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Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

Bücher, 1. Quartal 2017. (Doch mal auf „Veröffentlichen“ geklickt)

Alan Turing – Rolf Hochhut
Die Erzählung des so erfolgreichen und so traurigen Lebens von Alan Turing hält seine Sektretärin zusammen. Turing, das junge Genie, hat die mathematische Basis dafür geschaffen, dass die Briten im Zweiten Weltkrieg die Enigma-Verschlüsselung der Deutschen knacken konnten. Turing, das junge Genie, war auch schwul. Und weil das in den 50er Jahren auch in Großbritannien eine Straftat war, musste er sich, nachdem er erwischt wurde, entscheiden: Knast oder Hormone? Turing wählte die Hormone.

Kein Buch, das man zu lesen braucht. Viele, viele Seiten habe ich immer wieder übersprungen. Ich bin kein Fan dieser kruden Vermischung von Fiktion und Realität.

Lies We Tell Ourselves – Robin Talley
Es sind die 1950er Jahre in den USA. Schwarze dürfen in der Kleinstadt Davisburg in Virgina endlich in die weiße Jefferson High School gehen. Nicht, weil es Einsicht gibt, sondern weil es schwarze Bürgerrechtler vor Gericht erstritten haben. Die zehn besten schwarzen Schüler wurden ausgewählt, jetzt ist ihr erster Tag. Der erste von vielen, an denen sie angeglotzt, angespuckt, angeschrien, angemacht werden. Eine von ihnen ist Sarah Dunbar: „Noch nie zuvor wurde ich Nigger genannt.“

Sarah muss sich für eine Hausgabe im Französisch-Unterricht immer wieder mit Linda treffen. Linda ist die Tochter des Chefredakteurs der weiße Zeitung, in der er gegen die Integration hetzt. Seine Tochter steht ihm in nichts nach – zuerst. Sarah und Linda streiten ständig über Rasse und Macht. Und dann, oh no, ist da auch noch die Liebe.

Jedes Kapitel ist mit einer Lüge überschrieben, deshalb der Titel. Das Buch ist in den USA ein Beststeller in der Kategorie „Young Adult“, also Jugendbuch. Wer es googlet, wird schnell mit Angeboten für einen illegalen Download des Ebooks konfrontiert – ein Zeichen für Erfolg.

Americanah – Chimamanda Ngozi Adichie
Ifemelu und Obinze sind die Hauptpersonen dieses Romans. Sie sind in Lagos, Nigeria, aufgewachsen und als Teenager und junge Erwachsene ein Paar. Ifemelu bekommt die Chance, in den USA zu studieren, die Beziehung mit Obinze, der in Nigeria zurückbleibt, zerbricht daran.

Americanah ist ein Buch über den Blick von außen. Ifemelu beobachtet und seziert die Amerikaner. Ihre Verhaltensweisen, ihre Spleens („I’m so excited!“) und vor allem ihre Obession mit Rassen. Ifemelu tut das zuerst privat als Afrikanerin in den Vereinigten Staaten, später beruflich als Bloggerin. Ihre Webseite heißt: „Raceteenth – oder Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“. Darin schreibt sie zum Beispiel:

Lations sind häufig die unmittelbaren Nachbarn von amerikanischen Schwarzen in Armutsstatistiken, Latinos stehen eine kleine Stufe höher als amerikanische Schwarze in der amerikanischen Rasseleiter, Latinas sind die schokoladenfarbigen Frauen aus Peru, Latinos sind das indigene Volk Mexikos. Latinos sind die Menschen aus der Dominikanischen Republik, die wie Mischlinge aussehen. Hispanos sind die blasseren Menschen aus Puerto Rico. Latino ist auch der blone blauäugige Typ aus Argentinien. Man muss nur Spanisch sprechen, ohne aus Spanien zu sein, und voilà, man ist eine Rasse namens Latino.

