Mindestens haltbar bis: Das Verfallsdatum des Online-Journalismus

Eine zufällig ausgewählte Nachricht: Es ist Juli 2005, die SPD stimmt sich auf den Wahlkampf ein und ändert deshalb das Design seines Logos. Anstatt Blau ist der Hintergrund des roten Logos nun Beige, genauer gesagt Umbrafarben. Der Artikel ist fast zehn Jahre alt, aber nach wie vor ohne Probleme auf Spiegel Online zu finden. Doch: Wen interessiert das?

In Teil 2 der Serie über die Ökonomie des Online-Journalismus es genau darum: Was ist das Verfallsdatum von Online-Journalismus?

[blue_box] Die Frage nach der Finanzierung von Online-Journalismus beschäftigt Journalisten und Manager in Verlagen genauso wie all jene, die sich ohne diese traditionelle Organisationen aufmachen, Journalismus im Web anzubieten. Alle haben sie aber dasselbe Problem: Online-Journalismus ist ein schweres Geschäft. Dieser Text ist der zweite Teil einer mindestens vierteiligen Serie, die sich mit der Ökonomie des Online-Journalismus beschäftigt.
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Die wichtigsten Punkte

  • Journalismus im Internet ist digital. Diese Feststellung ist trivial, hat aber weitreichende Folgen für die wirtschaftlichen Eigenschaften. Eine davon: die Haltbarkeit.
  • Aus technischer Sicht sind alle digitalen Güter unendlich lang haltbar, denn sie können mühelos immer wieder kopiert und nahezu kostenlos auf Servern bereitgehalten werden.
  • Aus journalistischer Sicht sind Nachrichten allerdings nur sehr kurz haltbar; gerade im Internet beschleunigt sich die Berichterstattung immer weiter. Wen interessiert die Eilmeldung von vor einer Stunde?

Keine physischen Speicher mehr

Bis vor wenigen Jahren war die Haltbarkeit von digitalen Gütern abhängig von ihren physischen Trägern. Musik auf einer CD, ein Film auf einer DVD und eine Masterarbeit auf einer Festplatte waren genau so lang speicher- und damit konsumierbar, wie die Lebensdauer dieser Trägermedien. Diese können recht unterschiedlich ausfallen: 50 bis 80 Jahre bei CDs, DVDs sollen mit bis zu 100 Jahre funktionieren. Festplatten im laufenden Betrieb dagegen haben mit einer erwarteten Haltbarkeit von zwei bis zehn Jahren keine lange Lebenszeit. Die Haltbarkeit dieser Speichermedien ist damit endlich, die Haltbarkeit der darauf befindlichen digitalen Güter dagegen potenziell unendlich, schließlich kann ja eine mp3-Datei einfach von einer CD auf die nächste überspielt werden.

Foto: Luis Fernández García

Foto: Luis Fernández García

Doch wer verwendet denn noch CDs?

In den letzten Jahren werden digitale Güter vermehrt ohne physische Medien als Träger verkauft und konsumiert: Musik bei Spotify oder iTunes, Filme, Texte. (Anbieter brauchen mit Servern jedoch weiterhin ein physisches Speichermedium). Diese, wie Rayna es formuliert, potenziell unendliche Haltbarkeit ist damit eine reale Eigenschaft geworden: „Kein anderes wirtschaftliches Gut, außer Information und Boden, hat eine solche Eigenschaft.“

Wie oft kaufe ich eine Datei, wenn sie ewig haltbar ist?

Wenn ein Gut unendlich haltbar ist, wird ein rationaler Konsument dieses Gut nur einmal erwerben. Man kann es ja schließlich immer wieder verwenden. Die Folge: Die Nachfrage geht zurück. Gründe, die in der Vergangenheit dazu führten, dass Konsumenten trotzdem ein Gut mehrmals erwarben, gelten bei digitalen Gütern nicht mehr: Sowohl Verschleiß als auch eine Veränderung der Technologie, wie der Übergang von VHS zur DVD, können durch Kopien umgangen oder verhindert werden. Diese Kopie ohne Qualitätsverlust, die sogenannte vollständige Replizierbarkeit, hat zwei Konsequenzen:

  1. Die Güter sind langlebig
  2. Die Güter sind öffentlich (Thema von Teil 3)

Das ist schlecht für die Anbieter, deren Marktmacht sinkt. Wirtschaftsnobelpreisträger Ronald Coase schreibt: „Bei kompletter Haltbarkeit ist der Preis unabhängig von der Anzahl der Anbieter und entspricht deshalb immer dem Wettbewerbspreis.“ Coase durchdenkt diese Situation aus der Sicht eines (monopolistischen) Landbesitzers, denn – siehe oben – nur Land und Information sind haben a priori kein Verfallsdatum. Die optimale Strategie wäre laut Coase, das Land nicht zu verkaufen, sondern zu vermieten. Das unendlich haltbare Gut wird damit weniger haltbar: Es erhält ein Verfallsdatum. Konsumenten haben deshalb nicht mehr den Anreiz, einen Kauf nach hinten zu verschieben, um auf einen günstigeren Preis zu warten.

Eine alternative Strategie ist die geplante Obsoleszenz, um die Haltbarkeit eines Gutes zu verringern: Die Qualität eines Gutes sinkt nach einer gewissen Zeit oder ein besseres Substitut kommt auf den Markt.

Was bedeutet das für den Online-Journalismus?

Die grundlegende Eigenschaft von langlebigen Gebrauchsgütern erfüllt der Online-Journalismus: Inhalte können beliebig oft kopiert werden. Sie sind damit theoretisch unendlich lange haltbar. Text markieren und copy – paste – copy – paste – copy – paste – paste – paste – paste …

Gleichzeitig gibt es im Journalismus den Effekt in die gegensätzliche Richtung, den die Redensart „Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern“ zusammenfasst: Auch wenn eine einzelne Einheit des Gutes Online-Journalismus unendlich haltbar ist, heißt das nicht, dass der Leser den Konsum unendlich nach hinten verschieben will. Denn Journalismus ist nicht nur ein digitales Gut, sondern auch ein Informationsgut.

Bis vor wenigen Jahren war die Haltbarkeit von Journalismus leicht zu beziffern: ein Tag. Angenommen eine Zeitung berichtet exklusiv (und man lässt die Berichterstattung im Rundfunk außen vor), konnte ein Konkurrenzblatt erst am kommenden Tag ebenfalls berichten – das entspricht, wenn man so will, der Haltbarkeit des Trägermediums Papier.
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Im Internet hat sich diese Reaktionszeit erheblich verkürzt, Geschwindigkeit wird von Sorge sogar als „wichtigste Währung“ bezeichnet: „Eilmeldungen“ und „Echtzeitjournalismus“ lassen als eigenständige Formen der Berichterstattung auf eine immer kürzer werdende Haltbarkeit schließen.

