So sieht die Zukunft aus! (Vielleicht).

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„Wie wir leben werden“ ist ein ehrgeiziges Buch. Es geht schließlich über die Zukunft.

Matthias Horx, der Gründer des Think-Tanks Zukunftsinstitut, schreibt aber nicht 250 Seiten Zukunftsvision, vielleicht 15 bis 20 Prozent befassen sich wirklich mit konkreteren Ideen vom Leben in ein paar Jahrzehnten. Viel mehr wabern seine Vorstellungen über den einzelnen Kapiteln, die mit Begriffen wie Geburt, Familie, Wohlstand, Kriege und Katastrophen bis zum Tod überschrieben sind. Die verschiedensten Lebensbereiche betreffen jede Person.

Zu Beginn war ich nicht besonders überzeugt, bis ich das Buch nicht mehr mit dem Gedanken ein Zukunftsbuch zu lesen in die Hand genommen habe, sondern kleine Essays über verschiedene Themen. Gefallen haben mir  vor allem die Teile, in denen historische Entwicklungen aufzeigt und es dann schafft den Bogen logisch über die Gegenwart in die Zukunft zu schlagen.

So schreibt Horx über Zukunftsideen Anfang des 20. Jahrhunderts. Die technologische Revolution, die besonders die Kommunikation beeinflusst hat, konnten sich anscheinend Menschen ganz gut vorstellen. Was auch daran liegt, dass gerade Technologie besonders linear entsteht, schreibt Horx. Auf der anderen Seite trieften die Texte von Horx’ Vorgängern vor hundert Jahren vor Rassismus und Überlegenheitsgeschichten.

Unvollständige Zusammenfassungen von ein paar Themengebieten (Interessanterweise, sind die meisten meiner Notizen Historisches).

Wohlstand

  • Warum konsumieren wie wild und lassen uns auf den Konsumterror ein? Drei Gründe zählt Horx auf:
  1. Wir sind einfach Jäger und Sammler
  2. Der Kauf eines iPhones bringt ein soziales Upgrade mit sich (zumindest so lange, bis es fast alle haben).
  3. Konsum verändert die Rollenstrukturen in einer Gesellschaft: Nicht mehr der Stand ist entscheidend für Privilegien.
  • Horx geht von sogenannten postmateriellen Ökonomiekreisläufen aus. Güter werden weniger gekauft als “angeboten”, was durch das englische Wort “provide” besser ausgedrückt wird, und so zum Beispiel vom Kunden nur noch für die benötigte Zeit gemietet.
  • In einer Wissensgesellschaft, die viele Arbeiten aussourct, wird sich eine Unterschicht, die nur schwer zurechtkommt, kaum vermeiden lassen.

Krieg und Katastrophen

Globale Auseinandersetzungen sollen nicht mehr so strukturiert ablaufen: Fronten an der Grenze zwischen zwei Ländern gehören der Vergangenheit an und territoriale Eroberung deshalb nicht mehr das Ziel eines Krieges. Stattdessen sollen Netzwerke der Zerstörung, die wie Verbrecher agieren, sollen dann Netzwerken des Wissens gegenüberstehen. Horx ist Realist genug nicht auf ewigen Frieden zu hoffen, aber Optimist genug, sich einen dominanten Frieden vorstellen zu können.

Politik

  • Links vs. Rechts haben in ausgedient und sind Schuld daran, dass eine Lieblingsbeschäftigung von allen ist, auf Politiker zu schimpfen: „Das was wir „Politikverdrossenheit“ nennen, ist nichts anderes als das logische Resultat dieses bipolaren Versagens. Linke wie Rechte stehen wie Ochsen vorm Berg der Zukunft. Sie scharren mit den Hufen, muhen und sehnen sich lautstark und polemisch nach einer vergangenen Zeit. Sie appellieren, drohen, heben die Zeigefinger früher oder später gegen den Bürger“
  • Eine existenzielle Frage für globale Zukunft lautet: Wer bestraft in Zukunft diejenigen, die den Nichtbestrafer nicht bestrafen? Denn sobald sich komplexere Gesellschaften entwickeln, also alles, was über 20, 30 Personen hinausgeht braucht irgendeine Form von neutralen Institutionen. Entscheidend für das Zusammenleben ist es dann nämlich, dass nicht nur eine Strafe gibt, wenn gegen Regeln verstoßen wird, sondern auch, wenn es jemanden gleichgültig, ob jemand anderer Regeln ignoriert.
  • Schweinegrippe, EHEC und so soll’s auch weitergehen: Eine Gefahr geht in Zukunft von Hysterischen Epidemien aus, die Angst und Panik in Gesellschaft schüren.

