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Katharina Brunner

Bloggin' since 2007

Ableiten und Null setzen: Wie Mathematik Ideologie sein kann

Der Mathematiker Claus Peter Ortlieb spricht mit dem Wirtschaftsmagazin “Brandeins” darüber, wie die Mathematik von der Volkswirtschaftslehre eingenommen wird – und er das gar nicht gut findet. Ortlieb forscht zu mathematischen Modellen. Wie in allen Gesellschaftswissenschaften gibt dort aber das Problem, dass keine Experimente durchgeführt werden können. Einmal Griechenland nur zu Probe aus dem Euro schmeißen, um zu schauen, wie sich das auswirkt, ist nicht drin. “Die Zahlen beruhen nicht auf Erfahrung, sie sind eine reine Prognose und das Ergebnis von mathematischen Modellen”, so der Mathematiker.

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Sonstige Themen, des relativ langen, wahnsinnig interessanten Interviews: Wie die Mathematik in den letzten Jahrhunderten immer wichtiger wurde, warum Noten keine große Aussagekraft haben und dass konkrete Zahlen bei der Klimaerwärmung wissenschaftliche Hypothesen nicht umfassend ausdrücken.

Aber zurück zur VWL und Ortliebs Aussagen dazu.

Über die Volkswirtschaftslehre und ihr Verhältnis zur Mathematik und Naturwissenschaften:

Die herrschende Volkswirtschaftslehre ist eigentlich eine bloß noch mathematische Disziplin, sie erstellt mathematische Modelle, die man real nie nachbauen könnte und die trotzdem verwendet werden, um auf deren Grundlage Berechnungen anzustellen und komplexe ökonomische Vorgänge auf wenige Zahlen zu reduzieren. Auch dort wird versucht, das Reale mit dem Unmöglichen zu beschreiben. Im Prinzip ist das derselbe Vorgang, nur kann man die Ableitungen aus Annahmen des mathematischen Modells, das ja nichts anderes ist als ein fiktiver Idealzustand, nicht im Experiment mit der Wirklichkeit verbinden, so, wie es die Naturwissenschaften können. Schon aus diesem Grund ist es legitim zu bezweifeln, dass man in der Volkswirtschaft überhaupt Mathematik einsetzen darf. Dazu kommt, dass ökonomische Prozesse letztlich von Menschen gemacht werden und nie naturgesetzlich ablaufen. Menschen haben immer Entscheidungsfreiheit. In den Naturwissenschaften ist es möglich, von Gesetzmäßigkeiten auszugehen und Prozesse eindeutig determinierbar zu beschreiben, wenn ich ihre Bedingungen kenne. Sobald der Mensch ins Spiel kommt, ist das anders, erst recht, wenn sein Verhalten im komplexen gesellschaftlichen Raum betrachtet wird. Geschichte wird gemacht. Sie ist kein Naturprozess, der einfach so abläuft. Die neoklassische Lehre blendet das aus und kommt zu absurden Ergebnissen.

Über Märkte:

Das geschieht etwa dadurch, dass die per se anzweifelbare mathematische Methode innerhalb der Volkswirtschaftslehre auch noch falsch angewandt wird. Die neoklassische Lehre vom Markt etwa wird fälschlicherweise vom Gütermarkt auf andere Märkte übertragen. Der Gütermarkt wird über Angebot und Nachfrage beschrieben. Angebot ist eine monoton wachsende Funktion des Preises und Nachfrage eine monoton fallende Funktion des Preises. Diese beiden Linien kreuzen sich irgendwo, und da entsteht das Gleichgewicht, auf das sich der Markt einstellt. Der Anschaulichkeit halber wird das mit dem berühmten Bild eines Marktplatzes beschrieben, auf dem sich Anbieter und Nachfrager treffen und die Preise aushandeln. So fangen alle VWL-Lehrbücher an, die sich kreuzenden Linien der Funktionen aus Angebot und Nachfrage bilden das sogenannte Marshall-Kreuz, das jeder VWL-Student kennt. Und dann der Fehler: Dieses Modell wird auf Teufel komm raus auf alle möglichen Situationen angewandt, etwa den Arbeitsmarkt.

Warum die Annahmen des Gütermarktes nicht unbedingt auch für den Arbeitsmarkt gelten:

Im Niedriglohnbereich ist die Annahme einer monoton wachsenden Angebotsfunktion nicht korrekt. Wenn ich die Löhne senke, muss jemand, der davon leben will, mehr arbeiten, um auf dieselbe Summe zu kommen. Die Modellannahme geht aber davon aus, dieser Jemand würde dann weniger arbeiten, weil der Einsatz seiner Arbeitskraft für ihn nicht attraktiv ist. Das geht an der Wirklichkeit vollkommen vorbei, wird aber einfach so behauptet und als Argument gegen Tarif-oder Mindestlöhne herangezogen. Wenn diese zu hoch angesetzt würden, könne sich das Gleichgewicht nicht einstellen, und es entstehe Arbeitslosigkeit. Das ist die herrschende Auffassung der neoklassischen Volkswirtschaftslehre. Man kann Bücher von Harvard-Professoren lesen, die, bezogen auf den Arbeitsmarkt, so argumentieren, obwohl sie hundert Seiten vorher in einem anderen Modell nachgewiesen haben, dass die Annahmen keineswegs erfüllt sind.

