Normalverteilung

Der Maßstab

Mit das beste, am sowieso schon großartigen Wirtschaftsmagazin Brandeis sind die Essays, die das jeweilige Scherpunktthema einleiten. Im Oktober ging es um die Normalität, die – so die These des Autors Wolf Lotter – als Maßstab gesehen werden soll. Ist einleuchtend, schließlich ist das ein relativer Wert, der sich irgendwo orientieren muss.

Nun ist im Prinzip nichts schlecht daran, wenn sich Menschen an einem Durchschnitt orientieren, an einem Wert, der ihnen Gelegenheit gibt, ihre eigene Position genauer zu bestimmen. Dazu ist ein Body-Mass-Index ebenso nützlich wie Leitkulturen und Moden – wenigstens solange wir all diese Maßstäbe nur zur Kalibrierung unserer eigenen Persönlichkeit nutzen, also zur besseren Unterscheidbarkeit von der Norm. Doch das geschieht nach wie vor selten. Die meisten wollen sich am Maßstab nicht orientieren, sie wollen so sein wie er. Wir machen uns, ohne Not, zu Normalverbrauchern. Und es ist nur auf den ersten Blick paradox, dass das besonders klar wird, wo wir das Abweichende loben.

Falsch: Hörenswertes!

Städte funktionieren dann nicht, wenn sie überhaupt nicht geplant werden (=Slums) und auch dann nicht, wenn sie zu sehr einem Plan folgen (z.B. dieses Insel-Ding vor Dubai). Warum das so ist, erklärt ein Architekt bei Podcast-Gott Tim Pritlove. Drei wirklich spannende Stunden über, so der Architekt, das komplexeste, das Menschen erstellt haben: Städte.

Der Link: CRE – Stadtplanung

Frank Schirrmacher in den Fängen der E-Books

Fast bin ich durch mit Schirrmachers „Ego“. Ob ich auch noch die letzten 30 Seiten lese, bleibt abzuwarten, denn er wiederholt sich schon seit 50 bis 60 Seiten, neuer Inhalt ist deshalb wohl nicht mehr zu erwarten.

Ich habe das Buch gekauft, weil ich neugierig war auf Kapitalismuskritik von rechts. Aber ich musste feststellen: „Ego“ ist keine Kapitalismuskritik, sondern eine Verschwörungstheorie. „Frank Schirrmacher in den Fängen der E-Books“ weiterlesen

Lesenswertes: Über das Verhalten im digitalen Raum

Disruptions: Digital Era Redefining Etiquette (New York Times)

Mit dem Internet, Smartphones und Handys verändern sich Höflichkeitsstandards. Die Mailbox hören viele nicht mehr ab, wenn mir doch mal jemand drauf spricht, weiß ich vorher schon, dass es Papa sein wird. Auch die Frage der „Danke“-E-Mails stellt sich. Und dann natürlich Fragen, die jeder mit einem Mal googlen beantworten könnte.

In the age of the smartphone, there is no reason to ask once-acceptable questions: the weather forecast, a business phone number, a store’s hours. But some people still do. And when you answer them, they respond with a thank-you e-mail.

Das Shirky-Dilemma (kleinerdrei.org)

Es gibt ein Online-Phänomen, das ist ungefähr so: Jemand postet etwas und der Leser fühlt sich angesprochen, aber ist er es auch? Auf dem neuen, feinen Blog kleinerdrei nimmt sich Juliane des Themas an:

Dass Kommunikation Missverständnisse und Verwirrung hervorruft, hat mit dem Internet erstmal nichts zu tun. Wir sprechen, um gehört zu werden. Wir sprechen, um unsere Bedürfnisse, unsere Eindrücke, unsere Wünsche mitzuteilen. Und wir formen unsere Botschaften so, dass unser Adressat sie versteht und manchmal machen wir dabei eben Fehler. Was Social-Media aber zu einer Art Dauer-Cluedo werden lässt, ist die Tatsache, dass sich dort hunderte Adressaten unserer Botschaften am gleichen Ort aufhalten und wir deswegen ständig die oben genannten Ebenen wechseln, um ja auch alle zu erreichen. Es hören und lesen aber im Zweifel alle Follower und Freunde alles. Der Chef oder die Chefin die Emo-Tweets, der oder die Liebste die Büro-Tweets, der Geschäftspartner aus dem Nachmittagstermin die Lästerei über seine Heimatstadt. Und alle ziehen ihre Schlüsse. Manche mit Recht, manche mit Unrecht.