Natürlich muss es nicht so geschehen, aber warum denn auch nicht?

Zum Buch: Matthias Horx, Wie wir leben werden, Campus

Lesenswertes: Berlin und Angst

Berlin oder: Wie viel Hippness verträgt eine Stadt? Immer wieder begneten mir während der letzten zwei Monate in Berlin Beschwerden über Touristen. Erstaunt und erbost gleichzeitig berichteten Berliner über die Gentrifizierung ehemals heruntergekommener Stadtteile wie dem Prenzlauer Berg (aber das brauche ich euch Internetmenschen, deren Mekka das ja ist, nicht zu erzählen). Caro schreibt über die Entwicklung als Touristikstudentin von einem professionellem Blickpunkt aus.

Angstallergie – Als der Stab um den US-Präsidenten Barack Obama live die Eroberung von Osama bin Laden verfolgte, unterschied sich die einzige Frau am Tisch, Außenministerin Hillary Clinton, klar von den Männern: Sie hatte die Hand vor dem Mund, offensichtlich aus Erschrecken, Angst oder Anteilnahme. Egal, jedenfalls ist es eine klare Gefühlsregung. Clinton selbst verwies auf Heuschnupfen. Miriam Meckel beschreibt, warum es nicht schlimm ist, wenn Politiker Gefühle zeigen, die Öffentlichkeit und Politiker aber von einer Angstallergie beherrscht werden.

Globalisierung 3.0: Die flache Welt

Thomas Friedman ist Kolumnist bei der New York Times. Er beackert die großen außenpoltischen Fragen und hat sich dem Thema Globalisierung angenommen. In “Die Welt ist flach – Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts” versucht er sich, die Welt in Zeiten des Internets und weltumspannender Kommunikation zu erklären. In großen Teilen macht er das gut und plausibel. Seine zentrale These ist: “Die Mitspieler [der Globalisierung] haben die gleichen Voraussetzungen. Das Spielfeld wird eingeebnet.“

Die erste Phase der Globalisierung war die Zeit der Kolonialreiche, als Nationen sich auf der ganzen Welt ausbreiteten. Danach, so zwischen 1800 und 2000, war die Zeit der global agierenden Unternehmen. McDonalds und Coca-Cola sind da nur die Aushängeschilder von Firmen, deren Markt die ganze Welt ist. Seit etwa dem Jahr 2000 ist die dritte Welle der Globalisierung im Anrollen. Jetzt sind es die Individuen, die miteinander kooperieren und konkurrieren.

Für Friedman sind für diese Einebnung der Welt zehn Faktoren verantwortlich, die sich grob in drei Themengebiete einteilen lassen: Politische Veränderungen, Internet und Computer, und veränderte Unternehmensstrukturen.

Der Fall der Mauer war der erste wichtige, und einzig politische Schritt. Interessant fand ich die Feststellung, dass totalitäre Systeme ein Informationsmonopol brauchen. Genau das versucht ja der chinesische Staat mit der (Internet-)zensur zu halten.

Dazu kommt der Start des Netscape-Browsers, der PC-Laien erlaubte, das Internet zu benutzen. Der Workflow konnte durch Software und allgemeine Standards verbessert werden, schließlich braucht man sich zB heute keine Gedanken darüber machen, ob der andere ein Word-Dokument öffnen kann. Diese Frage stellt sich einfach nicht mehr; Word ist Standard (Alter!).  Außerdem die Open-Source-Bewegung, Wikipedia, Blogger usw.

