Bücher, 1. Quartal 2017. (Doch mal auf „Veröffentlichen“ geklickt)

Alan Turing – Rolf Hochhut
Die Erzählung des so erfolgreichen und so traurigen Lebens von Alan Turing hält seine Sektretärin zusammen. Turing, das junge Genie, hat die mathematische Basis dafür geschaffen, dass die Briten im Zweiten Weltkrieg die Enigma-Verschlüsselung der Deutschen knacken konnten. Turing, das junge Genie, war auch schwul. Und weil das in den 50er Jahren auch in Großbritannien eine Straftat war, musste er sich, nachdem er erwischt wurde, entscheiden: Knast oder Hormone? Turing wählte die Hormone.

Kein Buch, das man zu lesen braucht. Viele, viele Seiten habe ich immer wieder übersprungen. Ich bin kein Fan dieser kruden Vermischung von Fiktion und Realität.

Lies We Tell Ourselves – Robin Talley
Es sind die 1950er Jahre in den USA. Schwarze dürfen in der Kleinstadt Davisburg in Virgina endlich in die weiße Jefferson High School gehen. Nicht, weil es Einsicht gibt, sondern weil es schwarze Bürgerrechtler vor Gericht erstritten haben. Die zehn besten schwarzen Schüler wurden ausgewählt, jetzt ist ihr erster Tag. Der erste von vielen, an denen sie angeglotzt, angespuckt, angeschrien, angemacht werden. Eine von ihnen ist Sarah Dunbar: „Noch nie zuvor wurde ich Nigger genannt.“

Sarah muss sich für eine Hausgabe im Französisch-Unterricht immer wieder mit Linda treffen. Linda ist die Tochter des Chefredakteurs der weiße Zeitung, in der er gegen die Integration hetzt. Seine Tochter steht ihm in nichts nach – zuerst. Sarah und Linda streiten ständig über Rasse und Macht. Und dann, oh no, ist da auch noch die Liebe.

Jedes Kapitel ist mit einer Lüge überschrieben, deshalb der Titel. Das Buch ist in den USA ein Beststeller in der Kategorie „Young Adult“, also Jugendbuch. Wer es googlet, wird schnell mit Angeboten für einen illegalen Download des Ebooks konfrontiert – ein Zeichen für Erfolg.

Americanah – Chimamanda Ngozi Adichie
Ifemelu und Obinze sind die Hauptpersonen dieses Romans. Sie sind in Lagos, Nigeria, aufgewachsen und als Teenager und junge Erwachsene ein Paar. Ifemelu bekommt die Chance, in den USA zu studieren, die Beziehung mit Obinze, der in Nigeria zurückbleibt, zerbricht daran.

Americanah ist ein Buch über den Blick von außen. Ifemelu beobachtet und seziert die Amerikaner. Ihre Verhaltensweisen, ihre Spleens („I’m so excited!“) und vor allem ihre Obession mit Rassen. Ifemelu tut das zuerst privat als Afrikanerin in den Vereinigten Staaten, später beruflich als Bloggerin. Ihre Webseite heißt: „Raceteenth – oder Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“. Darin schreibt sie zum Beispiel:

Lations sind häufig die unmittelbaren Nachbarn von amerikanischen Schwarzen in Armutsstatistiken, Latinos stehen eine kleine Stufe höher als amerikanische Schwarze in der amerikanischen Rasseleiter, Latinas sind die schokoladenfarbigen Frauen aus Peru, Latinos sind das indigene Volk Mexikos. Latinos sind die Menschen aus der Dominikanischen Republik, die wie Mischlinge aussehen. Hispanos sind die blasseren Menschen aus Puerto Rico. Latino ist auch der blone blauäugige Typ aus Argentinien. Man muss nur Spanisch sprechen, ohne aus Spanien zu sein, und voilà, man ist eine Rasse namens Latino.