Während Ifemelu sich in den USA einrichtet, Beziehungen eingeht und irgendwann beschließt, sich keinen amerikanischen Akzent anzutrainieren, geht Obinze nach Großbritannien. Nicht als Student, sondern als illegaler Einwanderer, weil nicht ausreist, als sein Besuchervisum abgelaufen ist. Er macht das was, was Illegale eben so machen: Er jobbt als Hilfsarbeiter.

Americanah ist eine große Liebesgeschichte zwischen Ifemelu und Obinze, eingebettet in eine globalisierte Welt, deren Hierarchien noch immer auch auf Hautfarbe beruhen.

Americanah ist einer der Romane, das ist seit Jahren immer wieder in Buchhandlungen wahrnahm: Wollte ich doch lesen. Sicherlich steht er auf mindestens einer der Noch-zu-lesende-Bücher-Listen, die ich an verschiedensten Orten führe. Ich könnte vermutlich mehrmals sehr zufrieden einen Haken setzen. Und das Buch auf eine neue Liste setzen, die ich nennen könnte: Bücher, die ich unbedingt empfehlen kann.

Chimamanda Ngozi Adichie trifft man zur Zeit häufig in der internationalen Presse. Sie veröffentlicht gerade ein neues Buch, es heißt „Dear Ijeawele, or a Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions“. Es geht wohl um Kindererziehung.

Adichie ist nicht nur Autorin, sondern auch Aktivistin. Ihr bekanntester Rede ist der Ted-Talk „Why we all should be feminists“.

Lesenswertes

The End of Typing: The Next Billion Mobile Users Will Rely on Video and Voice – Wall Street Journal

Instead of typing searches and emails, a wave of newcomers—“the next billion,” the tech industry calls them—is avoiding text, using voice activation and communicating with images. They are a swath of the world’s less-educated, online for the first time thanks to low-end smartphones, cheap data plans and intuitive apps that let them navigate despite poor literacy.

Fake news is bad. But fake history is even worse – The Guardian

Being afraid to come out in a country that just elected a lesbian prime minister – Mashable

Was Greenwashing bei Firmen ist, kann Pinkwashinh bei Regierungen sein:

While in public office, BrnabiÄ has never been vocal about LGBTQ rights or issues and has disassociated with that aspect of her identity, saying it actually stands in the way of her doing “her job.” So while BrnabiÄ is out, there’s no sign she is actively representing people from the LGBTQ community.

It is the view among many Serbia-watchers, as well as LGBTQ groups, that she was appointed because she’s a lesbian at a time when Serbia is aggressively pursuing its EU membership talks. Electing a lesbian prime minister in 2017 is good PR for a government that wants to look more liberal and European. And LGBTQ rights are like a barometer for many Eastern European and Balkan countries.

Andererseits:

Now that the box of having a female and openly lesbian prime minister has been ticked, the expectations for delivering actual results in terms of securing rights and freedoms of members of the LGBTQ community will be higher.

Venice: Not drowning but suffocating – The Economist

Das, was Venedig so schön macht, ist öffentlich – und damit kostenlos – zugänglich. Keine Steuereinnahmen, weniger Ressourcen, die Brücken, Gassen, Häuser zu erhalten.

Wie also dem öffentlichen Raum einen Preis zuweisen?

The proper pricing of public space could cut overcrowding and raise revenues to pay for essential activities such as dredging the canals and to subsidise the cultural activities that high-end tourists want. Buses already pay up to €650 to deposit tourists at the end of the causeway to the main island, but this is nowhere near enough to limit numbers to a reasonable level and raise the revenues Venice needs.