Auf Unternehmensebene veränderten das Outsourcing (klar beschränkte Aufgabe von einem anderen Unternehmen durchführen lassen, z.B. Kundenservice in indischen Callcenters), Offshoring (ganze Fabriken verlagern) und Insourcing (Logistik der Wertschöpfung wird von externen Dienstleistern unternommen, beispielsweise hat sich Nike ganz auf die Entwicklung neuen Schuhwerks konzentriert und hat mit der Logistik seiner Waren nichts mehr zu tun) die Geschäftswelt. Das Meisterstück sind globale Wertschöpfungsketten, die perfekt aufeinander abgestimmt werden. Und der Spitzenreiter ist (oder war zumindest zum Zeitpunkt als das Buch 2007 geschrieben wurde) Walmart das größte Unternehmen der Welt, das kein einziges Produkt selbst herstellt. Stattdessen hat es eine super-effiziente Wertschöpfungskette, die schwer zu kopieren ist.

Zum ersten Mal erfuhr ich dem Buch von einem positiven Aspekt der Dotcom-Blase Ende der 90er Jahre. Massive Überinvestitionen in Glasfaserkabel führten dazu, dass nach dem Platzen der Blase, viel zu viele Kabel in die Erde gelegt wurden. Das heißt: Das Angebot war größer als die Nachfrage, die Firmen mussten als den Preis für die Datenübertragungen senken. Deshalb wurde dann langsam schnelles Internet und Flatrates auch für kleinere Unternehmen und Privathaushalte erschwinglich.

Thomas Friedman ist Journalist bei der New York Times. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich. Es ist großartig, weil er unterhaltsam schreibt, mit Leuten gesprochen hat und das Buch wie eine Reportage über 600 Buchseiten daherkommt. Immer wieder kommen Unternehmer, Manager und Arbeitnehmer aus aller Welt zu Wort, die beschreiben, wie sich die Globalisierung auf ihr Geschäft auswirkt. Vor allem seine zehn Faktoren für die Einebnung der Welt stellt er so überzeugend dar.

Danach schreibt er auch darüber, was das für Menschen und Staaten bedeutet, die einfach nicht mitmachen können. Was da raus kommen kann, sieht man an den Revolutionen in Nordafrika.

Nach der Hälfte des Buches machen die ständigen Beispiele das Buch sehr langatmig. Fast hat man das Gefühl Friedman musste die Seiten irgendwie füllen. Vor allem gegen Ende merkt man, dass sich das Buch für den amerikanischen Markt geschrieben ist. Sehr pathetisch wird es wenn es um das Thema 11.September und Terrorismus geht, was ja auch gerade nur wegen der flachen Welt möglich war: Osama bin Laden organisierte “eine globale Wertzerstörungskette”.

Meine Empfehlung lautet daher: Lest das Buch, es erklärt großartig, wie die Globalisierung auf Individuen wirkt. Die zweite Hälfte des Buches ist nicht schlechter als die erste, hätte jedoch auch mit weit weniger bedruckten Seiten auskommen können.

Schön ist übrigens immer wieder in Texten, die fünf bis zehn Jahre alt, sind Lobeshymnen auf Irland und Schimpftiraden auf den deutschen Arbeitsmarkt zu finden.

Thomas L. Friedman, Die Welt ist flach Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts, Suhrkamp, 764 Seiten

Lass uns mal ne Runde unterdrücken: Die Angst Chinas vor seinen Bürgern

Der Economist legt in seiner aktuellen Ausgabe dar, warum die aktuelle Verhaftungswelle zu einem Zyklus gehört, der 2008 begann. Seitdem werde die politische Freiheit in China immer weiter eingeschränkt. Dafür gebe es drei Gründe:

1) In den letzten Jahren ging das Regime gegen Topanwälte vor. “Als erstes lässt man die Anwälte verschwinden”, sagte auch Lorenz Lorenz-Meyer bei seinem Vortrag “Die Rückkehr des Politischen in China” bei der diesjährigen Re:publica.

