Kategorien
Data + Code Lesenswertes Medien + Internet

Ein paar Links

Year Five at Stamen: Some interessting projects and short overviews from the mapmakers of stamen

Podcast: Let’s Talk About Natural Language Processing (Data Skeptic)

Ein Rädchen in einer unendlichen Maschinerie von Checks and Balances: Finanzierungen über Kleinbeträge ist immer noch wichtig, auch wenn Blendle etc nicht so wirklich zünden. Denn Mikro-Finanzierungen sind was für kleine Medien in der Nische.

Es gibt nicht nur eine Zukunft, sondern viele Zukünfte. Sie sehen aus wie ein Trichter, je ferner, desto mehr mögliche Szenarien gibt es. Zukünfte gestalten

Pen Plotter Artwork | Gunther Kleinert

„Spinne ich, wenn ich denke, dass sie ausschließlich meine Arbeit genutzt haben?“ – SZ: Angenommen, jemand nutzt Open-Source-Code, erstellt damit Kunst – wer ist dann Urheber? Die Person, die den Code geschrieben hat? Oder die, die ihn ausgeführt hat?

Kategorien
Lesenswertes

Bücher, 1. Quartal 2017. (Doch mal auf „Veröffentlichen“ geklickt)

Alan Turing – Rolf Hochhut
Die Erzählung des so erfolgreichen und so traurigen Lebens von Alan Turing hält seine Sektretärin zusammen. Turing, das junge Genie, hat die mathematische Basis dafür geschaffen, dass die Briten im Zweiten Weltkrieg die Enigma-Verschlüsselung der Deutschen knacken konnten. Turing, das junge Genie, war auch schwul. Und weil das in den 50er Jahren auch in Großbritannien eine Straftat war, musste er sich, nachdem er erwischt wurde, entscheiden: Knast oder Hormone? Turing wählte die Hormone.

Kein Buch, das man zu lesen braucht. Viele, viele Seiten habe ich immer wieder übersprungen. Ich bin kein Fan dieser kruden Vermischung von Fiktion und Realität.

Lies We Tell Ourselves – Robin Talley
Es sind die 1950er Jahre in den USA. Schwarze dürfen in der Kleinstadt Davisburg in Virgina endlich in die weiße Jefferson High School gehen. Nicht, weil es Einsicht gibt, sondern weil es schwarze Bürgerrechtler vor Gericht erstritten haben. Die zehn besten schwarzen Schüler wurden ausgewählt, jetzt ist ihr erster Tag. Der erste von vielen, an denen sie angeglotzt, angespuckt, angeschrien, angemacht werden. Eine von ihnen ist Sarah Dunbar: „Noch nie zuvor wurde ich Nigger genannt.“

Sarah muss sich für eine Hausgabe im Französisch-Unterricht immer wieder mit Linda treffen. Linda ist die Tochter des Chefredakteurs der weiße Zeitung, in der er gegen die Integration hetzt. Seine Tochter steht ihm in nichts nach – zuerst. Sarah und Linda streiten ständig über Rasse und Macht. Und dann, oh no, ist da auch noch die Liebe.

Jedes Kapitel ist mit einer Lüge überschrieben, deshalb der Titel. Das Buch ist in den USA ein Beststeller in der Kategorie „Young Adult“, also Jugendbuch. Wer es googlet, wird schnell mit Angeboten für einen illegalen Download des Ebooks konfrontiert – ein Zeichen für Erfolg.

Americanah – Chimamanda Ngozi Adichie
Ifemelu und Obinze sind die Hauptpersonen dieses Romans. Sie sind in Lagos, Nigeria, aufgewachsen und als Teenager und junge Erwachsene ein Paar. Ifemelu bekommt die Chance, in den USA zu studieren, die Beziehung mit Obinze, der in Nigeria zurückbleibt, zerbricht daran.

Americanah ist ein Buch über den Blick von außen. Ifemelu beobachtet und seziert die Amerikaner. Ihre Verhaltensweisen, ihre Spleens („I’m so excited!“) und vor allem ihre Obession mit Rassen. Ifemelu tut das zuerst privat als Afrikanerin in den Vereinigten Staaten, später beruflich als Bloggerin. Ihre Webseite heißt: „Raceteenth – oder Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“. Darin schreibt sie zum Beispiel:

Lations sind häufig die unmittelbaren Nachbarn von amerikanischen Schwarzen in Armutsstatistiken, Latinos stehen eine kleine Stufe höher als amerikanische Schwarze in der amerikanischen Rasseleiter, Latinas sind die schokoladenfarbigen Frauen aus Peru, Latinos sind das indigene Volk Mexikos. Latinos sind die Menschen aus der Dominikanischen Republik, die wie Mischlinge aussehen. Hispanos sind die blasseren Menschen aus Puerto Rico. Latino ist auch der blone blauäugige Typ aus Argentinien. Man muss nur Spanisch sprechen, ohne aus Spanien zu sein, und voilà, man ist eine Rasse namens Latino.