Das Resonanz-Vakuum (Dragstripgirl)

Sich im digitalen Raum zu äußern, heißt meistens auch auf Resonanz zu setzen. Sarahs Text startet mit:

Einsamkeit ist nicht, wenn man alleine auf der Couch sitzt und an die Decke starrt. Einsamkeit ist wenn Resonanz fehlt. Leute behaupten, sie müssen sich Raum für sich selber schaffen und hängen doch wieder nur an irgendwelchen Resonanzschläuchen fest. Egal ob Twitter, Facebook oder Blog: sich selbst mitzuteilen und daraufhin ein Feedback zu bekommen ist das Sugarhigh nach dem Blutsturz.

Lesenswertes: Macht und Selbstzerstörung

The Self-Destruction of the 1 Percent — Die Journalistin Chrystia Freeland schlägt den Bogen von den alten Veneziern zu den Vereinigten Staaten. Deren Gemeinsamkeit: Die Elite will sich von den anderen abgrenzen – und bringt sich so in Gefahr sich selbst zu zerstören. In Venedig sicherte sich der Adel in der sogenannten „Serrata“ die Macht:

Venice’s elites were the chief beneficiaries. Like all open economies, theirs was turbulent. Today, we think of social mobility as a good thing. But if you are on top, mobility also means competition.

(…)

The story of Venice’s rise and fall is told by the scholars Daron Acemoglu and James A. Robinson, in their book “Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity, and Poverty,” as an illustration of their thesis that what separates successful states from failed ones is whether their governing institutions are inclusive or extractive. Extractive states are controlled by ruling elites whose objective is to extract as much wealth as they can from the rest of society. Inclusive states give everyone access to economic opportunity; often, greater inclusiveness creates more prosperity, which creates an incentive for ever greater inclusiveness.

Bottom Line: Gesellschaften können also dann besser überleben, wenn sie möglichst viele Menschen an der Wirtschaft teilhaben lassen.

Noch ein sehr bezeichnendes Zitat aus dem Text (über das ich auf neunetz überhaupt erst auf den Artikel aufmerksam wurde):

Businessmen like to style themselves as the defenders of the free market economy, but as Luigi Zingales, an economist at the University of Chicago Booth School of Business, argued, “Most lobbying is pro-business, in the sense that it promotes the interests of existing businesses, not pro-market in the sense of fostering truly free and open competition.”

 

Schöne Ferien!

Folgender Text wurde schon letzte Woche veröffentlicht, ja vielleicht sogar die Woche davor. In Online-Medien-Zeiten also während des Pleistozäns. Es geht um das Trend Thema Entschleunigung, Pause-machen und vom Hamsterrad springen oder wie der interviewte Soziologie-Professor sagt: “Doch wenn die ganze Gesellschaft beschleunigt, kann ich nicht einfach individuell langsamer laufen, sonst stolpere ich und falle auf die Nase.”

ZEIT: Dabei sind die Läden voll von Ratgebern, die behaupten: Wer mit seiner Zeit nicht zurechtkommt, ist nur schlecht organisiert.

Rosa: Das ist genau das Missverständnis. Gegen die Beschleunigung einer ganzen Gesellschaft müssen alle individuellen Entschleunigungsstrategien fast notwendigerweise scheitern. Kaum jemand sagt, dass es ein strukturelles, gesellschaftliches Problem ist.

ZEIT: Zum Glück können wir an den Feiertagen, der Zeit zwischen den Jahren, mal ausspannen!