2) Der aktuelle Zyklus ist seit dem Jahr 2008 am Laufen – also schon seit drei Jahren. Los ging es im Frühjahr 2008 mit den Unruhen in Tibet, im Sommer folgten die olympischen Spiele in China, bei denen sich das Reich der Mitte im besten Licht darstellen wollte – Kritiker konnte man da nicht brauchen und die Hoffnung, dass sich Olympia positiv für die Demokratiebewegung auswirken könnte, löste sich in Luft auf. Auch das Erdbeben in Sichuan 2008 führte zu Repression, die auch Ai Weiwei spürte, der das Augenmerk besonders auf die Kinder lenkte, die wegen schlecht gebauten Schulgebäuden sterben mussten. Außerdem jährte sich das Massaker am 4. Juni 1989 am Tiananmen-Platz zum 20. Mal. Auch bei der Expo in Shanghai letztes Jahr konnte die kommunistische Partei keine Kritik brauchen.

3) Die Methoden des Staates verschärft: Leute verschwinden einfach – so wie Ai Weiwei und viele andere – und Gewalt ist an der Tagesordnung.

Mittlerweile gibt der chinesische Staat mehr Geld für die innere Sicherheit aus als für das Militär – viel geht dabei in die Überwachung des Internets. Die Great Firewall ist dabei nur die Spitze des Eisberges.

Lorenz Lorenz-Meyer stellte in seinem Vortrag “Die Rückkehr des Politischen in China” die zwei Sichtweisen zum Internet und autokratischen Systemen dar. Die Optimisten glauben, dass Bürgerbewegungen durch das Internet im Allgemeinen und die sozialen Netzwerke im Besonderen profitieren. Die Pessimisten sind der Meinung, dass autokratische Systeme genauso schnell wie die Kritiker lernen die sozialen Netzwerke für ihre Zwecke zu nutzen.

In China passiert beides: In Blogs können Privatpersonen Missstände öffentlich machen. In China muss dabei aber die ausgefeilte Zensur umgangen werden. Praktisch läuft das dann so ab, berichtete Lorenz-Meyer, dass Blogger Accounts bei verschiedenen Plattformen haben und ihre Beiträge überall raufstellen. Denn damit steige die Wahrscheinlichkeit, dass ein Beitrag durch die Zensur kommt. Eine Studie zufolge gebe es nämlich große Unterschiede in der Stärke der Zensur.

Lorenz-Meyer erklärte auch, dass es leichter für Journalisten und Blogger sei, über Probleme zu berichten, die nicht in der eigenen Provinz herrschen. “Dann hat man nämlich nicht mit mit den lokalen Zensurbehörden zu tun”, so Lorenz-Meyer. Die Internetzensur in China hat nämlich zwei Zweige: Zum einen gibt es Zensur auf lokaler Ebene, bei der Behörden dezentral unliebsame Inhalte entfernen. Daneben gibt es aber auch noch Propaganda- und Sicherheitsbehörden, die denselben Job landesweit machen.

Im Grunde zeigt die Entwicklung die Angst der chinesischen Führungsriege vor seinen Bürgern. Während Kritik auf lokaler Ebene zum Teil geduldet wird, wenn es gegen die Zentralregierung geht, versteht die kommunistische Partei keinen Spaß mehr. Gerade auch ein Jahr bevor die Führungsriege der Nation ausgetauscht wird. Dazu kommen wirtschaftliche Entwicklungen  – hohe Inflation, die Gefahr einer Immobilienblase – die den “Faustian Deal” – Wohlstand im Tausch gegen Freiheit – in Gefahr bringen und die Angst vor Unruhen wachsen lassen.

Die digitale Gesellschaft: Aktivisten fürs Internet

In Berlin hat sich letzte Woche die Digitale Gesellschaft gegründet. Grob gesagt, ist das eine Interessensvereinigung für das Internet. Ihre Themen sind die großen Diskussionen in Sachen Internetpolitik: Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität, Urheberrecht und Datenschutz. Sie wollen auch mehr offene Daten in Deutschland und transparente Strukturen bei Lobbyisten.