Im Online-Journalismus kommt es also zur paradoxen Situation, dass die Inhalte gleichzeitig unendlich lange haltbar und doch nur sehr kurz aktuell sind. Wer sieht sich Eilmeldungen von vor fünf Jahren an? Oder einen Text über eine neue Farbe im SPD-Logo?

Fazit

Die Tatsache, dass Online-Journalismus digital ist, macht einen Artikel technisch unendlich langlebig.

Die Tatsache, dass der Artikel Information enthält, macht ihn zu einem kurzlebigen Verbrauchsgut.

[blue_box]In den kommenden Woche werde ich weitere Texte zur Ökonomie des Online-Journalismus veröffentlichen. Sie sind modifizierte Varianten meiner Masterarbeit – und damit robuste digitale Güter. [/blue_box]

Literatur

  • Coase R.H. (1972), Durability and monopoly, in: Journal of Law and Economics 15 (1), 143- 149
  • Klein, L. R. (1998), Evaluating the Potential of Interactive versus Experience Goods, in: Journal of Business Research 41, 195-203
  • Quah, D. (2003), Digital goods and the new economy, Centre for Economic Performance, London School of Economics and Political Science, Discussion Paper 563 (pdf)
  • Rayna, T. (2008), Understanding the Challenges of the Digital Economy: The Nature of Digital Goods, Communications & Strategies 71 (3), 13-36 (pdf)
  • Shapiro, C., Varian, H. (1998). Information rules, Harvard Business School Press, Boston
  • Sorge, P. (2014), Echtzeitjournalismus in der Kritik, in: Politik, Medien, Öffentlichkeit, Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung 22-23/2014

Old School Blogging

Matthias findet, ich sollte wieder mehr bloggen. Ich finde, er hat recht.

Zum Thema schreibt Ezra Klein bei Vox:

But blogging, for better or worse, is proving resistant to scale. And I think there are two reasons why.

The first is that, at this moment in the media, scale means social traffic. Links from other bloggers — the original currency of the blogosphere, and the one that drove its collaborative, conversational nature — just don’t deliver the numbers that Facebook does.

(…)

The other reason is that the bigger the site gets, and the bigger the business gets, the harder it is to retain the original voice.

Nun beide Gründe haben mit meinem Blog eigentlich nichts zu tun, Skalierung lag nun wirklich nie in meinem Interesse. Doch, auch mich befällt gelegentlich die „nostalgia for old-school blogging“, wie Klein es bezeichnet. Ob dem auf wirklich regelmäßig Blogposts folgen, sei dahingestellt: Am Montag beginnt meine erste Festanstellung.

Podcasts: Immer schön rein in die Nische

Neunetz-Blogger Marcel Weiß gründet Podcast-Netzwerk: “Sie sind ein persönliches Medium” // von Katharina Brunner

My Podcast Set I (Bild: Patrick Breitenbach, [CC BY 2.0], via Flickr)

Wenige Minuten, bevor sich die Tech-Community diese Woche über die chinesische Übersetzerin im Livestream des Apple-Events echauffieren konnte, hat der Blogger Marcel Weiß auf seinem Blog Neunetz.com verkündet: “Ich starte heute ein neues Podcast-Netzwerk“. Der Satz stand am Ende einer Lobeshymne auf Podcasts: “Im Grunde verhilft die Mischung aus Podcast und Smartphone dem Talkradioformat zu einem neuen goldenen Zeitalter.


Warum ist das wichtig? Podcasts sind Nischenprodukte. Das ist gut so.

  • Marcel Weiß will seine Podcasts unter Neunetz.fm refinanzieren.
  • Das Netzwerk besteht bisher aber vor allem aus Weiß und seinen Gästen.
  • Der Sportjournalist André Voigt gilt als Paradebeispiel für den Erfolg von Podcasts.

Weiß zählt Podcasts auf, deren Hörerschaft pro Folge in die Tausende geht. Er selbst erreiche mit Neunetzcast 1500 Hörer, ein anderer Podcast über Online-Handel, bei dem sich Weiß mit Exciting-Commerce-Gründer Jochen Krisch unterhält, hätte etwa 1000.

Weiß scheint seine Podcasts professionalisieren zu wollen. Die ersten Schritte: Eine eigene Webseite und ein eigener Name. Unter neunetz.fm residieren ab sofort drei verschiedene Formate: Feste Gespräche mit Johannes Kleske oder Markus Angermeier, Gespräche mit Gästen und kurze Beiträge zu aktuellen Themen.

Gängigste Form der Finanzierung: Werbejingles zu Beginn der Episoden

Wenn Weiß seinen Text mit “goldenem Zeitalter” überschreibt, ist der Sprung zur Finanzierung nur ein kleiner. Und tatsächlich will Weiß mit neunetz.fm Geld verdienen. Schließlich, so schreibt er, “muss der Aufwand refinanziert werden“. Einen Vermarktungspartner habe er schon gefunden. Man kann davon ausgehen, dass in Zukunft Werbung zu Beginn der Episoden geschaltet wird – die gängigste Form der Monetarisierung für Podcasts. Auch andere deutschsprachige Podcasts haben eine solche Finanzierung, wie zum Beispiel Geek-Week.de, in deren Episoden zu Beginn ein Werbe-Jingle läuft.

Weiß nennt neunetz.fm ein Netzwerk. Ein Begriff, der im Zusammenhang mit Podcasts gerne verwendet wird, um verschiedene Formate unter einer Dachmarke zusammenzufassen. Bekannt ist das amerikanische Podcast-Netzwerk 5by5, in dem sich über 30 Gesprächsshows über Technologie sammeln. In Deutschland sind zum Beispiel das Küchenstudio und die Metaebene von Tim Pritlove bekannt. Bei Neunetz.fm dreht sich bisher alles um Weiß, dessen etwas hektische Sprechweise im Radio keine guten Chancen hätte.

Weiß’ Neunetz.fm ähnelt eher dem Talkformat von Ben Thompson, dessen Blog Stratechery zu den Top-Adressen für Analysen digitaler Geschäftsmodelle gehört. Thompson vermarktet nicht nur seinen Podcast, in dem er sich mit seinem alten Uni-Freund James Allworth über die Tech-Branche unterhält. Etwa zeitgleich zum Podcast ist ein Membership-Programm gestartet, bei dem sich Leser für 100 oder 300 US-Dollar pro Jahr Zugang zu täglichen Updates oder E-Mail-Kontakt zu Thompson kaufen können.