Während Ifemelu sich in den USA einrichtet, Beziehungen eingeht und irgendwann beschließt, sich keinen amerikanischen Akzent anzutrainieren, geht Obinze nach Großbritannien. Nicht als Student, sondern als illegaler Einwanderer, weil nicht ausreist, als sein Besuchervisum abgelaufen ist. Er macht das was, was Illegale eben so machen: Er jobbt als Hilfsarbeiter.

Americanah ist eine große Liebesgeschichte zwischen Ifemelu und Obinze, eingebettet in eine globalisierte Welt, deren Hierarchien noch immer auch auf Hautfarbe beruhen.

Americanah ist einer der Romane, das ist seit Jahren immer wieder in Buchhandlungen wahrnahm: Wollte ich doch lesen. Sicherlich steht er auf mindestens einer der Noch-zu-lesende-Bücher-Listen, die ich an verschiedensten Orten führe. Ich könnte vermutlich mehrmals sehr zufrieden einen Haken setzen. Und das Buch auf eine neue Liste setzen, die ich nennen könnte: Bücher, die ich unbedingt empfehlen kann.

Chimamanda Ngozi Adichie trifft man zur Zeit häufig in der internationalen Presse. Sie veröffentlicht gerade ein neues Buch, es heißt „Dear Ijeawele, or a Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions“. Es geht wohl um Kindererziehung.

Adichie ist nicht nur Autorin, sondern auch Aktivistin. Ihr bekanntester Rede ist der Ted-Talk „Why we all should be feminists“.

Eine kurze Leseliste zu Algorithmen

Die sieben Todsünden der Prognosen über die Zukunft der KI
Ein langer, schlauer Text des MIT-Professors Rodney Brooks, der gängige Annahmen zur Künstlichen Intelligenz auseinanander nimmt.

In Kürze auf diesem Bild:

A.I. Is Our Future. What Happens When the Data It’s Trained on Is Biased and Old?
Algorithmen können unfair sein und gesellschaftliche Vorurteile weitertragen. Das sagt sich leicht, aber wie funktioniert das konkret? Zum Beispiel über die Trainingsdaten. Ein häufig benutzter Datensatz, um E-Mails zu analysieren, sind Mails der Firma Enron. Also derjenigen Firma, die noch immer als der Inbegriff des Bilanzbetrugs gilt. Die Mails hat 2003 die amerikanische Federal Energy Regulatory Commission veröffentlicht: 1,6 Millionen E-Mails zwischen Enron-Mitarbeitern.

„If you think there might be significant biases embedded in emails sent among employees of a Texas oil-and-gas company that collapsed under federal investigation for fraud stemming from systemic, institutionalized unethical culture, you’d be right. (…) Researchers have used the Enron emails specifically to analyze gender bias and power dynamics.“ In other words, the most popular email data set for training A.I. has also been recognized by researchers as something that’s useful for studying misogyny, and our machines may be learning to display the same toxic masculinity as the Enron execs.

The algorithm is innocent

Googles „Top Stories“-Box, ganz oben unten dem Suchfenster, ist für Nachrichten gedacht. Wenn dort ein Link zu 4chan erscheint, einer Seite, die – nun ja – nicht gerade für validierte Informationen steht, dann ist etwas schief gelaufen. Googles Reaktion? Der Algorithmus war schuld. „Blaming the algorithm has gotten pretty common“, heißt es bei The Outline. Doch das ist falsch: Der Algorithmus, die Anweisung an den Computer hat funktioniert, er kann ausgeführt werden. Das Problem sind die Annahmen dahinter:

A truly faulty algorithm would be like a computer program that does not compile or catches itself in an infinite loop. These algorithms are executing; they are doing what they were designed to do. The problem is that they are not designed to exclude misinformation or account for bias.