Markus Beckedahl von Netzpolitik.org hat den Verein auf der Re-publica vorgestellt. Diskussionen gab es, weil der Verein nicht offen für jeden ist, sondern mit einem geschlossenen Kreis an Menschen die Arbeit beginnt. Der Grund ist einfacher: Zu viele Menschen diskutieren viel (und verderben den Brei – ich hasse Sprichwörter) und zu einer Lösung zu kommen wird schwierig. Es war absehbar, dass genau das auch angegriffen wird – so war es dann auch. Eigentlich alle Fragen aus dem Publikum gingen in die gleiche Richtung: Warum kann nicht jeder beitreten? Wird sich der Verein öffnen? Läuft da alles transparent ab?

Es hatte schon etwas komisches, wie die Fragesteller genau den Grund lieferten, warum der Verein mit einer festen Zahl an Leuten startet (später kann er sich öffnen, meinte Beckedahl): Mit einer großen Gruppe von Leuten ist es schwer effizient zu arbeiten.  Und wie ich eben sah, dreschen viele, viele Kommentare auf dem Blog der Digitalen Gesellschaft in dieselbe Kerbe, aber auf eher beleidigendem Niveau. Ich vermute, das ist ein solcher Shitstorm von dem auf der Republica in den letzten Tagen so viel geredet wurde (da geilen sich die Kommentatoren zum Beispiel daran auf, dass am Sonntag um 7 Uhr morgens niemand die Kommentare moderiert – erbärmlich, da ist es wirklich besser, da sie die Leute nicht mitmachen lassen).

Die digitale Gesellschaft will in Zukunft Kampagnen schalten und startet mit “Warum?”-Fragen, zum Beispiel:

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Ich finde es gut, dass sie auch das Thema Lobbyismus aufgegriffen haben. Im Grunde will ja auch die digitale Gesellschaft das gleiche machen: Einfluss auf die Politik und die öffentliche Meinung nehmen. Das ist ja auch legitim und ich finde es großartig, wenn sich die Gegenseite der “bösen” Lobbyisten professionalisiert. Denn wenn man schon bedauert und schimpft, dass die Unternehmen und die Wirtschaft zu viel Einfluss, zu viel Geld und zu viele ihrer Leute in Berlin und Brüssel haben, dann sollte man dieser Armada am besten so effizient wie möglich entgegentreten. Ich halte die digitale Gesellschaft für einen guten Anfang.

Atomenenergie ist wie Russisches Roulette mit einer AK47

Samstagmorgen im Sommer. Ich bin acht Jahre alt und suche mit meinem Papa und meinem Bruder Schwammerl im Wald. Ich hatte nicht wirklich Spaß an der Sache, das lange Gehen, steil war es noch dazu und eigentlich mochte ich Pilze nicht wirklich.  Wir waren aber ziemlich erfolgreich: Wir fanden Dobernigel, Rehgeissal und Pfifferlinge. Nur die Giftigen und Ungenießnbaren ließen wir im Wald: Fliegenpilze natürlich, die jedes Kind kennt, aber auch Bitterlinge. Und Maronennatürlich, denn die hatten bei dem Reaktorunfall in Tschernobyl besonders viel Strahlung abbekommen und auch Jahre danach war es besser sie lieber nicht zu essen. Sogar noch im letzten Sommer – mehr als 20 Jahre nach dem GAU in Tschernobyl – warnte der Bayerische Rundfunk davor Wildpilze zu essen.

Nicht weit weg vom Dreiländereck Deutschland-Österreich-Tschechien, in der Nähe von Budweis, steht das größte tschechische Atomkraftwerk Temelin. Immer wieder gab es dort Störfälle, Ungereimtheiten und Probleme (tagesschau-Reportage: Das Wort „Problem“ ist im AKW Temelin unbekannt). Zu Beginn des neuen Jahrtausends demonstrierten immer wieder Leute für die Schließung des AKWs, in Österreich gefährdete die Temelinfrage fast den EU-Beitritt Tschechiens. Interessanterweise waren viele nicht gegen Atomenergie im allgemeinen, sondern nur gegen das AKW in Tschechien, wo die Sicherheitsrichtlinien lascher sein sollten. Generell ist die Meinnung nach meinem Eindruck: Lieber Strom aus sicheren deutschen AKWs als aus veralteten Anlagen sowjetischer Bauart. Ach ja, Temelin soll weiter ausgebaut werden.