Doch nicht nur in der Tech-Filterblase können diese Talkshows erfolgreich sein. Ein Beispiel: Andre “Dré” Voigt, ehemaliger Basketball-Profi und Sportjournalist, der mit Got Nexxt zu den erfolgreichsten Sport-Podcasts in Deutschland gehört. Got Nexxt richtet sich an “Basketball-Nerds”, wie sich Voigt auch selbst bezeichnet. Er hat eine treue Anhängerschaft: Zweimal haben sie ihm bereits die Fahrt zu Finalspielen in der amerikanischen Basketballliga finanziert, damit er von dort berichten kann.

Basketball: Podcast ebnet Weg zum Magazin

In diesem Sommer hat er wieder eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Monatlich können ihn seine Hörer unterstützen, die Summe ist egal. Dafür bekommen sie Zugang zu einem ergänzenden Magazin: “Der Podcast wird immer kostenlos sein“, sagt Voigt. Das Ergebnis: 3000 Euro pro Monat. Diese Zahlungsbereitschaft führt Voigt auf die Nähe zurück, die durch den Podcast entsteht: “Die Leute haben eine Vorstellung von dir, es entsteht ein Bild im Kopf, auch wenn das natürlich nicht komplett der Wahrheit entspricht“, sagt Basketball-Journalist Voigt. Auch Tech-Blogger Weiß stellt fest, dass Podcasts den Draht zum Publikum enger werden lassen: “Sie sind ein persönliches Medium – ich wurde in den letzten Jahren öfter auf meine Podcasts als auf die Texte von mir angesprochen.

Vor ein paar Wochen beklagte sich Ole Reißmann bei Spiegel Online, dass Podcasts in der Nische feststecken würden. Ja, das tun sie, und das ist gut so. Denn dorthin gehören sie – weit hinein in die Nische. Der Schritt Richtung Massenmedium würde bloß die Inhalte verwässern oder verkürzen. Wo sonst gibt es Platz, um sich über eine Stunde lang über die Auszeichnungssprache Markdown oder Wechselgerüchte in der NBA zu unterhalten?

Du bist auf der Suche nach guten Podcasts? Haken Tanriverdi hat für kleiner3 vor ein paar Monaten sieben Stück empfohlen.


Teaser & Image by Patrick Breitenbach (CC BY 2.0)


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Lieferheld, Lieferando und Co: Die Ökonomie der Online-Lieferdienste

Delivery Hero hat für knapp 300 Millionen Euro Pizza.de übernommen: Ein Blick auf die wirtschaftlichen Grundlagen der Online-Lieferdienste. // von Katharina Brunner

Kitty vegan pizza surprise (Bild: Lisa Brewster [CC BY 2.0])

Platz Eins: Delivery Hero. Platz Sechs: Takeaway.com. Als der Blog tech.eu Anfang August eine Rangliste der größten Finanzierungsrunden in Europa dieses Jahres veröffentlichte, waren gleich zwei Plattformen für Online-Lieferdienste vertreten. Verwendet haben beide Firmen die Investorengelder wohl für Übernahmen auf dem deutschen Markt: Takeaway.com kaufte Lieferando, Delivery Hero übernimmt, wie am gestrigen Donnerstag bekannt wurde, Pizza.de.


Warum ist das wichtig? Der Online-Lieferdienst Delivery Hero aus Berlin übernimmt den Konkurrenten Pizza.de aus Braunschweig.

  • Online-Lieferdienste stehen als Vermittler zwischen Kunden und Restaurants
  • Restaurants subventionieren über die Provision die Kunden
  • Marktstruktur begünstigt Firmen mit großen Marktanteilen

290 Millionen Euro soll Pizza.de gekostet haben, wie Gründerszene berichtet. Die insgesamt 173 Millionen US-Dollar aus zwei Finanzierungsrunden im Januar und April hat das Unternehmen aus Berlin dafür verwendet. Takeaway.com bekam 102 Millionen US-Dollar an Investorengeldern.

Eine solche Konsolidierung durch Aufkäufe kommt häufig auf zweiseitigen Märkten vor, auf denen die Online-Lieferdienste auch operieren. Zweiseitige Märkte bedeuten: Mit Restaurants und Kunden sind zwei verschiedene Nutzergruppen beteiligt, die sich gegenseitig beeinflussen können. Delivery Hero oder Takeaway.com tritt als Vermittler zwischen Käufer und Verkäufer auf und verlangt dafür von den Restaurants eine Provision.

Diese Markt-Konstellation ist allerorten anzutreffen: Bei sozialen Netzwerken, bei Betriebssystemen oder Kreditkarten. Ihnen ist gemeinsam, dass es für zwei unterschiedliche Benutzergruppen günstig ist, wenn die jeweils andere Gruppe wächst.

Indirekte Netzwerkeffekte zwischen Kunden und Restaurants

Für Kunden von Lieferdiensten erhöht sich der Nutzen, wenn möglichst viele und möglichst unterschiedliche Restaurants ihre Dienste anbieten. Für die Restaurants wiederum macht es Sinn, sich bei Lieferheld, Lieferando und Co. einzutragen, weil sie damit viel mehr hungrige Menschen erreichen können. Diese gegenseitige Beeinflussung von Kunden und Restaurants über eine bestimmte Plattform bezeichnet man als indirekte Netzwerkeffekte, die typisch für zweiseitige Märkte sind.

Immer wieder beschweren sich Restaurants über die hohen Provisionen, die sie an die Online-Vermittler zahlen müssen. In München legen sie beispielsweise den Lieferungen Flyer bei, auf denen sie darum bitten, das nächste Mal direkt zu bestellen. Lieferheld soll laut Wirtschaftswoche im September 2013 die Provision auf 14 Prozent erhöht haben, eine Steigerung von zum Teil 50 Prozent.

