents and copyright laws grant too much credit and reward to individuals and imply that technology evolves by jerks. Recall that the original rationale for granting patents was not to reward inventors with monopoly profits but to encourage them to share their inventions. A certain amount of intellectual property law is plainly necessary to achieve this. But it has gone too far. Most patents are now as much about defending monopoly and deterring rivals as about sharing ideas. And that discourages innovation.

Product Management in Media

Unless media companies step it up and totally change their view and abilities on product management, they will be eaten by tech and new players
https://medium.com/@sundve/the-need-for-product-management-in-media-fe02cddf5ec3

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Product management in media is the perfect hybrid of content management from journalism and product management from tech. It’s not journalism and technology side by side (like it is in most media companies). It’s the hybrid of these.