Rosa: Vielen fällt offenbar auch das zunehmend schwer. Man sagt: »Nun lass ich aber mal die Arbeit ruhen« – und hat trotzdem das Gefühl, die Zeit sei knapp. Denn nun drängt, was man schon lange mal tun wollte: Endlich einmal wieder mit der Familie, den Kindern, den Eltern etwas machen, die Klassenkameraden wiedersehen, zusammen essen, Hobbys pflegen, Sport treiben… Am Ende können sogar solche Termine den Charakter von Arbeit annehmen: Das muss jetzt auch noch in den Zeitplan gequetscht werden…

ZEIT: Sind wir also unfähig geworden, die Muße zu genießen?

Rosa: Das Problem ist, dass wir ständig das Gefühl haben, Zeit sei kostbar und dass sich deshalb jede Aktivität rechtfertigen müsse. Wenn ich mir vornehme, heute mal zu Hause in Ruhe ein Buch zu lesen, dann gäbe es da auch hundert andere Optionen: fernsehen, im Internet surfen, Mails checken… Das heißt: Wenn ich lese, muss ich zugleich das Gefühl haben, dies sei die nützlichste, die sinnvollste Verwendung meiner Zeit.

ZEIT: Sie meinen, ich muss es quasi vor mir selbst rechtfertigen, dass ich nun ein Buch lese?

Rosa: Natürlich läuft dieses Abwägen nicht bewusst. Es beschäftigt uns aber permanent unbewusst und bindet Denkressourcen, das kostet Energie.

(…)

ZEIT: Sonst wird selbst die Erholung zum Stress?

Rosa: Dieses Phänomen wurde schon in den Siebzigern beschrieben: Je produktiver wir werden, je mehr wir pro Stunde erarbeiten, umso mehr steigt der Druck auf jene Stunden, in denen wir nicht arbeiten, weil wir nun die Erwartung haben: Jetzt muss ich aber mal wirklich gut entspannen!

Was in Zukunft vielleicht nicht mehr gibt.

Ich steh ja auf die Zukunft. Warum entwickeln wir uns weiter? Warum entstehen bestimmte Werte, haben gesellschaftlichen Konsens und verschwinden dann wieder? Zum Beispiel: Rollenverteilung zwischen Mann und Frau; Todesstrafe als adäquates Mittel eines Staates; Totalitarismus usw.

mspro hat sich überlegt, welche Dinge, die im Heute ganz selbstverständlich erscheinen, es denn in der Zukunft nicht mehr geben wird und im Rückblick auch als irgendwie lächerlich und falsch erscheinen.

Seine Liste:

  • Medienregulierung
  • Depublikation (im Grund ist das die Löschung von Daten)
  • Lohnarbeit
  • Regiert werden

Genauere Erläuterungen gibt es zu jedem der vier Punkte unter “Archäologie des Heute – das Denken der Zukunft denken”.

So sieht die Zukunft aus! (Vielleicht).

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„Wie wir leben werden“ ist ein ehrgeiziges Buch. Es geht schließlich über die Zukunft.

Matthias Horx, der Gründer des Think-Tanks Zukunftsinstitut, schreibt aber nicht 250 Seiten Zukunftsvision, vielleicht 15 bis 20 Prozent befassen sich wirklich mit konkreteren Ideen vom Leben in ein paar Jahrzehnten. Viel mehr wabern seine Vorstellungen über den einzelnen Kapiteln, die mit Begriffen wie Geburt, Familie, Wohlstand, Kriege und Katastrophen bis zum Tod überschrieben sind. Die verschiedensten Lebensbereiche betreffen jede Person.

Zu Beginn war ich nicht besonders überzeugt, bis ich das Buch nicht mehr mit dem Gedanken ein Zukunftsbuch zu lesen in die Hand genommen habe, sondern kleine Essays über verschiedene Themen. Gefallen haben mir  vor allem die Teile, in denen historische Entwicklungen aufzeigt und es dann schafft den Bogen logisch über die Gegenwart in die Zukunft zu schlagen.