Doch was nun? In Japan galten die AKWs als sicher, modern und mit hoher Ingenieurskunst gebaut. Hat alles nichts geholfen! Denn im Endeffekt ist Atomenenergie der Wahnsinn. Es passieren die ganze Zeit unglaubliche Sachen, wieso nicht auch eine Verkettung unglücklicher Umstände, die zu einem GAU in Deutschland führen? Naturkatastrophen sind in Deutschland nicht so wahrscheinlich (aber natürlich, ein Restrisiko bleibt, hat uns ja die Atom-Lobby gelehrt). Flugzeugabstürze dagegen sind eine reale Gefahr, so der bayerische Umweltminister Markus Söder. Und es passiert einfach ein Kurzschluss, worauf hin die Notstromversorgung nicht anspringt und es fast zu einer Kernschmelze kommt – so wie 2006 in Schweden.

Söder im Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

SZ: Muss man über die Laufzeitverlängerung jetzt noch einmal reden?

Söder: Japan verändert alles. Auch bei mir. Daher ist es ist in Ordnung, wenn man die eigenen Positionen hinterfragt. Die Laufzeitverlängerung ist nur dann vertretbar, wenn Sicherheit absolute Priorität vor Wirtschaftlichkeit hat. Es braucht einfach noch einmal eine grundlegende Debatte über alle möglichen Risiken und Schutzmechanismen dazu.

Mögliche Risiken Das lustige und perfide an der Sache ist ja, dass man nicht alle möglichen Risiken herausfinden kann. Es können Zufälle passieren: ein Kurzschluss, dann funktioniert die Notstromversorgung nicht, vielleicht macht jemand auch einfach einen Fehler, möglicherweise geschieht etwas Unerklärliches oder bei der Wartung wird geschlampt. Dieses „Restrisiko“ mit dem sich die Atom-Lobby jahrzehntelang hinter statistischen Berechnungen vor den Argumenten der Atom-Gegner versteckt haben, ist jetzt in Japan eingetreten.

Zum berühmten Restrisiko:  (Ich wage hier mal einen Vergleich, von dem ich nicht weiß, ob er auch technisch in der Realität funktioniert.) Atomenergie zu nutzen, ist wie einzuschlafen mit der Mündung einer AK 47 an der Schläfe, von deren Patronen jedoch nur eine funktioniert und der Abzug nur betätigt wird, wenn Schnüre, die im Zimmer wirr aufgehängt sind, in einer ganz besonderen Reihenfolge gezogen werden. Dass es dazu kommt ist unwahrscheinlich, aber ruhig schlafen könnte ich nicht – dieses verfluchte Restrisiko mal wieder.

Die Atomkraftwerke an sich sind nur ein Teil der Unischerheit, der andere ist die Endlagerung. Dort wird  ganz klassisch mit Verdrängung gearbeitet. Ich stelle mir das ganze so vor:

AKW-Mensch I: „Wir haben hier radioaktive Abfälle und wissen nicht was wir damit tun sollten. Kann ziemlich gefährlich werden, hoffentlich erst in ein paar tausend Jahren. Aber so genau weiß das ja niemand.“

AKW-Mensch II: „Ich weiß das so nen leerstehenden Salzstollen. Lass uns das Zeug einfach da runter bringen. Gott sei Dank, haben wir Deutschen neben den sichersten AKWs auch die sichersten alten leerstehenden Salzstollen.“

AKW-Mensch I: „Gute Idee! Aus den Augen aus dem Sinn.“ (Gemeine Bösewichtlache.)