Über Mathematik als Ideologie:

Man kann sich jedenfalls schwer vorstellen, dass jemand das aus Versehen macht, schon gar nicht, wenn es sich um ein Buch handelt, das inzwischen in der dritten Auflage erschienen ist. Die neoklassische Lehre der Volkswirtschaft geht von einer Art Harmonielehre der Märkte aus. Wenn man die Märkte sich selbst überlasse, stelle sich alles zum Besten ein. Zum Beleg dieser Meinung werden Scheinargumente benutzt, die sich der Mathematik bedienen und sie missbrauchen, um Ideologie zu transportieren. Die Mathematik eignet sich hierfür sehr gut, weil sie die Erfolgsgeschichte der exakten Naturwissenschaften auf ihrer Seite hat und in Bezug auf Exaktheit das Maß aller Dinge ist. Was mathematisch exakt berechnet wurde, kann doch nicht falsch sein. Deswegen vertrauen viele Menschen auch den Informationen, die in Gestalt von Zahlen daherkommen. Zahlen scheinen vordergründig leicht nachvollziehbar, gerade auch in wirtschaftlichen Zusammenhängen.

Warum das BIP als Maß für Wirtschaftsleistung kaum etwas aussagt:

Es ist zum Beispiel im Grunde irrsinnig, die Wirtschaftsleistung Deutschlands auf eine einzige Zahl zu bringen, das Bruttoinlandsprodukt, das dann jedes Jahr wachsen muss, damit die Welt in Ordnung ist. Die Zahl als solche ist vergleichsweise nichtssagend im Vergleich dazu, was hinter dieser Zahl an menschlichem Handeln steht.

Nochmal der Link: Die Welt lässt sich nicht berechnen. Schlauer Mann.

Lesenswertes: Regeln, Systeme und (keine) Ideologien

Freifahrt – Da das Internet ja an allem Schuld ist, kann es als Sündenbock mittlerweile für so ziemlich alles gebraucht werden. Politiker schlagen deshalb immer wieder, zum Teil groteske Regulierungen vor, die die Netzaktivisten jedes Mal erbost von sich weisen: “Und trotzdem darf dies alles kein Grund sein, Augen und Ohren davor zu schließen, dass Veränderungen auch vor dem Netz nicht Halt machen werden”, schreibt Johnny Häusler auf Spreeblick in seinem Text.

Ich bin davon überzeugt, dass es im Netz neben den glitzernden Hauptstraßen auch immer die dunkleren Seitengassen, die nur halb legalen Rotlicht-Viertel, die Indie-Läden und die Drogendealer geben wird – wie in jeder Stadt auch. Man wird immer finden, was man will, wenn man weiß, wo man suchen muss. Ich mache mir keinerlei Sorgen darum, dass das Netz zu einem klinisch sauberen Ort werden könnte, der keinen Platz mehr für Spinner und Absurditäten lässt, für Abgedrehtes und Absonderliches und für das, was nun wirklich nur drei echt ziemlich schräge Leute interessiert. Das Netz besteht schließlich aus Menschen. Die machen das schon.

Ich bin aber auch ziemlich sicher: Das anarchistische Internet ist tot. Und es wurde nicht allein von regulierungswütigen Politikern oder Wirtschaftbossen getötet, sondern vielleicht auch von der Realität seiner verschiedenen Entwicklungen, von der Tatsache, dass es schon lange kein elitärer Klub mehr ist, sondern ganz einfach eine Erweiterung des öffentlichen Raums. Und für einen solchen kann das Hoffen auf Selbstregulierung kaum genügen.

Wenn die unten nicht mehr wollen – Mal wieder ein Text, der sagt, dass Begriffe wie “links” und “rechts” ausgedient haben. Wir stehen nun, so Arno Widmann im Tagesspiegel, nach dem Ende des Kommunismus, der Finanzkrise usw. an einem Wendepunkt, an dem sich ein Systemwechseln ereignen wird. Elementare Dinge eines politisches Systems wie die Frage der Partizipation und Wirtschaftsform sollen sich erheblich ändern. Wichtig dabei: Wie kann mit möglichst geringem Schaden geschehen?

Es geht nicht darum, Einstürze, Bankrotts also, zu verhindern. Es geht darum, sie möglichst früh, also möglichst kostengünstig passieren zu lassen. Das ist sicher keine linke Idee. Das ist aber auch keine rechte Idee. Das ist vernünftig. Es ist das Vernünftige, das schwer zu tun ist. Besonders in einem Land, das Jahrzehnte lang marode Industrien durchgefüttert, ganze Landstriche miternährt hat, ein Land also, das sich in Ost und West daran gewöhnt hatte, dass es irgendwie schon funktionieren wird.

Shoplifters of the World Unite – Slavoj Žižek  schreibt über die Ausschreitungen in London. Dass es keine politischen Forderungen gab, sieht er in einer Linie darin, dass nach dem Zusammenbruch des Kommunismus eine ideologielose Zeit begann:

The fact that the rioters have no programme is therefore itself a fact to be interpreted: it tells us a great deal about our ideological-political predicament and about the kind of society we inhabit, a society which celebrates choice but in which the only available alternative to enforced democratic consensus is a blind acting out. Opposition to the system can no longer articulate itself in the form of a realistic alternative, or even as a utopian project, but can only take the shape of a meaningless outburst. What is the point of our celebrated freedom of choice when the only choice is between playing by the rules and (self-)destructive violence?