Citizens’ groups campaign for the “Venice Pass”, which would be a ticket for the entire city, paid on entry. This would both increase the city’s income and deter the least enthusiastic. There is precedent for this system. The Cinque Terre, a popular Italian coastal region consisting of scenic villages linked by narrow footpaths, has introduced a tourist ticket. A less radical option – turning the area around the Rialto, the Accademia and St Mark’s into a museum with paid entry – would encourage visitors to venture farther afield, to less crowded bits of the old city, or even to the tranquil islands of the lagoon, such as San Lazzaro degli Armeni, an exquisite if barely accessible Armenian monastery. But souvenir sellers, gondolas, water-taxis and some hotels and restaurants want no limits to the crowds. Running the city at over-capacity is too lucrative.

Morgen bin ich in Dubrovnik. Ich stelle mich auf ein zweites Venedig ein. Sehr schön, aber zu viele Touristen wie ich.

Why our future depends on libraries, reading and daydreaming

"When you watch TV or see a film, you are looking at things happening to other people. Prose fiction is something you build up from 26 letters and a handful of punctuation marks, and you, and you alone, using your imagination, create a world and people it and look out through other eyes. You get to feel things, visit places and worlds you would never otherwise know. You learn that everyone else out there is a me, as well. You’re being someone else, and when you return to your own world, you’re going to be slightly changed.”

Eine unvollständige Liste von Büchern, die ich im Jahr 2016 gelesen habe

Der Mann mit dem Schafskopf

Das Buch startet wie ein Murakami, den man sich wünscht: Eigenbrötler findet eine Frau toll, ein Hotel, in dem sich komische Dinge tun. Und dann wird’s aber die nächsten paar hundert Seiten ein eher konventioneller Roman. Ein schöner zugegeben, dessen Fokus die Freundschaft eines erwachsenen Mannes und einer Jugendlichen ist. Murakami ist <3, aber mit hoher Volatiliät.

F – Daniel Kehlmann

Drei Brüder. Drei Geschichten. Eine davon handelt von einem katholischen Priester, der nicht gläubig ist, die zweite Mann in der Finanzindustrie, dem alles unter den Händen zerrinnt. Über die dritte soll nichts verraten werden. Um wieder mehr Romane zu lesen, legte ich mir zuerst die Schranke von höchstens 250 Seiten auf. F war dafür der perfekte Einstieg.

A Little Life – Hanya Yanagihara

Aus meinem Newsletter vor ein paar Monaten:

Im Frühjahr las ich an einem Strand auf einer philippinischen Insel eine lange, lange Rezension. Den Titel “A Little Life” wollte ich mir damals auf eine “Diese Bücher will ich noch lesen”-Liste schreiben. Aber wer hat denn am Strand schon das Notizbuch dabei? Nach dem Plantschen im seichten Wasser war das Buch aus dem Sinn.

Im Laufe des Sommers wurde “A Litte Life” von den Kollegen Simon Hurtz und Hakan Tanriverdi eindringlich gelobt. Es ist das erste Mal, dass mich ein Buch über Facebook erreichte. Nennt man das schon viral?

Jedenfalls sage auch ich jetzt: Lest dieses Buch! „A Litte Life“ gehört zu den besten Romanen, die ich jemals gelesen habe. Es ist ein großes Buch über Freundschaft und Liebe.

Darum geht’s:

Jude ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte einer Gruppe von Freunden in den USA. Sie sind kreative, erfolgreiche Männer, die sich kennen, seitdem sie 16 Jahre alt sind. Das Buch erzählt über mehrere Jahrzehnte von ihrer gemeinsamen Zeit.

Es macht nicht immer Spaß, sich durch diesen Morast aus Pein und das Netz aus Zuneigung zu kämpfen, in dem die Hauptperson Jude lebt. Die Autorin Hanya Yanagihara versteht es sehr gut, mit der bösen Vorahnung zu spielen.

“A Little Life” ist herzergreifend, traurig und schön. Ich war schockiert und habe geweint und mich gefreut. Knapp über 700 Seiten hat das Buch. Es stimmt, was auf dem Buchdeckel steht: “Dafür, dass es so ein dickes Buch ist, will man nicht, dass es aufhört”

Doch irgendwann muss es vorbei sein. Fünf Wochen lang habe ich das Buch ständig mit mir herumgetragen. 69 Seiten habe ich noch vor mir. Es wird Zeit, dass es endet.
Auf dass endlich mal Ruhe ist.