So, und dann vergräbt man das Zeug als in einem Salzstock, in den Wasser eindringt. Und dabei sollen die ja da am Besten noch tausende Jahre liegen.  In der Wikipedia heißt es zum Versuchsendlager Asse: „Eine erneute Überprüfung des Inventars zeigt 2010 zusätzlich zu den bisher angenommenen ca. 1.300 weitere 14.800 undeklarierte Fässer, somit insgesamt 16.100 Abfallbehälter mit mittelradioaktivem Müll.“ 16 000 Fässer liegen also nur mal so zum Versuch, zum Testen?! WTF!

Jetzt ist es Zeit, denn Atomausstieg endlich wieder rückgängig zu machen. Und wenn in einem anderen Industrieland plötzlich eine Katastrophe nach der anderen passiert, geht es plötzlich ganz schnell: Sieben AKWs will die Regierung bis auf unbekannte Zeit abschalten. Leider ergreift mich das Grfühl, dass es sich dabei weniger um eine überzeugte Tat handelt, als die Angst vor den Landtagswahlen in Baden-Würtemberg. Aber darüber sehe ich hinweg, denn das ist jetzt die Chance den Atomausstieg wieder rückgängig zu machen.

Wir brauchen nicht darum herumreden: Atomenergie ist billig und effizient. Aber damit stehen wir vor einem ähnlichen Dilemma wie nach der Finanzkrise – wenn alles gut geht, ist alles fein, wenn aber was schief läuft, dann ist die Kacke kräftig am Dampfen. Mit dem Unterschied: Eine Wirtschaftskrise zerstört nur Geld und Existenzen, Atomunfälle töten Menschen.

Unbedingt lesen: Die Göttlichkeit der Atommaschine nach menschlichem Ermessen

Lesenswertes: Freie Bildung und kostenloses Kopieren

Das Wunder von Mauritius – Freie Bildung für alle, eine kostenlose Gesundheitsversorgung und dann wächst das BIP auch noch seit 30 Jahren um mehr als fünf Prozent jährlich – Saxendi, wo gibt’s denn so was? Der Nobelpreisträger für Ökonomie Joseph Stiglitz zeigt: Mitten im Pazifik. „Die Mauritier haben einen Weg gewählt, der zu einem höheren Grad gesellschaftlichen Zusammenhalts, Wohlstands und Wirtschaftswachstums führt – und zu einem geringeren Grad an Ungleichheit.“ Ohne Öl, Diamanten oder andere Ressourcen, blieb dem Land nur eines über: Der Aufbau von Humkapital.

Zwei Wochen deutsches Psychodrama – Wer immer noch nicht genug hat von Doktorarbeiten, Freiherren und allem, was da so dazugehört, dem sei der Text von Nils Minkmar empfohlen. Er bezeichnet die ganze Chose als „zeitlich begrenzte Episode klinischen Wahnsinns“.

Das intellektuelle Eigentum in Zeiten des Internets* – Und gleich nochmal die FAZ, und gleich nochmal indirekt Guttenberg. Im Blog Deus Ex Machina geht es darum, wie sich die wissenschaftliche Arbeit in den letzten Jahren geändert hat. Das Kopieren lässt sich mit wenigen Tastenkombinationen ausführen und ich zweifle an der Existenz von Leuten, die bei Referaten in den letzten Jahren nicht bei Wikipedia abgekupfert haben. Das ist die eine Seite, doch das zeigt, dass geistiges EIgentum nicht wertgeschätzt wird, was eigentlich ja doch ziemlich dumm ist:

„Vielleicht ist es also tatsächlich nicht die Gelegenheit, sondern der mangelnde Respekt vor gedanklicher Arbeit. Geradezu grotesk mutet es an, daß ausgerechnet unsere Gesellschaft, die ihren Wohlstand mehr als jede Generation vor uns aus geistiger – statt aus manueller – Arbeit bezieht, den laxen Umgang damit zum Prinzip erhebt. Es will mir nicht in den Kopf, wie wir den dreisten Diebstahl industrieller Ideen durch die Chinesen verdammen, die Bildungsrepublik für alle gesellschaftlichen Schichten ausrufen können; aber dann geistiges Eigentum in jener Disziplin, die quasi das Mutterschiff geistigen Eigentums ist, mit Füßen treten.“

Lesenswertes: Multikulti und Therapie

“Nerv’ mich doch!” – Es gibt Texte, die sind sehr klug und sehr wahr. Ich zitiere ja häufig Texte, aber hier möchte ich am liebsten den ganzen Artikel kopieren. Malte Welding über Integration und Multikulti.