Während Ifemelu sich in den USA einrichtet, Beziehungen eingeht und irgendwann beschließt, sich keinen amerikanischen Akzent anzutrainieren, geht Obinze nach Großbritannien. Nicht als Student, sondern als illegaler Einwanderer, weil nicht ausreist, als sein Besuchervisum abgelaufen ist. Er macht das was, was Illegale eben so machen: Er jobbt als Hilfsarbeiter.

Americanah ist eine große Liebesgeschichte zwischen Ifemelu und Obinze, eingebettet in eine globalisierte Welt, deren Hierarchien noch immer auch auf Hautfarbe beruhen.

Americanah ist einer der Romane, das ist seit Jahren immer wieder in Buchhandlungen wahrnahm: Wollte ich doch lesen. Sicherlich steht er auf mindestens einer der Noch-zu-lesende-Bücher-Listen, die ich an verschiedensten Orten führe. Ich könnte vermutlich mehrmals sehr zufrieden einen Haken setzen. Und das Buch auf eine neue Liste setzen, die ich nennen könnte: Bücher, die ich unbedingt empfehlen kann.

Chimamanda Ngozi Adichie trifft man zur Zeit häufig in der internationalen Presse. Sie veröffentlicht gerade ein neues Buch, es heißt „Dear Ijeawele, or a Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions“. Es geht wohl um Kindererziehung.

Adichie ist nicht nur Autorin, sondern auch Aktivistin. Ihr bekanntester Rede ist der Ted-Talk „Why we all should be feminists“.

Kategorien
Data + Code Lesenswertes

Eine kurze Leseliste zu Algorithmen

Die sieben Todsünden der Prognosen über die Zukunft der KI
Ein langer, schlauer Text des MIT-Professors Rodney Brooks, der gängige Annahmen zur Künstlichen Intelligenz auseinanander nimmt.

In Kürze auf diesem Bild:

A.I. Is Our Future. What Happens When the Data It’s Trained on Is Biased and Old?
Algorithmen können unfair sein und gesellschaftliche Vorurteile weitertragen. Das sagt sich leicht, aber wie funktioniert das konkret? Zum Beispiel über die Trainingsdaten. Ein häufig benutzter Datensatz, um E-Mails zu analysieren, sind Mails der Firma Enron. Also derjenigen Firma, die noch immer als der Inbegriff des Bilanzbetrugs gilt. Die Mails hat 2003 die amerikanische Federal Energy Regulatory Commission veröffentlicht: 1,6 Millionen E-Mails zwischen Enron-Mitarbeitern.

„If you think there might be significant biases embedded in emails sent among employees of a Texas oil-and-gas company that collapsed under federal investigation for fraud stemming from systemic, institutionalized unethical culture, you’d be right. (…) Researchers have used the Enron emails specifically to analyze gender bias and power dynamics.“ In other words, the most popular email data set for training A.I. has also been recognized by researchers as something that’s useful for studying misogyny, and our machines may be learning to display the same toxic masculinity as the Enron execs.

The algorithm is innocent

Googles „Top Stories“-Box, ganz oben unten dem Suchfenster, ist für Nachrichten gedacht. Wenn dort ein Link zu 4chan erscheint, einer Seite, die – nun ja – nicht gerade für validierte Informationen steht, dann ist etwas schief gelaufen. Googles Reaktion? Der Algorithmus war schuld. „Blaming the algorithm has gotten pretty common“, heißt es bei The Outline. Doch das ist falsch: Der Algorithmus, die Anweisung an den Computer hat funktioniert, er kann ausgeführt werden. Das Problem sind die Annahmen dahinter:

A truly faulty algorithm would be like a computer program that does not compile or catches itself in an infinite loop. These algorithms are executing; they are doing what they were designed to do. The problem is that they are not designed to exclude misinformation or account for bias.

So lässt sich die potenzielle Wirkung algorithmischer Entscheidungen bestimmen

Wie groß ist der Einfluss von Algorithmen auf die Gesellschaft? Und wie groß soll deshalb im Umkehrschluss die gesellschaftliche Teilhabe sein? Bei „Algorithmenethik“, einer Webseite der Bertelsmann Stiftung, haben sich zwei Wissenschaftler an einem Index versucht. Das Prinzip: je höher der Einfluss der Akteure, je stärker die soziale Einbettung und je gewichtiger die Konsequenzen, desto höher ist das Teilhabewirkungspotenzial.