Hohe Provisionen als Subvention der Kunden

Diese hohen Provisionen kommen daher, weil die Restaurants die Kunden subventionieren – indem die Vermittler die Preise für die Restaurants höher setzen als für die Kunden. Das ist ein typisches Muster bei zweiseitigen Märkten: Die Preise sind für diejenige Gruppe niedriger, die die höheren indirekten Netzwerkeffekte, also den größeren Einfluss auf die andere Gruppe hat. Im Falle der Lieferdienste sind das die Besteller. Angenommen, die Online-Lieferdienste würden einen Aufschlag von den Kunden verlangen, dann kann man davon ausgehen, dass Kunden anstatt über die Online-Plattform direkt telefonisch bei den Restaurants bestellen – und die Online-Liefer-Aggregatoren würden leer ausgehen. Genauso würde es für die Restaurants keinen Sinn machen, ihre Preise bei den Lieferdiensten zu erhöhen: “Als wir neulich um ein paar Cents aufgeschlagen haben, gingen uns sofort Aufträge verloren“, sagte ein Pizzabäcker im September 2013 dem Wirtschaftsmagazin Wirtschaftswoche. Stattdessen zahlen die Pizzabäcker, Curry- und Sushi-Zubereiter mehr, die, im Vergleich zu den Kunden, die geringeren Netzwerkeffekte aufweisen.

In Deutschland nur mehr zwei große Anbieter

Zweiseitige Märkte tendieren durch die Netzwerkeffekte zu einem “Winner takes it all”-Verhalten: Eine oder einige wenige Firmen haben einen sehr großen Marktanteil. Genau das lässt sich bei deutschen Lieferdiensten beobachten. Durch die Übernahme von Pizza.de durch Delivery Hero gibt es nur mehr zwei große Anbieter: Delivery Hero mit Lieferheld und Pizza.de sowie Takeaway.com mit Lieferando.

Um die starke Marktposition auch im Ausland zu festigen, will Delivery Hero weiter expandieren. Im Moment arbeitet Delivery Hero in 23 Ländern mit 75000 Partnerrestaurants zusammen. In Zukunft, so steht in der Pressemitteilung zur Übernahme, soll weiter expandiert werden: Nach Südamerika und Asien. Dort will sich das Unternehmen aus Berlin frühzeitig Marktanteile sichern, um die Eigenschaften der zweiseitigen Märkte auszunutzen.


Teaser & Image by Lisa Brewster (CC BY-SA 2.0)


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Wie der New Yorker die digitale Transformation schaffen kann

Das 1925 gegründete Magazin New Yorker erfindet sich digital neu. Fünf Gründe, warum die Transformation gelingen kann. // von Katharina Brunner

New Yorker (Bild: Tom Small [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Es ist schwer zu sagen, was der New Yorker im Internet macht. Sie posten die besten Texte nicht online – außer wenn sie es doch tun. Die besten Autoren bloggen nicht – oder doch“. Es war im Winter letzten Jahres, als das Literaturmagazin n+1 süffisant anmerkte, dass die Online-Strategie des New Yorker offenbar ist, keine Strategie zu haben. Das hat sich diese Woche geändert.


Warum ist das wichtig? Redesign, Paywall, offenes Archiv: Das Magazin New Yorker erfindet sich online neu.

  • Bisher hatte das Magazin “New Yorker” keine dezidierte Online-Strategie.
  • Der Verlag des New Yorker, Condé Nast, hat nun eine ganzheitliche Strategie gewählt.
  • Die Kombination verschiedener Eigenschaften lässt auf gute Erfolgschancen schließen.

In einem “Brief an die Leser” erklärt die Redaktion die Veränderungen: Alle Artikel seit 2007 sind online, teilweise auch Scans bis zurück ins Gründungsjahr 1925, es gibt zusätzliche Blogs. Dazu ein neues Design auf WordPress-Basis und bis zum Herbst ist alles frei zugänglich, danach kommt es eine Metered Paywall.

Fünf Gründe, warum es der New Yorker schaffen könnte, ein funktionierendes, digitales Geschäftsmodell zu finden:

1. Streber in Sachen Design

Die offensichtlichste Veränderung betrifft das Design der Webseite. Viele weiße Flächen, größere Schrift, fixe Navigation: Das Aussehen folgt den momentanen Design-Trends und gängigen Usability-Regeln, mit den typischen Schriftarten bleibt dennoch Individualität erhalten. Der Guardian schreibt metaphorisch: “Die Seite sieht immer noch aus wie der New Yorker, aber mit mehr Raum zum Atmen in der U-Bahn“.

Für die technische Umsetzung hat sich der Condé-Nast-Verlag für das Content-Management WordPress entschieden, wie schon bei Wired. Ein kluger Schachzug war dabei, den Webentwickler Michael Donohoe als Director of Product Engineering zu engagieren. Donohoe war bereits bei der New York Times tätig und zuletzt beim Launch des oft gelobten Wirtschaftsmagazins Quartz federführend dabei – auch dort wird WordPress genutzt.

Mit dem Redesign hat der New Yorker keine offensichtlichen Schnitzer in Sachen Usability erlaubt – auch weil sie dort genau wissen, dass das Auswirkungen auf den Erfolg der Paywall haben wird: “Es ist in unserem ökonomischen Interesse, das Lesen so leicht wie möglich zu machen, denn dann werden Leute lesen und die Texte teilen”, sagt Online-Redakteur Nicholas Thompson dem Magazin Capital.

2. Die Paywall hat mehrere Monate Vorlaufzeit

Ab Herbst soll eine Metered Paywall wie bei der New York Times gelten. Eine bestimmte Anzahl von Artikeln ist dann kostenfrei zu lesen. Wer mehr will, muss ein Abo abschließen.

Spannend ist dabei: In den kommenden Monaten will Condé Nast laut New York Times Daten sammeln, um die optimale Paywall zu installieren. Wie viele Texte sind frei? Sind nur Printartikel beschränkt oder auch Blogbeiträge? Was ist mit Podcasts oder Karikaturen? Sich mit dieser Entscheidung auf empirische Erhebungen zu verlassen, ist schlau.

Ökonomisch sind Metered Paywalls eine Preisdifferenzierung durch zwei verschiedene Versionen. Die Ökonomen Carl Shapiro und Hal Varian empfehlen in ihrem Standardwerk “Information Rules” bei einer solchen Konstellation zwei Regeln: Erstens, den Preis für die kostenpflichtige Variante nicht zu hoch ansetzen, um das Abo relativ gesehen attraktiver zu machen. Und zweitens, die Qualität des kostenlosen Angebots schlechter zu machen – also weniger Texte pro Monate zur Verfügung stellen. Wo diese Schwelle genau liegen sollte, kann aus den in der Zwischenzeit erhobenen Daten gewonnen werden. Man kann gespannt sein, wie der New Yorker die Preise und die frei verfügbare Menge setzt.

