Das Massaker in Orlando und die LGBT-Community. Eine Leseliste.

Am 12. Juni lief ein Terrorist, psychisch Gestörter, Mörder in einen Club in Orlando und tötete 49 Menschen und verletzte nochmal so viele. Sein Ziel war – im Gegensatz zu den Anschlägen in Paris – nicht die Gesellschaft als Ganzes. In Orlando sollten, wie es im Amerikanischen heißt, „LGBT people and allies“ sterben. Nicht-Heterosexuelle Menschen und deren Freunde, die Samstagnacht in einem Club tanzen, trinken und sich die Zeit vertreiben.

Plötzlich ist sie überall, die Regenbogen-Flagge. Und Texte dazu. Das ist gut und unglaublich traurig zugleich. Ein Überblick über das, was ich in den letzten Tagen gelesen habe:

Carolin Emckes aktuelle Kolumne in der SZ schließt mit den Worten: „Nicht rechtlich fast gleich, sondern gleich wollen wir sein.“

Es ist ein so vertrautes wie geschmackloses Spektakel, wie Homosexuelle vor allem dann wahrgenommen und als Menschen mit Rechten verteidigt werden, wenn sie sich als Spielfiguren in der feindseligen Kampagne gegen Muslime einsetzen lassen. Da werden dann auf einmal Schwule und Lesben zu Galionsfiguren für die offene und tolerante Gesellschaft erklärt – die es ansonsten aber immer noch ablehnt, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen, weil irgendein „Bauchgefühl“ dem entgegensteht.

Kissing my girlfriend at the Zodiac: gay bars are everything straight people take for granted . Warum LGBT-Clubs für das Selbstverständnis wichtig sind:

Gay clubs are hospitals that patch up the invisible wounds you accumulate. Gay clubs are therapist offices. They’re community centers. They’re sanctuaries. Gay clubs are everything that straight people take for granted, squeezed into four, usually quite sticky, walls.

Warum Orlando kein Angriff auf die offene Gesellschaft war, weil er nur eine Gruppe von Menschen treffen sollte, schrieb Thorsten Denkler auf.

Queer, Muslim, & Unwelcome at the “New Stonewall”. Was ist noch blöder als zu einer Minderheit zu gehören? Zu zwei zu gehören. Eman Abdelhadi war bei einer Kundgebung am Stonewall Inn in New York, dem Lokal, das in den 60er Jahren zum Symbol für den Kampf für Gleichberechtigung wurde.

Upon arriving, I found myself in a sea of well-dressed upper middle class gays—mostly cis men, the kind that litter Human Rights Campaign ads and scream things like “Love Wins.” I suddenly felt so visible in my Muslimness, so naked in my identifiable Arabness.

Stop Exploiting LGBT Issues to Demonize Islam and Justify Anti-Muslim Policies. Glenn Greenwald darüber, dass es keinen Islam braucht, um homophob zu sein. Christentum, Judentum oder gar keine Religion reichen auch.

Depicting anti-LGBT hatred as the exclusive (or even predominant) province of Islam is not only defamatory toward Muslims but does a massive disservice to the millions of LGBTs who have been — and continue to be — seriously oppressed, targeted, and attacked by people who have nothing to do with Islam. The struggle of LGBTs around the world is difficult enough without having them cynically used as some sort of prop to bash a group that itself is already being bashed from multiple directions.

„Ein Mann wird aggressiv gegen das, was er selbst zu werden fürchtet“. Wie Angst vor Schwulen und Lesben entsteht.

Der Fehler ist: Homosexualität wird eher mit Sexualität verbunden, Heterosexualität eher mit Familie und Liebe. Darin liegt eines der großen Missverständnisse: Aufklärung über andere Lebensformen bedeutet nicht unbedingt, über Sex zu sprechen. Es geht hier vor allem darum, unterschiedliches Zusammenleben zu zeigen, also unterschiedliche Arten von Partnerschaft und Familien. Nicht um eine immer frühere Aufklärung von Kindern über sexuelle Praktiken.

„They Are Our Dead“: LGBTQ Latinos Speak Out After Orlando. Die allermeisten Opfer sind Latinos, davon die meisten Puerto Ricaner. Und wer ist, zumindest in meiner Welt, der berühmteste puerto-ricanische Schwule? Genau: Ricky Martin, der sich geäußert hat: „The tragedy that occurred in Orlando hurts me in so many ways. It hurts me as a man, as a human being, and as a gay person. I am in pain, I am sad, I am angry.“

L.G.B.T. People Are More Likely to Be Targets of Hate Crimes Than Any Other Minority Group. So die Situation in den USA. Warum die Angriffe in Deutschlands Statistiken wohl unterschätzt werden, steht hier.