Sputnik Sweetheart – Haruki Murakami

Murakamis Bücher kann man nach zwei Dimensionen aufspannen: Anzahl der Seiten und Alter. „Sputnik Sweetheart“ ist dünn und eher neu. Eine junge Frau verliebt sich etwas obessiv in eine ältere Frau. Braucht man nicht zu lesen.

Grüne Tomaten – ?

Vor vielen Jahren musste ich in einer Bücherei Strafe zahlen, weil ich die DVD der Verfilmung zu spät zurückbrachte. Dabei hatte ich den Film nie gesehen. Dafür jetzt das Buch gelesen. Es spielt in den 20er Jahren, das Whistle Stop Café der Dreh- und Angelpunkt, und die androgynene Idgie die Heldin. Schönes Buch.

Fifty Shades of Merkel – Julia Schramm

Wer ist Merkel? In 50 kurzen Kapiteln zeichnet Schramm ein Bild der Kanzlerin. Kurzweilig und informativ.

Das hohe Haus – Roger Willemsen

Ein Jahr saß Willemsen auf der Besuchertribüne des Bundestags und beschreibt gute und schlechte Reden, volle und leere Plätze, wichtige und eher unwichtigere Themen. Spannend, aber trotzdem habe ich nicht alle 400 Seiten durchgehalten.

The Rightous Mind – Jonathan Haidt

Der Moralpsychologe untersucht, warum wir uns bei Politik und Religion so sehr streiten können. Als ich am Tag, an dem Donald Trump, zum President-elect wurde, nach der Nachtschicht nach Hause fuhr, las ich das:

Many political scientists used to assume that people vote selfishly choosing the candidate or policy that will be benefit them the most. But decades of research on public opinion have led to the conclusion that self-interest is a weak predictor of policy preferences.

In Afrika – Heinz Strunk

So sehr strunk gefeiert wird, muss „In Afrika“ wohl eines seiner schwächeren Bücher sein. Immerhin weiß ich jetzt, dass er gerne in Hotels und Casinos rumgammelt.

Carol – Patricia Highsmith

„Carol“ gilt als der erste Roman, bei dem einem Frauenpaar am Ende nicht eine Katastrophe droht. Unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlichte Highsmith das Buch 1952 unter dem Titel „The Price of Salt“.

Beebo Brinker – Ann Bannon

In den 60er und 70er Jahren war das Genre des Lesbian Pulp Fiction groß, also Groschenromane mit Lesben, die – und das war wichtig – nie gut ausgingen.

Beebo Brinker gilt als der Klassiker schlechthin. Ich war überrascht, wie direkt das Buch ist. Aber hey, es bleibt ein Groschenroman: Eine 16-Jährige kommt nach New York, verliebt sich in eine berühmte Schauspielerin, deren Mann das nicht lustig findet.

Bücher im November und Dezember 2015

Überlegungen eines Wechselwählers – Sebastian Haffner

Flohmarkt-Fund als ich aus Prinzip irgendwas kaufen wollte. „Was ham’s denn gefunden?“ – „Weiß nicht genau. Irgendwas Politisches aus den 80ern.“ Haffner ging bis dahin vollkommen an mir vorbei. Nur dunkel schwelte es in einer Hirnecke vor all den Konsalik-Büchern, dass mir der Name gelegentlich begegnet sein musste.

Im Wechselwähler-Buch argumentiert Haffner, warum Deutschlands Demokratie sich nach dem Zweiten Weltkrieg stabilisierte (Stand: 1980 unter Kanzler Schmidt). Das Rezept: ein faktischer Zwei-Parteien-Staat (SPD und FDP vs. CDU und CSU). Die Mehrheiten sind nie zu stark, jede Regierung könnte abgewählt werden. Der wichtigste Unterschied zur Weimarer Republik: Die Parteien wollen regieren und nicht nur opponieren.

