Menu

Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

Lesestoff zu LGBT in China, Flüchtlingen und der AfD

Die unsichtbaren 70 Millionen
Die chinesische Gesellschaft ist traditionell stark auf Familie ausgerichtet. Ab Mitte Zwanzig ist Schluss mit Welpenschutz: Wer nicht langsam heiratet, muss sich zumindest an Neujahr und am Nationalfeiertag neugierige Fragen von Verwandten gefallen lassen. Das ist dumm für Lesben und Schwule.

Doch zumindest an politischer Front geht die Sonne im Osten auf (hust):

Woher kommt diese scheinbare Toleranz einer Führung, die unlängst Feministinnen verhaften ließ, die gegen häusliche Gewalt demonstrierten? Vielleicht liegt es daran, dass es sich hier um Individuen handelt und nicht um Gruppen, die auf offener Straße Missstände anprangern.

Die menschliche Grenze
Irgendwann die letzten Wochen rauschte folgender Witz so oder so ähnlich in einer Timeline vorbei: Was gibt es in Deutschland noch mehr als 80 Millionen Bundestrainer? Flüchtlingsexperten.

Aber was außer schimpfen, Köpfe schütteln und gescheit daherreden, könnten wir aka Regierung tatsächlich tun? Immer wieder läuft es, hört man Fachleuten zu, auf eines hinaus: Kontingente. Der Unterschied zur Obergrenze scheint dann vor allem der Weg zu sein, über den Flüchtlinge kommen:

Denn die gegenwärtige Politik der buchstäblichen Ein-Wanderung fördert ja in Wahrheit die Starken und benachteiligt die Schwachen. Sie dient nicht vordringlich denen, die Hilfe, Schutz, medizinische Versorgung am nötigsten brauchten: Familien mit Kindern, Waisen, Kranken, Alten. Sie nützt vor allem denen, die Kraft haben und Geld und Beziehungen. Nicht zufällig sind es so viele junge Männer, die zu uns kommen: weil sie die besten Chancen haben, sich durchzuschlagen.

Die Hassprediger

Titelgeschichte des aktuellen Spiegels über die AfD, gelesen und – huch – bezahlt bei Blendle. Analyse zu den Parteispitzen, Gefolgschaft, Einfluss. Höhepunkt ist die abstruse Rechtfertigung der stellvertretenden Vorsitzenden von Storch, bei Facebook explizit bejaht zu haben, dass an Grenzen auch auf Frauen und Kinder geschossen werden soll:

Während Petry ihr Schusswaffeninterview noch in der morgendlichen Presselage am Montag hartnäckig verteidigt habe, berichten Parteifreunde, habe Storch ohne Umschweife zugegeben, „Mist gebaut“ zu haben. Dabei hatte erst Storchs Facebook-Notiz, wonach man an der Grenze auch auf Frauen mit Kindern schießen könne, die Empörung so richtig entfacht. Sie habe Petry „doch nur helfen wollen“, sagte sie später, es tue ihr furchtbar leid. Der Post sei auch ein „technischer Fehler“ gewesen, sie sei auf ihrer Computermaus „abgerutscht“.

Der Hass, der aus der Mitte kam

Neuer deutscher Hass

Leise, aber deutlich ist der Weimarer Ton wieder zu vernehmen. Patzig, primitiv, weinerlich und das Gespräch durch putative Härte, die gleichwohl Schwäche signalisiert, unterbindend. Ein wenig beunruhigend ist das, weil es nicht mehr nur an extremen rechten und linken Rändern artikuliert wird, nicht mehr nur von den notorischen Schmuddelkindern kommt. Beunruhigend auch, dass der neue Hass dabei ist, in die Salons einzutreten. Mit Merkel- und allgemeinem Politik-Bashing kann man heute auf Partys und bei Abendgesellschaften reüssieren.