So schreibt Horx über Zukunftsideen Anfang des 20. Jahrhunderts. Die technologische Revolution, die besonders die Kommunikation beeinflusst hat, konnten sich anscheinend Menschen ganz gut vorstellen. Was auch daran liegt, dass gerade Technologie besonders linear entsteht, schreibt Horx. Auf der anderen Seite trieften die Texte von Horx’ Vorgängern vor hundert Jahren vor Rassismus und Überlegenheitsgeschichten.

Unvollständige Zusammenfassungen von ein paar Themengebieten (Interessanterweise, sind die meisten meiner Notizen Historisches).

Wohlstand

  • Warum konsumieren wie wild und lassen uns auf den Konsumterror ein? Drei Gründe zählt Horx auf:
  1. Wir sind einfach Jäger und Sammler
  2. Der Kauf eines iPhones bringt ein soziales Upgrade mit sich (zumindest so lange, bis es fast alle haben).
  3. Konsum verändert die Rollenstrukturen in einer Gesellschaft: Nicht mehr der Stand ist entscheidend für Privilegien.
  • Horx geht von sogenannten postmateriellen Ökonomiekreisläufen aus. Güter werden weniger gekauft als “angeboten”, was durch das englische Wort “provide” besser ausgedrückt wird, und so zum Beispiel vom Kunden nur noch für die benötigte Zeit gemietet.
  • In einer Wissensgesellschaft, die viele Arbeiten aussourct, wird sich eine Unterschicht, die nur schwer zurechtkommt, kaum vermeiden lassen.

Krieg und Katastrophen

Globale Auseinandersetzungen sollen nicht mehr so strukturiert ablaufen: Fronten an der Grenze zwischen zwei Ländern gehören der Vergangenheit an und territoriale Eroberung deshalb nicht mehr das Ziel eines Krieges. Stattdessen sollen Netzwerke der Zerstörung, die wie Verbrecher agieren, sollen dann Netzwerken des Wissens gegenüberstehen. Horx ist Realist genug nicht auf ewigen Frieden zu hoffen, aber Optimist genug, sich einen dominanten Frieden vorstellen zu können.

Politik

  • Links vs. Rechts haben in ausgedient und sind Schuld daran, dass eine Lieblingsbeschäftigung von allen ist, auf Politiker zu schimpfen: „Das was wir „Politikverdrossenheit“ nennen, ist nichts anderes als das logische Resultat dieses bipolaren Versagens. Linke wie Rechte stehen wie Ochsen vorm Berg der Zukunft. Sie scharren mit den Hufen, muhen und sehnen sich lautstark und polemisch nach einer vergangenen Zeit. Sie appellieren, drohen, heben die Zeigefinger früher oder später gegen den Bürger“
  • Eine existenzielle Frage für globale Zukunft lautet: Wer bestraft in Zukunft diejenigen, die den Nichtbestrafer nicht bestrafen? Denn sobald sich komplexere Gesellschaften entwickeln, also alles, was über 20, 30 Personen hinausgeht braucht irgendeine Form von neutralen Institutionen. Entscheidend für das Zusammenleben ist es dann nämlich, dass nicht nur eine Strafe gibt, wenn gegen Regeln verstoßen wird, sondern auch, wenn es jemanden gleichgültig, ob jemand anderer Regeln ignoriert.
  • Schweinegrippe, EHEC und so soll’s auch weitergehen: Eine Gefahr geht in Zukunft von Hysterischen Epidemien aus, die Angst und Panik in Gesellschaft schüren.

Natürlich muss es nicht so geschehen, aber warum denn auch nicht?