3. Die Bezahlschranke ist gut für die Leser

Erst die konsequente Ausrichtung des Verlags auf das Internet macht es möglich, dass wirklich alle Texte auch online zu finden sind. Ein größeres Angebot – also gut für die Leser.

Natürlich handelt der New Yorker nicht selbstlos: Das Archiv soll neue, am besten zahlende Kunden gewinnen; ältere Texte können wiederverwertet werden. Für Konsumenten ist das trotzdem vorteilhafter als bisher, die bisher von der New York Times als “unberechenbar” bezeichnete Auswahl der Texte aus der Printausgabe, die online gestellt wurden.

Dieses viel größere Angebot ruft die Kuratierer auf den Plan: In den letzten Tagen gab es bereits eine ganze Reihe von Listen, mit Texten, die man unbedingt lesen soll. Bei “The Awl” sind mehrere solcher Auflistungen aggregiert.


Eine Session auf dem New Yorker Festival 2011 beschäftigt sich mit dem Alltag im Magazin:


4. Grenzen innerhalb der Redaktion weichen auf

Der neue Kurs hat auch Folgen für die Redaktion, deren Trennung zwischen Print und Online zwangsläufig aufbrechen muss. Denn laut Capital werde an einer neuen Gehaltsstruktur gearbeitet, um der neuen Strategie gerecht zu werden. Für festangestellte Redakteure sind in den bisherigen Verträgen alle Blogbeiträge abgegolten. Das verändert sich gerade: 250 US-Dollar zahle das Magazin pro Blogbeitrag mittlerweile.

Auch beim für sein Fact-Checking bekannte Magazin, herrscht ein bisher ein klaren Ungleichgewicht pro Print: Von 15 Faktenprüfern ist nur eine Person für die Online-Ausgabe abgestellt. “Das ist wahrscheinlich immer noch einer mehr als allen anderen“, sagt Redakteur David Remnick zu Capital. Wenn nun künftig alle Artikel automatisch auch online erscheinen, bricht diese strikte Trennung auf.

5. Die Kombination macht’s

Beim New Yorker haben sich die Verantwortlichen dafür entschieden, den Schritt Richtung bezahlte Inhalte zu machen – und zwar ganzheitlich: Eine Paywall ohne wirklich nutzerfreundliches Design hat wahrscheinlich wenig Sinn, genauso wie tolles Aussehen der Webseite ohne die Texte aus dem gedruckten Heft.

Das Traditionsmagazin könnte verschiedene Eigenschaften auf sich vereinen, um die digitale Weiterentwicklung zu schaffen: Reputation und Qualitätsinhalte, nutzerfreundliche Webseite, ein globales Publikum. Und nicht zu vergessen: Noch immer verkaufen sich mehr als eine Million gedruckte Hefte pro Ausgabe – aus finanzieller Not handelt der Verlag deshalb wahrscheinlich nicht, sondern aus Weitsicht. Way to go, New Yorker!


Teaser & Image by Tom Small (CC BY-SA 2.0)


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Haucap über Monopole: Facebook ist gefährlicher als Google

Ist Google ein Monopol? Nein, findet die Monopolkommission. Ihr Mitglied Justus Haucap erläutert im Interview die Gründe. // von Katharina Brunner

Justus Haucap

Es ist die Frage, die in den letzten Wochen die Wirtschaftsmedien genauso bewegte wie die Feuilletons: Hat Google zuviel Marktmacht? Auch die Monopolkommission, ein beratendes Gremium der Bundesregierung, hat in ihrem Hauptgutachten 14 der über 800 Seiten dieser Frage gewidmet. Die klare Antwort: Nein, Google ist kein Monopol. Justus Haucap, Mitglied der Kommission, VWL-Professor und erklärter Gegner des Leistungsschutzrechts für Presseverlage, im Interview über Daten-Sammel-Maschinenen, Anti-Google-Stimmung und sein persönliches Schreckensszenario.


Warum ist das wichtig? Die Marktmacht Googles steht unter Beschuss. Justus Haucap, Mitglied der Monopolkommission, rät zu Besonnenheit.

  • Justus Haucap, Mitglied der Monopolkommission, sieht keinen Grund für eine Entflechtung Googles.
  • Die Anti-Google-Stimmung sei von einigen Medien-Konzernen hierzulande getrieben.
  • Bei Facebook sei die Gefahr größer, aber auch beim größten sozialen Netzwerk sei das Wachstum begrenzt.

Katharina Brunner: Soll Google zerschlagen werden?

Justus Haucap: Das ist keine gute Idee. Man muss sich zunächst fragen, was das genau bedeuten sollte. Eine eigentumsrechtliche Entflechtung hieße, dass Google zum Beispiel YouTube oder Google Maps verkaufen müsste. Aber wenn wir das in Europa anordnen, würde Google das überhaupt machen? Oder würde Google diese Dienste einfach in Deutschland oder Europa nicht mehr anbieten?

Was hieße das zum Beispiel für die Nutzer?

Wenn ich in Google “Wetter Freiburg” eingebe, dann zeigt mir Google sofort das Wetter in Freiburg an – ohne dass ich noch weiter klicken muss. Eine Entflechtung hieße, dass Google nicht mehr die Antworten auf diese Fragen geben darf, sondern nur noch Links zeigen soll. Darüber würden sich die Wettbewerber von anderen Wetterdiensten natürlich freuen. Aber für den Nutzer ist das eigentlich kein Vorteil. Man muss sich eher anschauen, ob man Schutzzäune um bestimmte Daten ziehen soll.

An welche Daten denken Sie da?

Perspektivisch sind das Google Car oder Google Glass, die ja Daten-Sammel-Maschinen für Google sind. Google möchte wissen, wann ich wo mit meinem Auto entlang gefahren bin und was genau ich mir angucke. Und da stellen sich zum einen starke datenschutzrechtliche Fragen, zum anderen aber auch: Führt das dann möglicherweise wirklich zu einer unangreifbaren Monopolstellung? Hat ein Konzern irgendwann so viele Daten, dass das kein anderer diesen Wettbewerbsvorteil reproduzieren kann? Dann haben wir wirklich so etwas wie ein Monopol, das vor Konkurrenz sicher wäre. Google wäre dann nicht durch Wettbewerber angreifbar und könnte nicht durch Wettbewerb diszipliniert werden. Da müsste man sich dann schon Gedanken machen, welche Grenzen man dem ggf. setzen will. Also: Welche Daten darf Google miteinander kombinieren? Braucht es dazu explizitere Formen der Einwilligung als momentan? Heute sind wir noch nicht soweit. Google Glass und Google Car sind ja noch Zukunftsmusik.