Gegen Ende nimmt er sich der damals funkelniegelnagelneuen Partei der Grünen an. Viele Seiten hinweg schimpft er sehr erzürnt über die Umwelt- und Friedenspartei. Niemals würden sie sich etablieren können (und ihm so eine These zerstören). Well…

Der Untergang – Joachim Fest

Im Vergleich zur Fests Hitler-Biografie sind die etwa 200 Seiten Untergang schon eher mein Kaliber. Chaos, Willkür, Realitätsferne aus dem Bunker unter der ehemaligen Reichskanzlei. Ein bisschen Hitler geht ja immer.

Die Geschichte eines Deutschen – Sebastian Haffner

Gleich der zweite Haffner hinterher: Seine Kindheits- und Jugenderinnerungen an den Ersten Weltkrieg, die Revolution von 1918, Inflation, Weimarer Republik und die Machtergreifung Hitlers. Machtergreifung lehnt Haffner als Begriff ab. Zu leicht hätten es ihm alle anderen Parteien gemacht, die – siehe Wechselwähler-Buch – seit dem Kaiserreich nichts anderes kannten als die Opposition. Und im Zweifel lieber andere regieren lassen. Und wenn’s der Hitler ist.

Zweimal Haffner, einmal Fest innerhalb kürzester Zeit. Die mussten sich doch kennen. Und ja, im Spiegel schrieb Fest 2003 einen langen Text über Haffner: „Der fremde Freund“

Extremely Loud and Incredibly Close – Jonathan Safran Foer

Die Geschichte eines depressiven Jungen, der seinen Vater am 11. September verloren hat, und seiner Großeltern, die ein halbes Jahrhundert zuvor in Dresden kennengelernt hatten und nie über das, was sie im Zweiten Weltkrieg erlebten, hinweg gekommen sind. Extrem schön und unglaublich traurig.

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Lange vorgenommen, endlich gelesen. Schön. Hoffentlich ist das Schullektüre.

Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt – Navid Kermani

Kermani, Deutschlands Chef-Erklärer des Islams, erzählt von seinen Reisen aus Indien, Pakistan, Afghanistan, Irak, Syrien und wo es sonst noch brennt. Über was ich gelernt viel habe: Sufismus.

Überraschenste Szene: Afghanistan, auf einem Kabuler Friedhof spricht Kermani mit einem alten Mann names Agha.

Ach ja, der 11. September 2001, komme ich auf den Tag genau zehn Jahre später meiner Pflicht als westlicher Berichterstatter nach: wie er dazu stehe? Nur Agha weiß nicht, was ich meine. Die Anschläge in Amerika, die Flugzeuge, die in die Hochhäuser flogen? Nur Agha schüttelt den Kopf. Damals habe es ja kein Fernsehen gegeben, bittet er um Verständnis für die Wissenslücke, und das Radio habe auch niemand einschalten dürfen.

Der große Schlaf – Raymond Chandler

Ein Krimi-Klassiker, dessen Protagonisten mir zumindest namentlich bekannt war: Philipp Marlowe. So ungefähr, wie ich weiß, dass es in Star Wars um Jedi-Ritter geht.

Also, der Privatdetektiv Marlowe ist ein echter Haudegen, Raucher, Trinker und mit den Frauen kann er’s natürlich auch. Nicht unspannend, aber ein bisschen viel Testosteron für so ein dünnes Büchlein.