(…)

Ein Denken, das gerne dunkle, volksfeindliche Kräfte am Werk sieht, das sich – in seltsamer Umkehr der eigenen früheren Taten – vor der Auslöschung durch Überfremdung fürchtet. Ein Denken und Fühlen, das vom Kitzel der namenlosen Gefahr getragen ist und deswegen in Erregung gerät. Das aber zu der großen neuen Weltunordnung, die nicht in der Ferne hinter den Bergen, sondern auch hier und unter unseren Augen stattfindet, nur dies beizutragen hat: ein trotziges nationales Nein. Eine erstaunliche Reduktion von Komplexität. Aber offenbar anziehend.

Do not nudge me!

Within Reason

Steven Poole, englischer Autor kluger Texte, ist der Meinung, wir kein Nudging brauchen. Sein Punkt: Nur weil jemand die Fragestellungen in Bezug auf Biases nicht richtig beantwortet, heiße das nicht, dass man irrational sei. Vielleicht ist auch nur die Frage dumm gestellt.

„Nudging is far from being a dystopian tool of state mind control. After all, we remain free to make the “wrong” choices. The more fundamental problem, however, is that nudging bypasses political discussion. There is no public consultation about choice architecture. (Is it always irrational to eat fatty food? Is it irrational to refuse to donate one’s organs?) The attempt to bypass our reasoning selves with “nudge” politics creates a problem of consent, a short-circuiting of democracy. Why bother having a political argument if you can make (most) people do what you want anyway?“

„Nudge politics, then, is not only predicated upon a thesis that we will most of the time make irrational choices; to continue to be viable, it must be opposed to any increase in our rationality. In this sense it is at odds with public reason itself.“

Dieser Text über Terrorismus und die Medien ist auch nach 30 Jahren noch aktuell

Frühling 1981 auf Sizilien. Brian Michael Jenkins hält einen Vortrag über das Zusammenspiel von Medien und Terrorismus – und diese Grundmechanismen machen auch trotz Internet zum Großteil noch Sinn. Jenkins arbeitet für Rand, einem Think-Tank des US-Militärs.

„Terrorism is aimed at people watching.“

Das ist Jenkins zentraler Satz. Und damit das gelingt, braucht es Medien, die die Botschaft vervielfachen. Je schlimmer das Attentat, je näher es ist, desto mehr verdrängt es alle anderen Nachrichten. Wer kann sich an irgendetwas vor zwei Wochen erinnern, das nichts mit Paris zu tun hat?

„The quality of the terrorist incident determines whether or not it is covered by the news media and the amount of coverage given it. As a result of this uneven news coverage, public perceptions of terrorism are imperfect, driven not by the volume of terrorist activity but rather by a handful of spectacular actions, generally those involving hostages.“

Hostages, also Entführungen, sind für Jenkins die Art von Anschlägen, die den meisten Buzz verursachen: Niemand weiß wie es ausgeht, Menschenleben sind unmittelbar in Gefahr – und die Medien im besten Falle live dabei. „It’s genuine drama.“

Aus Sicht von Terrorgruppen argumentiert Jenkins so: Sie brauchen die Medien, um Propaganda zu verbreiten. Doch in den Nachrichten sei dann meist nur vom Attentat an sich, aber nicht von den Gründen die Rede. Das sei nicht im Interesse der Terroristen. Das ist 30 Jahre später etwas anders: Heute können sie ihre Ansichten selbst im Internet verbreiten.

Hier das pdf: The Psychological Implications of Media-Covered Terrorism, Brian Michael Jenkins, June 1981

Phillip, Dodd-Frank und das Patent

The 57-Year-Old Chart That Is Dividing the Fed

Good ol’ Phillipskurve – Yay or Nay?

Die Phillipskurve ist ein Modell, das den Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit darstellt. Die Realität hält sich aber nicht an die einfachste Version der Überlegung. Es gibt aber auch komplexere, an denen Fed-Chefin Yellen, die Entscheidung über eine Leitzins-Erhöhung in den USA aufhängen wird.