Wenn das Zukunftsmusik ist, heißt das, dass Google jetzt alles machen kann?

Nein, Google darf nicht unkontrolliert machen, was es will. Das haben wir ja zum einem durch das EuGH-Urteil gesehen, aber auch durch das Wettbewerbsrecht. Die Europäische Kommission und die Federal Trade Commission in den USA haben Google eine ganze Reihe von Zugeständnissen abgerungen. Ich denke, dass mit dem Kartell- und Datenschutzrecht bereits ein gewisser Hebel besteht. Das bestehende Recht kann vielleicht nicht jedes Problem jedes Bürgers und jedes Unternehmens lösen, aber das ist in absolut allen Rechtsgebieten so. Aktuell gibt es jedenfalls keine allzu gravierende Verwerfungen, die nicht durch das bestehende Recht adressiert werden könnten.

Wie erklären Sie sich dann die Anti-Google-Stimmung?

Der wahre Grund sind aus meiner Sicht einige Medien-Konzerne. Es ist eine recht ähnliche Koalition, die schon seit einigen Jahren versucht, das Leistungsschutzrecht zu etablieren, was auch in gewissem Umfang gelungen ist: Es gibt ein Leistungsschutzrecht, aber in sehr abgeschwächter Form verglichen zu den ursprünglichen Vorstellungen einiger Medienhäuser. Durch die Krise der Medienwirtschaft sind viele Einnahmequellen weggebrochen. Deswegen versuchen viele Verlage jetzt anders an Geld zu kommen. Und von wem wollen sie es haben? Natürlich in erster Linie von Google, denn bei Google gibt es viel zu holen.

Glauben Sie, dass die Beschwerde der VG Media beim Kartellamt erfolgreich sein wird?

Ich bin mir relativ sicher, dass das Kartellamt im Wesentlichen für Google entscheiden wird. Es ist für mich nicht vorstellbar, dass Google verpflichtet werden kann, Links und Snippets zu zeigen und dafür dann bezahlen muss – selbst wenn Google die Links und Snippets nicht gegen Bezahlung will. Das gibt das Kartellrecht nicht her – was auch richtig so ist: Ich kann nicht jemanden dazu zwingen, etwas zu bezahlen, wenn er es nicht haben will.

Könnte die Anti-Google-Stimmung auch politisch motiviert sein?

Die Presse ist sehr wichtig für die Politik, gerade der Springer-Verlag. Es gibt nur wenige Politiker, die es sich mit der Springer-Presse verderben wollen, was individuell-rational vielleicht ja auch nachvollziehbar ist. Ich finde es auch interessant, dass sich im Feuilleton der FAZ Robert Maier, der selbst Shopping-Portale betreibt, auf einer ganzen Seite ausbreiten darf. Das sind natürlich handfeste kommerzielle Interessen, die aber nicht unbedingt zum Vorteil der Verbraucher sind und auch Innovationen unterbinden.


Interview von Netzpiloten-Autor Gunnar Sohn mit Justus Haucap:


Was wäre Ihre ideale Lösung, um Google zu regulieren?

Google hat natürlich den Anreiz bei den Listungen die konzerninternen Inhalte zu bevorzugen. Das kann man nicht leugnen. Im Idealfall würde man das in allen Details permanent kontrollieren, aber das geht nicht.

Was ist eine Alternative? Eine Behörde?

Auf keinen Fall. Das ist mein Schreckensszenario. Da streiten dann die Gewerkschaftler mit denen von der Evangelischen Kirche, welcher Link weiter oben stehen soll. Das würde völlig die Dynamik herausnehmen. Google ändert seinen Algorithmus über 500 mal pro Jahr, solche Veränderungen sind wichtig, mit einer Behörde aber nicht machbar.

Was wäre dann Ihr Vorschlag?

Konkret sehe ich keinen Handlungsbedarf, der über die durchaus umfangreichen Aktivitäten der EU-Kommission hinausgeht. Sollten sich Belege erhärten, dass Google in der Zukunft Links diskriminierend behandelt, muss man erneut tätig werden. Die Lösung der Europäischen Kommission, die Links, die aus dem Google-Konzern kommen, farbig zu markieren, finde ich ganz gut. Letztendlich kann der Verbraucher dann entscheiden, ob er klicken will – genauso, wie er sich jetzt zwischen generischen Suchergebnisse und bezahlten Anzeigen entscheiden kann.

Wenn Google kein Monopol ist, ist dann Facebook eines? Die indirekten Netzwerkeffekte sind bei sozialen Netzwerken ja stärker.

Ja, es ist schwieriger Facebook anzugreifen, denn dazu müsste ein Großteil der sozialen Beziehungen auch zu einem anderen Netzwerk wandern. Zudem hat Facebook viel bessere Informationen über mich als Google. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass das nicht zwangsläufig ein dauerhaftes Monopol bedeutet. Aus der Vergangenheit sieht man, dass Leute ihre sozialen Netzwerke wechseln. Die VZ-Netzwerke sind in Deutschland ja auch völlig den Bach hinuntergegangen. Zudem gibt auch andere: Wenn ich etwas Seriöses, Professionelles brauche, dann gehe ich lieber zu Xing oder LinkedIn. Und dem Wachstum von Facebook sind Grenzen gesetzt – vor allem bei den unter 18-Jährigen, was soziologisch leicht zu erklären ist: Man tauscht sich ungern im gleichen Netzwerk wie die Eltern aus. Auch wenn man sich den Werbemarkt anguckt, ist Facebook noch wesentlich unbedeutender als Google. Ich rate daher zu einer entspannten, aber nicht unkritischen Sichtweise.

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WordPress: Spezialist oder Wollmilchsau?

Blogging-Plattform oder Content-Management-System? Mit dem Erfolg steigen die Anforderungen an WordPress – aber auch die Verdienstmöglichkeiten. // von Katharina Brunner

WordPress (Bild: Heisenberg Media [CC BY 2.0], via Flickr)

In keinem Text über WordPress darf die Zahl fehlen: Über ein Fünftel des Web soll auf der Software laufen. Je weiter sich WordPress verbreitet, desto heterogener werden die Nutzer – und damit steigen die Forderungen an das Entwicklerteam, die sich zwischen zwei großen Polen bewegen: Eine reine Blogging-Plattform auf der einen Seite und ein umfangreiches Content-Management-System auf der anderen. Wohin soll die Reise also gehen?