Ich bau mir meine Welt, wie sie mir gefällt

The perils of worldbuilding

„From Hogwarts to Westeros, we can’t get enough of artificial worlds, but are they disengaging us from reality?“

John Irving: „Last Night in Twisted River“

Frägt man mich, wer mein Lieblingsautor sei, antworte ich seit Jahren mit: „John Irving“. Denn ich habe die meisten seiner Bücher gelesen und die absurden Geschichten haben mir gefallen. Und sein Foto auf der Umschlagseite erinnert mich an meinen Opa. Deshalb hatte ich mir „Last Night in Twisted River“ in der englischen Orginialversion gekauft, weil ich nicht warten wollte, bis es in Deutschland auf den Markt kommt – und dann hat es drei Jahre und Bücherregale in drei verschiedenen Wohnungen gebraucht bis ich es gelesen hatte.

Das Problem war der Anfang. Zweimal habe ich mich ein paar Seiten vorgekämpft, und es dann doch zur Seite gelegt. Obwohl ich ja eigentlich wusste, dass mir die Gesichte taugen dürfte, schließlich stand auf dem Cover „a typical Irving“. Der Roman startet in den 1950er Jahren in einem Holzfällercamp in Neuengland. Dort wird ausführlich in Holzfällerfachtermini das Setting eingeführt. Auf jeder Seite Wörter, die ich nicht verstand, und von denen ich wusste, dass ich sie nie brauchen würde. Erst als das zentrale Unglück passierte – ein zwölfjähriger Junge erschlägt die Küchenhilfe, denn er glaubt ein Bär habe seinen Vater, den Koch, angefallen, doch die dicke, langhaarige Frau und sein Vater haben nur Sex – macht mir die Sprache nichts mehr aus. Denn noch in der gleichen Nacht flüchten Vater und Sohn aus dem Wald nach Bosten. Vorbei mit dem Holzfällerslang!

Und tatsächlich: Die Geschichte ist ein typischer Irving. Bestimmte Motive erkennt man aus anderen Büchern (Der Bär!), andere gibt es nur im Buch und tauchen über die sechs Jahrzehnte, die sich die Geschichte spannt, immer wieder auf. Vater und Sohn müssen immer wieder weiterziehen, denn der „Constable“, der damalige Freund der getöteten will Rache (nicht wegen der Toten, sondern weil sie einen anderen hatte). Und dann ist da noch Ketchum: Der beste Freund von beiden, Vater und Sohn. Der Sohn wird Schriftsteller, der Vater arbeitet als Koch, Ketchum bleibt in den Wäldern und ist die eigentliche Hauptperson.

„Last Night in Twisted River“ ist sicherlich nicht Irvings spektakulärster Roman (hinsichtlich der Abstrusität) , aber eine Geschichte, die mit steigender Seitenzahl immer besser wird, denn Irving kann verdammt gut erzählen.

Wie innovativ Journalismus sein muss

Stefan Plöchinger, Chef der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung über ein Wort, von der nicht besonders viel hält: Innovation, und zwar im Journalismus. Sein Fazit:

Innovativer Journalismus muss schon noch Journalismus sein. Deshalb verpflichtet uns die gefühlte Dauerbedrohung unseres Berufs in den vergangenen Jahren gleich mehrfach. Innovativ ist, Trash sein zu lassen. Den digitalen Wettbewerb über publizistische Profilierung zu führen. Die Möglichkeiten des Multimediums auszunutzen. Themen cooler, interaktiver, spielerischer zu präsentieren. über Erwartungen unserer Nutzer zu debattieren und über die Möglichkeiten, sie für die Zukunft des Journalismus zu begeistern. Auch, sie finanziell zu beteiligen. Neue Formen des Leserdialogs einzuführen. Neue Ansätze für Recherche zu erforschen… — die Liste der Möglichkeiten ist lang.

Wenn Wissenschaft kein Wissen schafft

Ein Rant über die treibende Kraft in der Wissenschaft: Die Veröffentlichung. Und ein Rant für alle, die frustriert von der Uni sind, also zum Beispiel für mich: „Auswendiglernen, Kreutzchen setzen, auskotzen – Unialltag.“

“I like Hitler! He hates Isreali people.”