Fazit des Upshot-Textes: Schlechtes Tool, aber das beste, das wir haben.

What Is Glass-Steagall? The 82-Year-Old Banking Law That Stirred the Debate

Wer sich mit der Finanzkrise in den USA beschäftigt, kommt um ein paar zentrale Gesetze zur Finanzregulierung nicht herum: Glass-Steagall, Dodd-Franck, Volker. Die New York Times erklärt sie, auffrischen kann ja nicht schaden.

The stronger arguments for Glass-Steagall repeal as a cause of the crisis are also subtler ones. The investment manager Barry Ritholtz, for example, has argued that “the repeal of Glass-Steagall may not have caused the crisis — but its repeal was a factor that made it much worse” by allowing the mid-2000s credit bubble to inflate larger than it otherwise would have and making banks more complex and thus prone to failure.

The Myth of Basic Science

Braucht es Forschung für innovative Erfindungen? Forschung ist für technische Innovationen keine notwendige Bedingung – das ist die These in einem Essay im Wall Street Journal. Wenn der Autor Matt Ridley das weiter denkt, kommt er zur Schlussfolgerung: Öffentliche Finanzierung von Wissenschaft ist vielleicht nicht so richtig sinnvoll.

Ein Absatz zu Patenten, die ihren ursprünglichen Sinn oft nicht mehr haben:

Patents and copyright laws grant too much credit and reward to individuals and imply that technology evolves by jerks. Recall that the original rationale for granting patents was not to reward inventors with monopoly profits but to encourage them to share their inventions. A certain amount of intellectual property law is plainly necessary to achieve this. But it has gone too far. Most patents are now as much about defending monopoly and deterring rivals as about sharing ideas. And that discourages innovation.

The Fallen of WW II

Who’s behind „Daron Acemoglu facts“?

A few days ago I wrote about the economist Daron Acemoglu. He is some kind of superstar in the economics community. Need a proof? He has his own Chuck Norris meme – the Daron Acemoglu facts.

Four questions to the people behind the „Daron Acemoglu facts“ (DAFacts):

Why did you start the Daron Acemoglu Facts? What makes Acemoglu special?

We’re grad students at one of the top-10 U.S. schools for economics and are massive fans of Daron’s contributions to economics; DAFacts is our attempt to pay tribute via humor. We originally modeled the blog off of the well-known „Chuck Norris facts“ meme. Daron is a brilliant economist, obviously, but he’s also well-known for being an incredibly kind and humble person, which makes the outlandish boasts of DAFacts even funnier to us.

Who many persons are behind the blog?

Two of us maintain the blog and monitor the gmail account, though several other students in our program contributed to the first round of DAFacts (in Spring 2013).

What is your favorite Acemoglu meme?

It was hard for us to narrow it down! But we think our top three Facts (in no particular order) are these:

Daron Acemoglu

Daron Acemoglu facts

Daron Acemoglu facts

Who submits Facts?

Anyone can submit Facts by emailing us at daronacemoglufacts@gmail.com – some of our favorite Facts have been fan submissions! Many come from other graduate students and sometimes even economics professors. And of course we always credit the original authors if they choose to be less anonymous than us.

Eine gute Beschreibung von Artificial Intelligence beim Economist

„One way of understanding this [Artificial Intelligence] is that for humans to do things they find difficult, such as solving differential equations, they have to write a set of formal rules. Turning those rules into a program is then pretty simple. For stuff human beings find easy, though, there is no similar need for explicit rules—and trying to create them can be hard. To take one famous example, adults can distinguish pornography from non-pornography. But describing how they do so is almost impossible, as Potter Stewart, an American Supreme Court judge, discovered in 1964. Frustrated by the difficulty of coming up with a legally watertight definition, he threw up his hands and wrote that, although he could not define porn in the abstract, “I know it when I see it.”