Kategorien
Lesenswertes Politik + Wirtschaft

Die Wirtschaft und das Mitgefühl

WIR statt Gier

Die Zeit schreibt darüber, dass langsam auch in der Ökonomie die Einsicht einkehrt, dass – ja, echt jetzt – nicht der Egoismus alleine die Welt, und damit auch die Wirtschaft, antreibt. Na gut, dass weiß man seitdem Experimente in der Spieltheorie nicht so ausgehen, wie sie mathematisch zu erwarten sind.

Es sind also auch die Beziehungen zu anderen Menschen, die unser Verhalten und unsere Motivation beeinflussen. Im positivsten Sinne durch Mitgefühl. Was das für die Wirtschaft bedeuten kann, darum geht’s in dem Zeit-Text. Eine Studie, auf die sich darin bezogen wird, erklärt die Neurowissenschaftlerin Tania Singer hier:

Mit Mitgefühl hat sich vor wenigen Wochen auch die Sendung Radiowissen auf Bayern 2 befasst: Mitgefühl – Was Hirnforscher darüber wissen hieß die Sendung. Darin wird deutlich: Empathie und Mitgefühl ist nicht das gleiche:

  • Empathie ist es, wenn wir ein Gefühl des anderen nachvollziehen können. „Eine Kopie des Gefuühlszustands der anderen Person“, wie der Wiener Neurowissenschaftler Claus Lamm sagt.
  • Mitgefühl ist mehr: Empathie plus der Wunsch, die Freude der anderen Person zu vergrößeren oder Leid zu verringern.
Kategorien
Lesenswertes

Lesenswertes: Strategie, Software, Männer

Was ist Strategie? – Essay von Wolf Lotter in der Brandeins

“Für die Entwicklung einer Strategie zählt das Wahrscheinliche, das, was aller Voraussicht nach eintreten kann. Und das muss man vorsichtig denken. Denn die Gegenwart verläuft nicht in gerader Linie weiter in die Zukunft, wie Planer das gern hätten. Doch bestimmte Systeme, Kulturen, Ordnungen legen – zumal für Kenner und Profis – bestimmte Verhaltensweisen nahe. Und man kann nach menschlichem und fachlichem Ermessen vorhersehen, wie sich ein Teil des Systems verhält, wenn man auf eine bestimmte Weise darauf einwirkt. Strategien haben ein Ziel mit einem Weg und mehreren Ausweichrouten.”

The Coming Software Apocalypse

Was ist einer der größten Unterschiede zwischen einer mechanischen Maschine und einem Computer? Die Komplexität von Code ist unsichtbar.

„The software did exactly what it was told to do. In fact it did it perfectly. The reason it failed is that it was told to do the wrong thing. Software failures are failures of understanding, and of imagination.“

  • Software-Entwickler arbeiten nicht direkt daran, ein Problem zu lösen, sondern schreiben Anweisungen für eine Maschine.
  • „The programmer, staring at a page of text, was abstracted from whatever it was they were actually making.“
  • Die größere Herausforderung als ein fehlerfreier Code sei es, die Anforderungen korrekt festzulegen.
  • Der Fall, bei dem Toyota-Autos einfach immer weiter beschleunigten: Es stellte sich heraus, dass es zehn Millionen Fälle geben kann, in denen das Fahrzeug nicht aufhört schneller zu werden.
  • Was es deshalb braucht: Neue Ansätze des Programmierens. Einige davon werden im Text erklärt.

Männliches Selbstbild in der Krise: Wir brauchen einen Feminismus für Männer

Nicht der Mann ist das Problem, sondern das Verständnis davon, was ein Mann zu sein hat.

Kategorien
Lesenswertes Politik + Wirtschaft

Do not nudge me!

Within Reason

Steven Poole, englischer Autor kluger Texte, ist der Meinung, wir kein Nudging brauchen. Sein Punkt: Nur weil jemand die Fragestellungen in Bezug auf Biases nicht richtig beantwortet, heiße das nicht, dass man irrational sei. Vielleicht ist auch nur die Frage dumm gestellt.