Caro ist zur Zeit in Jordanien und muss da beim Essen dann und wann erklären, warum die Deutschen den Hitler jetzt nicht so dolle finden.

What Is the Business of Literature?

Ein Gang durch die Geschichte der Literatur-Industrie, die nach Gutenberg auch mit dem Copyright Fahrt aufnahm:

Copyright, though nominally instituted to encourage the creation of a work, has as its only logical purpose the encouragement of the  reproduction of the work. What we see again and again in our society is that people do not need to be encouraged to create, only that businesses want methods by which they can minimize the risk of investing in the creation. (…) As with any law that loses the consent of the governed because it no longer reflects the logic of society, the law is not overturned, just ignored.

Hinter einer Buchveröffentlichung steckt ja nicht nur ein Autor, sondern Verlage.

What, then, is the biggest job to be done by publishers? There is marketing and discovery, yes, but even though editors are not miracle makers who make their best decisions in a vacuum, the editor is a source of great value in the economics of literature and will therefore remain as valuable, if not more so, than before, even if less privileged.

Nur wenige der tatsächlich veröffentlichten Bücher, haben auch wirklich großen wirtschaftlichen Erfolg.

Books, like most entertainment media, live in what Nassim Nicholas Taleb calls Extremistan, a place with vast amounts of commercial failure and spectacularly high and extremely infrequent success. The advent of self-publishing has rendered this ever more visible. The vast majority of the 28 million books currently in print made no money at all, and every few years one author will make more than $200 million: first Dan Brown and J. K. Rowling, now E. L. James.

Mehr zur „Extremistan“-Theorie von Taleb:

Nassim Nicholas Taleb on Extremistan von FORAtv

In Talebs neues Buch „Antifragilität“ hab ich gestern beim Hugendubel hineingeblättert und hier und da einen Absatz gelesen. Das scheint wirklich sehr interessant zu sein. Wenn dann werd ich mir das Buch für den Kindle holen, denn mit dem Buch könnte leicht ein handelsüblicher Hamster zerquetscht werden. Der Trailer zum Buch:

Frank Schirrmacher in den Fängen der E-Books

Fast bin ich durch mit Schirrmachers „Ego“. Ob ich auch noch die letzten 30 Seiten lese, bleibt abzuwarten, denn er wiederholt sich schon seit 50 bis 60 Seiten, neuer Inhalt ist deshalb wohl nicht mehr zu erwarten.

Ich habe das Buch gekauft, weil ich neugierig war auf Kapitalismuskritik von rechts. Aber ich musste feststellen: „Ego“ ist keine Kapitalismuskritik, sondern eine Verschwörungstheorie. (mehr …)

Lass uns spielen

Ein paar Minuten nachdem ich die kaffeegetränkten Karteikarten zur Spieltheorie zusammen mit den Vorlesungsskript und den gelösten Übungsaufgaben in einem roten Ordner verstaut habe, begegnet mir zwei Tage nach der Klausur die Spieltheorie schon wieder. Frank Schirrmacher, prominenter Herausgeber der FAZ, hat ein Buch geschrieben. In „Ego“ behandelt er den Kapitalismus in Zeiten der Digitalisierung, der sich den Maximen der Spieltheorie verschrieben hat. Spieltheorie hat nichts mit Lego zu tun, eher schon mit „Schick,  Schnack, Schnuck“, der strategischen Interaktion zwischen zwei oder mehr Spielerin, die unter der Anforderung der Rationalität handeln.