So lässt sich die potenzielle Wirkung algorithmischer Entscheidungen bestimmen

Wie groß ist der Einfluss von Algorithmen auf die Gesellschaft? Und wie groß soll deshalb im Umkehrschluss die gesellschaftliche Teilhabe sein? Bei „Algorithmenethik“, einer Webseite der Bertelsmann Stiftung, haben sich zwei Wissenschaftler an einem Index versucht. Das Prinzip: je höher der Einfluss der Akteure, je stärker die soziale Einbettung und je gewichtiger die Konsequenzen, desto höher ist das Teilhabewirkungspotenzial.

Die Wirtschaft und das Mitgefühl

WIR statt Gier

Die Zeit schreibt darüber, dass langsam auch in der Ökonomie die Einsicht einkehrt, dass – ja, echt jetzt – nicht der Egoismus alleine die Welt, und damit auch die Wirtschaft, antreibt. Na gut, dass weiß man seitdem Experimente in der Spieltheorie nicht so ausgehen, wie sie mathematisch zu erwarten sind.

Es sind also auch die Beziehungen zu anderen Menschen, die unser Verhalten und unsere Motivation beeinflussen. Im positivsten Sinne durch Mitgefühl. Was das für die Wirtschaft bedeuten kann, darum geht’s in dem Zeit-Text. Eine Studie, auf die sich darin bezogen wird, erklärt die Neurowissenschaftlerin Tania Singer hier:

Mit Mitgefühl hat sich vor wenigen Wochen auch die Sendung Radiowissen auf Bayern 2 befasst: Mitgefühl – Was Hirnforscher darüber wissen hieß die Sendung. Darin wird deutlich: Empathie und Mitgefühl ist nicht das gleiche:

  • Empathie ist es, wenn wir ein Gefühl des anderen nachvollziehen können. „Eine Kopie des Gefuühlszustands der anderen Person“, wie der Wiener Neurowissenschaftler Claus Lamm sagt.
  • Mitgefühl ist mehr: Empathie plus der Wunsch, die Freude der anderen Person zu vergrößeren oder Leid zu verringern.

Lesenswertes: Strategie, Software, Männer

Was ist Strategie? – Essay von Wolf Lotter in der Brandeins

“Für die Entwicklung einer Strategie zählt das Wahrscheinliche, das, was aller Voraussicht nach eintreten kann. Und das muss man vorsichtig denken. Denn die Gegenwart verläuft nicht in gerader Linie weiter in die Zukunft, wie Planer das gern hätten. Doch bestimmte Systeme, Kulturen, Ordnungen legen – zumal für Kenner und Profis – bestimmte Verhaltensweisen nahe. Und man kann nach menschlichem und fachlichem Ermessen vorhersehen, wie sich ein Teil des Systems verhält, wenn man auf eine bestimmte Weise darauf einwirkt. Strategien haben ein Ziel mit einem Weg und mehreren Ausweichrouten.”

The Coming Software Apocalypse

Was ist einer der größten Unterschiede zwischen einer mechanischen Maschine und einem Computer? Die Komplexität von Code ist unsichtbar.

„The software did exactly what it was told to do. In fact it did it perfectly. The reason it failed is that it was told to do the wrong thing. Software failures are failures of understanding, and of imagination.“

  • Software-Entwickler arbeiten nicht direkt daran, ein Problem zu lösen, sondern schreiben Anweisungen für eine Maschine.
  • „The programmer, staring at a page of text, was abstracted from whatever it was they were actually making.“
  • Die größere Herausforderung als ein fehlerfreier Code sei es, die Anforderungen korrekt festzulegen.
  • Der Fall, bei dem Toyota-Autos einfach immer weiter beschleunigten: Es stellte sich heraus, dass es zehn Millionen Fälle geben kann, in denen das Fahrzeug nicht aufhört schneller zu werden.
  • Was es deshalb braucht: Neue Ansätze des Programmierens. Einige davon werden im Text erklärt.

Männliches Selbstbild in der Krise: Wir brauchen einen Feminismus für Männer

Nicht der Mann ist das Problem, sondern das Verständnis davon, was ein Mann zu sein hat.