“Merkel erklärt Multikulti für gescheitert“ titeln die Zeitungen und für mich klingt das, als habe Angela Merkel gerade den Sommer verlängert, den Winter abgesagt oder die Wiedereinführung der Kinderlähmung beschlossen. Kann die Kanzlerin die Wirklichkeit in die Schranken weisen? Die Realität ist gescheitert, wir brauchen eine andere.

Wer an die Homogenität der Deutschen glaubt, der glaubt auch, Homosexualität sei eine Erfindung der Grünen. Wir sind in Wirklichkeit eine höchst zufällige Ansammlung von Einzelwesen, kein Volk von eineiigen Mehrlingen und das waren wir auch nie.”

“Mein Leben mit dem Therapeuten” – Jetzt.de sprach mit jungen Menschen, die in Therapie sind. Noch immer haben Menschen mit Depressionen oder Angststörungen mit Stigmatisierung zu kämpfen. “ Die Zahl der psychisch bedingten Krankschreibungen bei Erwerbspersonen hat in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent zugenommen habe. Es werden immer mehr Menschen psychisch krank, aber trotzdem redet niemand über diese Krankheiten?”

Keine Gewalt ist AUCH eine Lösung

Trotz Terrorismus, Afghanistan und Amokläufen – wir leben in friedlichen Zeiten. In Europa, Amerika und Ozeanien gibt es keine Kriege, weite Teile Afrikas und Asiens sind friedlich. Kriege zwischen Nationen sind absolute Ausnahmen. Während im Mittelalter noch jeder 35. Mensch eines gewaltsamen Todes starb, teilt dieses Schicksal heut nur einer aus 100 000. Begonnen hat diese Entwicklung mit der Aufklärung, mit der grausame Bestrafungen und Sklaverei langsam endeten. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt der Psychologe Steven Pinker den historischen Rückgang der Gewalt.

Hat denn die Zahl der Konflikte abgenommen?

Pinker: Es gibt heute noch einen Halbmond der Kriegsgebiete, der sich von Afrika über den Nahen Osten bis nach Südostasien zieht. Aber diese Kriege haben eine andere Qualität. Warlords und Milizen richten numerisch keinen so großen Schaden an wie Armeen, die Artilleriegranaten auf die Städte des anderen schießen. Das ist ja auch eine Erkenntnis, die sich noch nicht durchgesetzt hat – Kriege zwischen Nationen gibt es fast keine mehr. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren die Kriege mit den wirklich großen Opferzahlen der Koreakrieg, der Vietnamkrieg und der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges ist selbst die Zahl der Bürgerkriege zurückgegangen.

Warum glauben wir dann, dass wir in so brutalen Zeiten leben?

Pinker: Das ist zum einen eine Frage der Wahrnehmung. Wir vergessen einfach viel. Niemand erinnert sich noch daran, wie grausam die siebziger Jahre waren. Da gab es den Völkermord in Kambodscha, den Unabhängigkeitskrieg in Bangladesch, Ägypten, Syrien und Jordanien führten Krieg gegen Israel. So schlimm es im Nahen Osten auch zugehen mag – es gibt keine Kriege zwischen Ländern mehr.

Und zum anderen?

Pinker: Ist es eine Frage der Aufmerksamkeit. Medien folgen zunächst einmal schlechten Nachrichten. Wenn jemand friedlich im Schlaf stirbt, ist das eben keine Nachricht – wenn er nicht berühmt war. Der menschliche Geist zieht statistische Schlüsse aber nicht aus Zahlen, sondern aus Dingen, die seine Aufmerksamkeit erregen, die im Gedächtnis bleiben, die man mit eigenen Augen sehen kann. Wenn man die Bilder eines Terroranschlags oder eines Amoklaufs sieht, hat man den Eindruck, wir leben in furchtbaren Zeiten.