Nun ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung nun nicht gerade als Kritikerin der neoliberalen Wirtschaftsordnung, umso verwunderlicher ist ein solches Buch aus diesem Dunstkreis. In der SZ wird es recht positiv besprochen:

„Im Zentrum (des Buches) steht die Spieltheorie. (…) Denn unbestreitbar ist, dass spieltheoretische Prinzipien heute so gut wie allen avancierten mathematischen Programmen zugrundeliegen, die von Investoren, Banken, Brokern und Unternehmen in direkten Konkurrenzsituationen angewendet werden. Und das hat in der Tat nicht zu überschätzende gesellschaftliche Folgen, die in dem harmlosen Begriff „Spieltheorie“ so verborgen sind wie der biblische Wolf im Schafspelz.“

Entscheidend ist, dass diese Theorie Entscheidungskämpfe zwischen Rivalen mathematisch durchspielt, indem sie für jeden „Mitspieler“ alle strategischen Optionen, Gewinnchancen und Risiken quantitativ ausformuliert und berechnet. Die einzige Unterstellung lautet, dass jeder „Spieler“ nur sein Eigeninteresse verfolgt: rational, ungerührt, auf Selbstmaximierung bedacht. Hauptanwendungsfälle sind Konkurrenzen in „nicht-kooperativen“ Konstellationen, vor allem in solchen, in denen man sich gegenseitig auch nicht in die Karten schauen kann – eben wie beim Gegeneinander im Kalten Krieg, aber auch wie in Wetten auf dem Finanzmarkt, beim Derivatenhandel zwischen Tradern oder bei der feindlichen Übernahme eines Unternehmens.

Das Buch steht auf Platz 1 meiner Leseliste für die Ferien.

Alle interessiert Sex!

Alle interessiert Sex. Deshalb interessiert alle das folgende Buch: „The Inner Circle“ von T.C. Boyle, zu Deutsch: „Dr. Sex“.

TC Boyle The Inner Circle Kinsey

Es handelt von Alfred Kinsey, dem Vater des Kinsey-Reports, in dem zum allerersten Mal eine statistische Analyse der Menschen gemacht wurde, in zwei Bänden. Einer über die “male humans”, drei Jahre später über die “female humans”. Die Daten sammelten Kinsey, Prok wie er im Buch genannt wird, und sein Team in zweistündigen Interviews mit Amerikanern und Amerikanerinnen. Wann hast du das erste Mal ein Geschlechtsteil gesehen? Wann hattest du zum ersten Mal oralen Kontakt mit dem Geschlechtsteil des Gegengeschlechts? Wann mit jemanden vom eigenen Geschlecht? Wie oft masturbierst du?

Die Interviewer sind angehalten professionell zu bleiben, jegliche Emotionen sollen außerhalb der verschlossenen Wände bleiben – zumindest auf Seiten des Befragers. Einer davon ist John, zu Beginn sexuell völlig unerfahren, am Ende sicherlich alles andere als das. Er ist Proks Zögling und Mitstreiter seit der ersten Stunde. Dieser John erzählt die Geschichte der ersten empirischen Studie über Sex. Aber nicht nur das: Er erzählt von Professor Kinsey und seiner Frau Mac, seinem engen Verhältnis zu Beiden.

Kinseys Haltung und damit die von John ist eine klare: Nur gesellschaftliche Konventionen halten das menschliche Tier davon ab, seine Sexualität voll auszuleben. Jemand ist „sex shy“ ist eine Art Beschimpfung, zumindest ein Herabschauen.

Doch, das muss John erfahren, Liebe ist nicht das gleiche wie Sex. Auch wenn es das auch gleichzeitig gibt: Zum Beispiel mit seiner Frau Iris. Und Prok, der so vieles ist: Vorbild, Chef, Geliebter.

T.C. Boyle hat mit “The Inner Circle” einen fiktiven Roman über den Sexualforscher Alfred Kinsey geschrieben, John hat es nie gegeben. Von den Biografien und Berichten über Kinsey und seine Frau Mac informiert, ist das Buch ein unterhaltsamer Roman, eine Hommage an den Wissenschaftler, der das “Insitut of Sex” gegründet hat.

Auf Englisch angenehm zu lesen, das Wort “junction” kommt darin auffällig oft vor.

T.C. Boyle: “The Inner Circle” oder “Dr. Sex”.