Machine learning is a way of getting computers to know things when they see them by producing for themselves the rules their programmers cannot specify. The machines do this with heavy-duty statistical analysis of lots and lots of data.“

Das Ende des Textes:

„But for now, the best advice is to ignore the threat of computers taking over the world—and check that they are not going to take over your job first.“

aus: Rise of the machines

Besitz ist sowas von Industriezeitalter

„Uber, the world’s largest taxi company, owns no vehicles. Facebook, the world’s most popular media owner, creates no content. Alibaba, the most valuable retailer, has no inventory. And Airbnb, the world’s largest accommodation provider, owns no real estate. Something interesting is happening.“

Der Einstieg zu einem TechCrunch-Text mit folgender Grundaussage: Nicht das Produkt zählt, sondern die Software, die Zugang dazu ermöglicht. Kein ganz neuer Gedanke, aber ein wichtiger.

via Christian Fuchs

Update: Zuerst lautete der Titel „Produzieren ist sowas von Industriezeitalter“. Nach einer Diskussion auf Twitter mit Robert Weißgraeber habe ich das Wort „Produzieren“ zu „Besitz“ geändert.

Lesenswertes: Medium, Holocaust und künstliche Intelligenz

Medium, Centralized Publishing and the Future of the Blog

Medium ist das neue Medium (hust). Zumindest ist es die Blogging-Plattform, die im Moment en vogue ist: Einfache Bedienung, großartiges Design und viele namhafte Autoren, die dort publizieren. Doch es ist nicht alles rosig. Martin Weigert beschreibt die Nachteile, die sich aus einer zentralen Plattform ergeben, sei sie auch noch so verführerisch, und plädiert für dezentrale Blogs. Hooray!

„While Medium thrives, the yearly “is blogging dead?” meme goes into another round. And while even this time the answer has to be a clear “no”, which anyone who actually reads blogs will realize, there is a risk that blogging in the sense of a democratic, decentralized publishing system, might die out for real. Not because of a lack of interest in the creation of digital content, but because everybody will have moved to a few centralized platforms. Even this has been a discussion almost as old as blogging itself. But with Medium, this free, high-quality, elegant, usable publishing platform that comes with an effective built-in distribution mechanism, there is now a centralized publishing system with an allure never seen before.“

20 Pictures That Change The Holocaust Narrative

holocaust narrative

„Seriously, how is this image not beyond famous by now? Depicting a woman at the shortly after her liberation, so skinny you can hardly see her, her face is aglow and alive. As if she was never imprisoned.“

via Raphael Raue

The AI Revolution: The Road to Superintelligence

Ich übernehme mal David Bauers Empfehlung:

„Ein atemberaubend guter Text und eigentlich Pflichtlektüre für alle, die planen, noch zwei, drei Dekaden auf diesem Planeten zu verbringen.

Man liest ja viel von künstlicher Intelligenz und denkt dann an den reichlich beschränkten Siri oder hört von Fantasten, die von Singularität und Unsterblichkeit reden. Dieser Text ist der erste, der mir verständlich gemacht hat, wie der Weg vom einen zum anderen verläuft.“

Ein Zitat aus dem Text, der aber nur ein ganz kleiner Ausschnitt der Aspekte ist, die besprochen werden:

„Build a computer that can multiply two ten-digit numbers in a split second—incredibly easy. Build one that can look at a dog and answer whether it’s a dog or a cat—spectacularly difficult. Make AI that can beat any human in chess? Done. Make one that can read a paragraph from a six-year-old’s picture book and not just recognize the words but understand the meaning of them? Google is currently spending billions of dollars trying to do it. Hard things—like calculus, financial market strategy, and language translation—are mind-numbingly easy for a computer, while easy things—like vision, motion, movement, and perception—are insanely hard for it. Or, as computer scientist Donald Knuth puts it, “AI has by now succeeded in doing essentially everything that requires ‘thinking’ but has failed to do most of what people and animals do ‘without thinking.’”