Warum ist das wichtig? Mit dem Erfolg von WordPress steigen die Anforderungen an die Entwickler und die Software geht einer ungewissen Zukunht entgegen.

  • Blogger wollen eine einfachere und intuitivere Bedienbarkeit vor allem im Admin-Bereich von WordPress.
  • Mit dem Prinzip der Backwards Compatibility ist ein kompletter Relaunch von WordPress nicht möglich.
  • Mit WordPress-Dienstleistungen verdienen viele Webentwickler und Designer ihren Lebensunterhalt

Die Verfechter einer Blogging-Plattform kritisieren offensichtliche Schwachstellen im Adminbereich. Gerade für viele Anfänger kann der überladene Backend-Bereich abschreckend wirken. Nicht vergleichbar ist der WordPress-Admin-Bereich mit der Eleganz von Medium, der initutiven Bedienbarkeit von Tumblr oder der schnellen Formatierung durch Markdown wie bei Ghost. Kurz: WordPress verschenkt Platz bei der Usability, dadurch steigt die Konkurrenz.

Kein Wunder, dass WordPress mit der Version 3.8 das Backend zumindest optisch verjüngt hat: “Flat Design”, das momentan herrschende Designparadigma, hat damit auch in WordPress-Einzug gehalten. Die Funktionalitäten bleiben allerdings weiterhin gleich. Der WordPress-Blog wpmudev schreibt in einem Rundumschlag mit dem Titel “Boring, Boring WordPress: Why WP is Falling Behind“: “WordPress hat weiterhin ein Interface, das wie eine Datenbank-Applikation im Jahr 2005 aussieht, nur eben mit ein paar quasi-moderne Farben.


Aktuelles Tutorial für WordPress:


Evolution statt Revolution

Doch eines steht fest: Auch mit der im August kommenden Version 4 wird der erhoffte Relaunch des Backends nicht kommen. Evolution statt Revolution ist das Motto, das gerade WordPress-Mitbegründer Matt Mullenweg immer wieder predigt. Backwards Compatibility heißt, dass alle Veränderungen auch mit älteren WordPress-Installationen funktionieren müssen. Diese Bedingung beschränkt natürlich die Weiterentwicklung der Software, denn die Entwickler können nicht mit einer leeren Datei starten, sondern müssen stets den alten Code im Auge behalten. Mullenweg ist sich klar, dass mit dem Anspruch auch ältere Versionen zu bedienen, einige Nachteile hat. In einem “Ask Me Anything” bei Reddit zählt er eine ganze Reihe von Dingen auf, die er sonst anders machen würde. Unter anderem: das Menü im Admin-Bereich überarbeiten.

Wirtschaftliche Bedeutung trotz Open Source

WordPress hat noch immer den Ruf eines Amateur-CMS. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Der Start als Blogging-Tool, die Programmiersprache PHP und vielleicht sogar, dass Laien selbstständig relativ viel anspassen können. Das wirkt sich besonders auf zwei Bereiche aus: Große Firmen und Organisationen scheuen davor zurück, WordPress zu benutzen und es scheint Probleme zu geben, gerade JavaScript-Programmierer für WordPress zu gewinnen.

Trotz dieser Reputation als Software für Laien, steigt die wirtschaftliche Bedeutung. Ein Indikator: Laut einer Infografik erwähnen über 335.000 Menschen in den USA bei ihren LinkedIn-Profilen WordPress. Die Monetarisierung kann bei dem unter freier Lizenz erschienen Software nicht direkt geschehen, sondern über den Umweg über Dienstleistungen – gerade bei Anwender, bei denen WordPress als Content-Management-System dient.

Denn viele Nutzer sind bereit, für komplexere Designs oder individuelle Problemlösungen durch Plugins Geld auszugeben. WordPress ist ein Paradebeispiel dafür, wie Wertschöpfung auf eine frei lizenzierte Software basieren kann. Besonders in drei Bereichen kann Geld verdient werden: Themes, Plugind und Hosting. In allen drei Bereichen gibt es von großen Marktplätzen bis hin zu kleinen Designstudios und Webagenturen Lösungen für Kunden. Ein weiteres Indiz: Im Januar 2015 findet zum dritten Mal die Pressnomics-Konferenz statt, die sich nur mit den wirtschaftlichen Aspekten von WordPress beschäftigt.

Es scheint, also soll eine WordPress-Installation alle Wege offen lassen, egal ob die Webseite am Ende ein Blog, eine große Webseite oder – wie Mullenweg immer wieder fordert – eine Web-Applikation sein soll. Bei diesem Wollmilchsau-Ansatz besteht immer die Gefahr, dass WordPress alles kann, aber nichts richtig. Andererseits ist vielleicht genau das der richtige Weg: Eine breite Basis mit viel Platz für Webentwickler und Designer, die individuelle Anpassungen anbieten können – entweder ebenfalls als Open-Source-Plugin oder als Premium-Dienst.


Teaser & Image by Heisenberg Media (CC BY 2.0)


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Debatte um Disruption: Zeitalter des Terrors?

Eine Historikerin greift die vorherrschende Theorie der Disruption an. Um was geht es? Und wer hat recht? // von Katharina Brunner

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Im Bullshit-Bingo hat Wort „Disruption“ sein Quadrat verdient. Jedes Startup, das etwas auf sich hält, hat eine disruptive Technologie oder ein disruptives Geschäftsmodell – am besten beides zusammen. Kaum ein Text zur Digitalisierung der Wirtschaft kommt ohne das Wort aus und eine Konferenz mit dem Wort im Titel klingt gleich cooler. „Disruptive Innovation ist eine Wettbewerbstrategie für ein Zeitalter des Terrors.“ Das ist der Startpunkt von Jill Lepores Angriff auf die Theorie dieser Disruption ihres Harvard-Kollegen Clayton Christensen.


Warum ist das wichtig? Die Historikerin Jill Lepore hat in einem Beitrag im Magazin New Yorker ausführlich das herrschende Startup-Paradigma der Disruption angegriffen.

  • Lepores hat zwei große Ansätze: Die Ablehnung der Disruption als das Narrativ der Gegenwart und konkrete Kritikpunkte an Christensens Fallstudien
  • Christensens tut Lepores Angriffe in einem Interview als „längst bearbeitet“ oder als schlechte Wissenschaft ab
  • Es verhält sich wie so oft: Die Theorie der Disruption ist weder ganz falsch noch ganz richtig

Was ist Disruption überhaupt?