Zum Buch: Matthias Horx, Wie wir leben werden, Campus

Globalisierung 3.0: Die flache Welt

Thomas Friedman ist Kolumnist bei der New York Times. Er beackert die großen außenpoltischen Fragen und hat sich dem Thema Globalisierung angenommen. In “Die Welt ist flach – Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts” versucht er sich, die Welt in Zeiten des Internets und weltumspannender Kommunikation zu erklären. In großen Teilen macht er das gut und plausibel. Seine zentrale These ist: “Die Mitspieler [der Globalisierung] haben die gleichen Voraussetzungen. Das Spielfeld wird eingeebnet.“

Die erste Phase der Globalisierung war die Zeit der Kolonialreiche, als Nationen sich auf der ganzen Welt ausbreiteten. Danach, so zwischen 1800 und 2000, war die Zeit der global agierenden Unternehmen. McDonalds und Coca-Cola sind da nur die Aushängeschilder von Firmen, deren Markt die ganze Welt ist. Seit etwa dem Jahr 2000 ist die dritte Welle der Globalisierung im Anrollen. Jetzt sind es die Individuen, die miteinander kooperieren und konkurrieren.

Für Friedman sind für diese Einebnung der Welt zehn Faktoren verantwortlich, die sich grob in drei Themengebiete einteilen lassen: Politische Veränderungen, Internet und Computer, und veränderte Unternehmensstrukturen.

Der Fall der Mauer war der erste wichtige, und einzig politische Schritt. Interessant fand ich die Feststellung, dass totalitäre Systeme ein Informationsmonopol brauchen. Genau das versucht ja der chinesische Staat mit der (Internet-)zensur zu halten.

Dazu kommt der Start des Netscape-Browsers, der PC-Laien erlaubte, das Internet zu benutzen. Der Workflow konnte durch Software und allgemeine Standards verbessert werden, schließlich braucht man sich zB heute keine Gedanken darüber machen, ob der andere ein Word-Dokument öffnen kann. Diese Frage stellt sich einfach nicht mehr; Word ist Standard (Alter!).  Außerdem die Open-Source-Bewegung, Wikipedia, Blogger usw.

Auf Unternehmensebene veränderten das Outsourcing (klar beschränkte Aufgabe von einem anderen Unternehmen durchführen lassen, z.B. Kundenservice in indischen Callcenters), Offshoring (ganze Fabriken verlagern) und Insourcing (Logistik der Wertschöpfung wird von externen Dienstleistern unternommen, beispielsweise hat sich Nike ganz auf die Entwicklung neuen Schuhwerks konzentriert und hat mit der Logistik seiner Waren nichts mehr zu tun) die Geschäftswelt. Das Meisterstück sind globale Wertschöpfungsketten, die perfekt aufeinander abgestimmt werden. Und der Spitzenreiter ist (oder war zumindest zum Zeitpunkt als das Buch 2007 geschrieben wurde) Walmart das größte Unternehmen der Welt, das kein einziges Produkt selbst herstellt. Stattdessen hat es eine super-effiziente Wertschöpfungskette, die schwer zu kopieren ist.

Zum ersten Mal erfuhr ich dem Buch von einem positiven Aspekt der Dotcom-Blase Ende der 90er Jahre. Massive Überinvestitionen in Glasfaserkabel führten dazu, dass nach dem Platzen der Blase, viel zu viele Kabel in die Erde gelegt wurden. Das heißt: Das Angebot war größer als die Nachfrage, die Firmen mussten als den Preis für die Datenübertragungen senken. Deshalb wurde dann langsam schnelles Internet und Flatrates auch für kleinere Unternehmen und Privathaushalte erschwinglich.

Thomas Friedman ist Journalist bei der New York Times. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich. Es ist großartig, weil er unterhaltsam schreibt, mit Leuten gesprochen hat und das Buch wie eine Reportage über 600 Buchseiten daherkommt. Immer wieder kommen Unternehmer, Manager und Arbeitnehmer aus aller Welt zu Wort, die beschreiben, wie sich die Globalisierung auf ihr Geschäft auswirkt. Vor allem seine zehn Faktoren für die Einebnung der Welt stellt er so überzeugend dar.

Danach schreibt er auch darüber, was das für Menschen und Staaten bedeutet, die einfach nicht mitmachen können. Was da raus kommen kann, sieht man an den Revolutionen in Nordafrika.