Orlando Taught Me That I Need Queer Culture and Community. Surprise, surprise: Nicht alle LGBT-Leute schlagen sich die Nächte in irgendwelchen Gay-Clubs um die Ohren. Mitgemeint waren sie bei den Morden trotzdem. Dazu passt dieser ältere Text: I Was Born Homosexual. I Chose to Be Gay.

Die Flitterwochen sind längst vorbei. Die Ehe allein bringt keine Gleichberechtigung. Das zeigt sich jetzt in den USA, wo es noch genug andere Gesetze, vor allem im Arbeitsrecht. I look at you, North Carolina.

LGBT-Geschichte in den USA in Tweets:

In EM-Zeiten schadet dieses Video nichts:

Lesestoff zu LGBT in China, Flüchtlingen und der AfD

Die unsichtbaren 70 Millionen
Die chinesische Gesellschaft ist traditionell stark auf Familie ausgerichtet. Ab Mitte Zwanzig ist Schluss mit Welpenschutz: Wer nicht langsam heiratet, muss sich zumindest an Neujahr und am Nationalfeiertag neugierige Fragen von Verwandten gefallen lassen. Das ist dumm für Lesben und Schwule.

Doch zumindest an politischer Front geht die Sonne im Osten auf (hust):

Woher kommt diese scheinbare Toleranz einer Führung, die unlängst Feministinnen verhaften ließ, die gegen häusliche Gewalt demonstrierten? Vielleicht liegt es daran, dass es sich hier um Individuen handelt und nicht um Gruppen, die auf offener Straße Missstände anprangern.

Die menschliche Grenze
Irgendwann die letzten Wochen rauschte folgender Witz so oder so ähnlich in einer Timeline vorbei: Was gibt es in Deutschland noch mehr als 80 Millionen Bundestrainer? Flüchtlingsexperten.

Aber was außer schimpfen, Köpfe schütteln und gescheit daherreden, könnten wir aka Regierung tatsächlich tun? Immer wieder läuft es, hört man Fachleuten zu, auf eines hinaus: Kontingente. Der Unterschied zur Obergrenze scheint dann vor allem der Weg zu sein, über den Flüchtlinge kommen:

Denn die gegenwärtige Politik der buchstäblichen Ein-Wanderung fördert ja in Wahrheit die Starken und benachteiligt die Schwachen. Sie dient nicht vordringlich denen, die Hilfe, Schutz, medizinische Versorgung am nötigsten brauchten: Familien mit Kindern, Waisen, Kranken, Alten. Sie nützt vor allem denen, die Kraft haben und Geld und Beziehungen. Nicht zufällig sind es so viele junge Männer, die zu uns kommen: weil sie die besten Chancen haben, sich durchzuschlagen.

Die Hassprediger

Titelgeschichte des aktuellen Spiegels über die AfD, gelesen und – huch – bezahlt bei Blendle. Analyse zu den Parteispitzen, Gefolgschaft, Einfluss. Höhepunkt ist die abstruse Rechtfertigung der stellvertretenden Vorsitzenden von Storch, bei Facebook explizit bejaht zu haben, dass an Grenzen auch auf Frauen und Kinder geschossen werden soll:

Während Petry ihr Schusswaffeninterview noch in der morgendlichen Presselage am Montag hartnäckig verteidigt habe, berichten Parteifreunde, habe Storch ohne Umschweife zugegeben, „Mist gebaut“ zu haben. Dabei hatte erst Storchs Facebook-Notiz, wonach man an der Grenze auch auf Frauen mit Kindern schießen könne, die Empörung so richtig entfacht. Sie habe Petry „doch nur helfen wollen“, sagte sie später, es tue ihr furchtbar leid. Der Post sei auch ein „technischer Fehler“ gewesen, sie sei auf ihrer Computermaus „abgerutscht“.

Lesenswertes: gay ’n‘ gender

EXCLUSIVE: Undercover At NOM’s Anti-Gay Student Conference

Ein junger, schwuler Mann schreibt seit einiger Zeit gegen eine US-Organisation NOM, die gegen die Homo-Ehe ist. Eben diese Leute richten eine Konferenz aus. Eher aus Spaß bewirbt sich xxx, in der Annahme nicht eingeladen zu werden, da nach einem Googeln klar ist, das er eines auf keinen Fall ist: Ein Freund. [Update: xxx steht für den Blogger Carlos Maza von „Equality Matters – A Campain for Full LGBT Equality“].

Doch er wird eingeladen. In seinem Bericht der vier Tage in San Diego bloggt er über den kleinen Schritt zwischen der Verweigerung der Ehe für Homosexuelle und anti-schwul-lesbisch-bi-und-was-auch-immer-nicht-Mann-Frau-Kind. Er zeigt Fotos und Audio-Aufnahmen, die er gemacht hat.