Der Begriff der Disruption begann seinen Siegezug mit Clayton Christensens Buch „Innovator’s Dilemma“ und hat sich in den letzten fast 20 Jahren zum Paradigma für die Startups entwickelt. Im Kern beruht dieses Dilemma auf drei Annahmen:

1. Es gibt zwei Arten von Innovationen: erhaltende („sustaining“) und zerstörende („disruptive”). Bei erhaltenden Innovationen werden bestehende Produkte verbessert, disruptive Innovationen sind neue Güter, die im Vergleich zu den am Markt befindlichen zuerst schlechter abschneiden.

2. Das disruptive Produkt befindet sich zu Beginn im unteren Marktsegment und kann die Bedürfnisse von anspruchsvollen Kunden nicht befriedigen. Im Laufe der Zeit aber wächst der Markt des neuen Produkts und kann bis dahin führende Güter und Dienstleistungen verdrängen.

3.Die alteingesessenen Firmen stehen jetzt vor einem Dilemma, denn für sie ist es nicht vernünftig, in den neuen, viel kleineren Markt des schlechteren, aber potenziell disruptiven Produkts zu investieren. Denn gute Manager holen beispielsweise Feedback von ihren Kunden ein – und die wollen natürlich kein schlechteres Produkt haben. Christensens schreibt in seinem Buch: „Die logischen Managementbeschlüsse, die entscheidend für den Erfolg ihrer Firma sind, sind auch der Grund dafür, warum sie ihre Führungsrolle verlieren.“ Große Firmen müssen sich in der Konsequenz wie Startups verhalten, um selbst Innovationen zu entwickeln, die disruptiv sind – oder sie haben keine Chance.

Was ist die Kritik der Historikerin Jill Lepore?

Die scharfe Kritik Lepores hat zwei Ebenen: Zum einen die Meta-Ebene, auf der sie geschichtswissenschaftlich argumentiert. Sie stellt fest, dass die Disruption eine Art Leitthema der Gegenwart ist und das sei keine gute Sache: „Das ist eine Theorie, die auf einer tiefen Angst vor finanziellem Kollaps basiert, eine apokalyptische Angst vor globaler Zerstörung und flauer Faktenlage.“

Die zweite Ebene ist die konkrete Kritik von Beispielen in Christensens Argumentation. So sei das Erfolgskriterium für eine Firma willkürlich gewählt und Firmen, die von Christensen als verdrängt dargestellt wurden, seien noch immer gut im Geschäft. Er habe sich Fallstudien herausgepickt, die zu seiner Argumentation passen.

Und was sagt Christensen dazu?

Die Business Week befragte Christensen zu den Vorwürfen, der betroffen und eingeschnappt wirkt. Er wirft Lepore schlechte wissenschaftliche Arbeit vor, da sie sich an der Erstausgabe abarbeitet, er aber seine Theorie in nachfolgenden Büchern und Aufsätzen weiter ausgearbeitet habe. Vor allem scheint Christensen aber persönlich gekränkt, dass ihn seine Harvard-Kollegin öffentlich in die Pfanne gehauen hat, ohne vorher das persönliche Gespräch mit ihm zu suchen.

Die Sache mit dem iPhone

Ein wesentlicher Punkt in Lepores Kritik ist, dass die Theorie der Disruption nicht dazu tauge, die Zukunft vorherzusagen. Beispiel iPhone. Christensen behauptete vor seiner Einführung, dass Apple damit keinen Erfolg haben werde. In seinem Interview räumte er diesen Fehler ein: „Was ich nicht gesehen habe ist, dass das Smartphone mit dem Laptop konkurriert.“ Stattdessen habe er angenommen, das iPhone sei eine erhaltende Innovation des Handys. Der Tech-Blogger Ben Thompson von Stratechery glaubt, dass das ein struktureller Fehler bei Christensen ist. Christensens These von der Disruption nur im unteren Marktsegment halte nämlich nur im B2B-Geschäft, nicht aber im Endkundenmarkt.

Der Ökonom Joshua Gans ist der Meinung, dass die Prognosefähigkeit beim „Innovator’s Dilemma“ ebenso ein Dilemma beinhalte: „Christensen findet, dass seine Theorie voraussagend ist, obwohl seine interne Logik aussagt, dass Prognosen unmöglich sind.“ Denn ob eine potenziell disruptive Technologie sich tatsächlich schnell verbessert und so Marktanteile sichert, könne immer nur in der Rückschau beurteilt werden.

Und wer hat nun Recht?

Keiner, die Disruptionstheorie ist weder ganz falsch, wie Lepore behauptet, noch das richtige Mittel, um jeden Bereich einer Gesellschaft zu erklären, wie Christensen glaubt.Gerade Universitäten und das Bildungssystem sollten nach seiner Ansicht streng nach Gesichtspunkten der disruptiven Innovationen ausgerichtet werden.

Mit Lepores Text ist die Diskussion in Gang gebracht worden, die sie sich wünscht: „Die meisten großen Ideen haben laute Kritiker. Nicht Disruption. “Mit ihrer grundsätzlichen Ablehnung der Disruption tutsich Lepore aber keinen Gefallen. In ihrem fast 40.000 Zeichen langen Aufsatz spricht sie nicht einmal vom Internet. Doch dieses Internet ist es, das die Popularität der Disruptionstheorie so enorm gefördert hat. Digitale Güter, die so gut wie kostenlos unendlich oft vervielfältigbar sind, bieten hohe Skalenerträge und damit großes disruptives Potenzial. Ob sie sich dann auch als disruptiv erweisen, kann nur die Zukunft zeigen. Was jetzt schon feststeht: Disruption ist ein Buzzword. In diesem Text kommt es 33 Mal vor.


Teaser & Image by Tsahi Levent-Levi (CC BY 2.0)


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#FTOJ14: Sechs Lehren für den Online-Journalismus

Beim 10. Frankfurter Tag des Online-Journalismus des Hessischen Rundfunks sprach der Journalist Holger Schmidt über die Monetarisierung von Online-Journalismus. // von Katharina Brunner

Storify

Unser Autorin Katharina Brunner ist heute beim 10. Frankfurter Tag des Online-Journalismus (#ftoj14) des Hessischen Rundfunks und hat in einem Storify den Vortrag des Journalisten Holger Schmidt, bekannt als Netzoekonom, festgehalten. Schmidt sprach über die Monetarisierung von Online-Journalismus. Aus der Analyse von Auflagenzahlen, Umsätzen, Werbeeinnahmen etc. zog Schmidt sechs Lehren, die Katharina Brunner uns vorstellt.

Link zum Livestream

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