Nach der Hälfte des Buches machen die ständigen Beispiele das Buch sehr langatmig. Fast hat man das Gefühl Friedman musste die Seiten irgendwie füllen. Vor allem gegen Ende merkt man, dass sich das Buch für den amerikanischen Markt geschrieben ist. Sehr pathetisch wird es wenn es um das Thema 11.September und Terrorismus geht, was ja auch gerade nur wegen der flachen Welt möglich war: Osama bin Laden organisierte “eine globale Wertzerstörungskette”.

Meine Empfehlung lautet daher: Lest das Buch, es erklärt großartig, wie die Globalisierung auf Individuen wirkt. Die zweite Hälfte des Buches ist nicht schlechter als die erste, hätte jedoch auch mit weit weniger bedruckten Seiten auskommen können.

Schön ist übrigens immer wieder in Texten, die fünf bis zehn Jahre alt, sind Lobeshymnen auf Irland und Schimpftiraden auf den deutschen Arbeitsmarkt zu finden.

Thomas L. Friedman, Die Welt ist flach Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts, Suhrkamp, 764 Seiten

Die digitale Gesellschaft: Aktivisten fürs Internet

In Berlin hat sich letzte Woche die Digitale Gesellschaft gegründet. Grob gesagt, ist das eine Interessensvereinigung für das Internet. Ihre Themen sind die großen Diskussionen in Sachen Internetpolitik: Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität, Urheberrecht und Datenschutz. Sie wollen auch mehr offene Daten in Deutschland und transparente Strukturen bei Lobbyisten.

Markus Beckedahl von Netzpolitik.org hat den Verein auf der Re-publica vorgestellt. Diskussionen gab es, weil der Verein nicht offen für jeden ist, sondern mit einem geschlossenen Kreis an Menschen die Arbeit beginnt. Der Grund ist einfacher: Zu viele Menschen diskutieren viel (und verderben den Brei – ich hasse Sprichwörter) und zu einer Lösung zu kommen wird schwierig. Es war absehbar, dass genau das auch angegriffen wird – so war es dann auch. Eigentlich alle Fragen aus dem Publikum gingen in die gleiche Richtung: Warum kann nicht jeder beitreten? Wird sich der Verein öffnen? Läuft da alles transparent ab?

Es hatte schon etwas komisches, wie die Fragesteller genau den Grund lieferten, warum der Verein mit einer festen Zahl an Leuten startet (später kann er sich öffnen, meinte Beckedahl): Mit einer großen Gruppe von Leuten ist es schwer effizient zu arbeiten.  Und wie ich eben sah, dreschen viele, viele Kommentare auf dem Blog der Digitalen Gesellschaft in dieselbe Kerbe, aber auf eher beleidigendem Niveau. Ich vermute, das ist ein solcher Shitstorm von dem auf der Republica in den letzten Tagen so viel geredet wurde (da geilen sich die Kommentatoren zum Beispiel daran auf, dass am Sonntag um 7 Uhr morgens niemand die Kommentare moderiert – erbärmlich, da ist es wirklich besser, da sie die Leute nicht mitmachen lassen).

Die digitale Gesellschaft will in Zukunft Kampagnen schalten und startet mit “Warum?”-Fragen, zum Beispiel:

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Ich finde es gut, dass sie auch das Thema Lobbyismus aufgegriffen haben. Im Grunde will ja auch die digitale Gesellschaft das gleiche machen: Einfluss auf die Politik und die öffentliche Meinung nehmen. Das ist ja auch legitim und ich finde es großartig, wenn sich die Gegenseite der “bösen” Lobbyisten professionalisiert. Denn wenn man schon bedauert und schimpft, dass die Unternehmen und die Wirtschaft zu viel Einfluss, zu viel Geld und zu viele ihrer Leute in Berlin und Brüssel haben, dann sollte man dieser Armada am besten so effizient wie möglich entgegentreten. Ich halte die digitale Gesellschaft für einen guten Anfang.