I told them I was a practicing Catholic (false) who recently graduated from Wake Forest University (true), where I was a member of the university’s debate team (true). I told them that I worked with my mom at a computer software company in Miami, FL (false) but was planning to move to Washington, DC in order to be closer to my long-term college girlfriend (absolutely false). I also claimed to have found out about ITAF through the Ruth Institute’s YouTube page (true), which I was browsing to learn more about how to defend traditional marriage (could not be more false).

Was mich Gender kümmert

Der Physiker Joachim Schulz erläutert sein Interesse an Genderforschung und warum statistische Unterschiede keine Aussage pro oder contra nature oder nuture treffen:

Ein Satz wie „Mathematik ist nichts für Mädchen“ oder „Männer können nicht zuhören“ wird nicht dadurch richtig, dass es in Mathematikfähigkeiten oder Einfühlungsvermögen messbare Gender-Unterschiede im Mittelwert gibt. Solche Sätze können aber Menschen demotivieren. Vor allem, wenn sie als wissenschaftlich fundierte Tatsachen dargestellt werden.

Pro Homo

Barack Obama hat sich für die Homoehe ausgesprochen. Endlich also. Obama hat nach seiner Wahl 2008 nämlich einige Unterstützer enttäuscht, gerade auch auch Homosexuelle. Die dachten nämlich, mit Obama hätten sie jemand auf ihrer Seite im Weißen Haus. Seine persönliche Haltung war aber nie klar.

Es dauerte drei Regierungsjahre, viele Diskussionen und Schlagzeilen auf den Titelseiten bis Homosexuellen offiziell in der Army dienen dürfen. Die Abschaffung dieser Regelung, die unter dem Namen “Don’t ask, Don’t Tell” bekannt ist, war bitte nötig. Jetzt also die Ehe, pünktlich zum Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen im November – aber: „Who cares? Mehr als Symbolpolitik kann Obama sowieso nicht machen, denn ob Homosexuelle heiraten dürfen ist Sache der einzelnen Bundesstaaten. Und die Ehe ist da nur die Spitze des Eisberges. Diskriminierung und Benachteiligung gibt es in den allermeisten Staaten auch bei der Adoption, dem Arbeitsmarkt und anderen Bereichen, wie die Grafik des Guardian zeigt. USA-weit könnte eine Entscheidung nur kommen, wenn die Streitfrage irgendwie an den Obersten Gerichtshof übergeben wird. Da sitzt mit Sonia Sotomayor mindestens eine Person, die auf jeden Fall positiv abstimmen würde.

Die Tatsache, dass Obama sich aber in dieser Frage, die neben der Abtreibung eine der großen kulturellen Debatten in den USA ist, endlich positioniert hat, ist sicherlich auch der massiven Kampagnenarbeit von LGBT-Organisationen wie der Human Rights Campaign und vielen anderen geschuldet (Zugegeben, es gibt auch genug Kampagnen der Gegenseite). Mit bunten Videos, die Unmengen an “Fuck”s beinhalten, sammelt zum Beispiel FCKH8 (“Fuck Hate”) Geld und Aufmerksamkeit:

 

Lesenswertes: Naher und ferner Osten

China Rises and ChessmatesHou Yifan ist 16 und die neue Weltmeisterin im Schach. Das sei ein Zeichen, wie China in sein Humankapital, vor allem auch dem weiblichen investiert, denn Schach ist wirklich kein verbreitetes Spiel, weniger als ein Prozent der Bevölkerung spielt es. Dennoch gab es in den letzten zwanzig Jahren vier Weltmeisterinnen aus China. Die New York Times nimmt das zum Anlass, um klar zu stellen, dass Chinas Erfolg nicht nur ein Produkt von Währungsmanipulation ist:

“Cynics sometimes suggest that China’s rise as a world power is largely a matter of government manipulation of currency rates and trade rules, and there’s no doubt that there’s plenty of rigging or cheating going on in every sphere. But China has also done an extraordinarily good job of investing in its people and in spreading opportunity across the country. Moreover, perhaps as a legacy of Confucianism, its citizens have shown a passion for education and self-improvement — along with remarkable capacity for discipline and hard work, what the Chinese call “chi ku,” or “eating bitterness.”

Verbotene Liebe – Das Souk Magazine berichtet vom Leben Homosexueller im Nahen Osten, das so gut wie immer ein Versteckspiel vor der Familie und der Gesellschaft ist. “Homosexualität gibt es nicht im Nahen Osten. Das behaupten zumindest die meisten Personen hier, die Regierungen, die religiösen Führer, die Familienväter. Sie stört das traditionelle Bild einer kinderreichen arabischen Familie derart, dass in Ländern wie Ägypten, Syrien oder Saudi-Arabien Homosexualität oft als Krankheit bezeichnet wird.”