„Nudging is far from being a dystopian tool of state mind control. After all, we remain free to make the “wrong” choices. The more fundamental problem, however, is that nudging bypasses political discussion. There is no public consultation about choice architecture. (Is it always irrational to eat fatty food? Is it irrational to refuse to donate one’s organs?) The attempt to bypass our reasoning selves with “nudge” politics creates a problem of consent, a short-circuiting of democracy. Why bother having a political argument if you can make (most) people do what you want anyway?“

„Nudge politics, then, is not only predicated upon a thesis that we will most of the time make irrational choices; to continue to be viable, it must be opposed to any increase in our rationality. In this sense it is at odds with public reason itself.“

Kategorien
Kultur + Gesellschaft Lesenswertes

Bücher im November und Dezember 2015

Überlegungen eines Wechselwählers – Sebastian Haffner

Flohmarkt-Fund als ich aus Prinzip irgendwas kaufen wollte. „Was ham’s denn gefunden?“ – „Weiß nicht genau. Irgendwas Politisches aus den 80ern.“ Haffner ging bis dahin vollkommen an mir vorbei. Nur dunkel schwelte es in einer Hirnecke vor all den Konsalik-Büchern, dass mir der Name gelegentlich begegnet sein musste.

Im Wechselwähler-Buch argumentiert Haffner, warum Deutschlands Demokratie sich nach dem Zweiten Weltkrieg stabilisierte (Stand: 1980 unter Kanzler Schmidt). Das Rezept: ein faktischer Zwei-Parteien-Staat (SPD und FDP vs. CDU und CSU). Die Mehrheiten sind nie zu stark, jede Regierung könnte abgewählt werden. Der wichtigste Unterschied zur Weimarer Republik: Die Parteien wollen regieren und nicht nur opponieren.

Gegen Ende nimmt er sich der damals funkelniegelnagelneuen Partei der Grünen an. Viele Seiten hinweg schimpft er sehr erzürnt über die Umwelt- und Friedenspartei. Niemals würden sie sich etablieren können (und ihm so eine These zerstören). Well…

Der Untergang – Joachim Fest

Im Vergleich zur Fests Hitler-Biografie sind die etwa 200 Seiten Untergang schon eher mein Kaliber. Chaos, Willkür, Realitätsferne aus dem Bunker unter der ehemaligen Reichskanzlei. Ein bisschen Hitler geht ja immer.

Die Geschichte eines Deutschen – Sebastian Haffner

Gleich der zweite Haffner hinterher: Seine Kindheits- und Jugenderinnerungen an den Ersten Weltkrieg, die Revolution von 1918, Inflation, Weimarer Republik und die Machtergreifung Hitlers. Machtergreifung lehnt Haffner als Begriff ab. Zu leicht hätten es ihm alle anderen Parteien gemacht, die – siehe Wechselwähler-Buch – seit dem Kaiserreich nichts anderes kannten als die Opposition. Und im Zweifel lieber andere regieren lassen. Und wenn’s der Hitler ist.

Zweimal Haffner, einmal Fest innerhalb kürzester Zeit. Die mussten sich doch kennen. Und ja, im Spiegel schrieb Fest 2003 einen langen Text über Haffner: „Der fremde Freund“

Extremely Loud and Incredibly Close – Jonathan Safran Foer

Die Geschichte eines depressiven Jungen, der seinen Vater am 11. September verloren hat, und seiner Großeltern, die ein halbes Jahrhundert zuvor in Dresden kennengelernt hatten und nie über das, was sie im Zweiten Weltkrieg erlebten, hinweg gekommen sind. Extrem schön und unglaublich traurig.

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Lange vorgenommen, endlich gelesen. Schön. Hoffentlich ist das Schullektüre.

Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt – Navid Kermani

Kermani, Deutschlands Chef-Erklärer des Islams, erzählt von seinen Reisen aus Indien, Pakistan, Afghanistan, Irak, Syrien und wo es sonst noch brennt. Über was ich gelernt viel habe: Sufismus.

Überraschenste Szene: Afghanistan, auf einem Kabuler Friedhof spricht Kermani mit einem alten Mann names Agha.

Ach ja, der 11. September 2001, komme ich auf den Tag genau zehn Jahre später meiner Pflicht als westlicher Berichterstatter nach: wie er dazu stehe? Nur Agha weiß nicht, was ich meine. Die Anschläge in Amerika, die Flugzeuge, die in die Hochhäuser flogen? Nur Agha schüttelt den Kopf. Damals habe es ja kein Fernsehen gegeben, bittet er um Verständnis für die Wissenslücke, und das Radio habe auch niemand einschalten dürfen.

Der große Schlaf – Raymond Chandler

Ein Krimi-Klassiker, dessen Protagonisten mir zumindest namentlich bekannt war: Philipp Marlowe. So ungefähr, wie ich weiß, dass es in Star Wars um Jedi-Ritter geht.

Also, der Privatdetektiv Marlowe ist ein echter Haudegen, Raucher, Trinker und mit den Frauen kann er’s natürlich auch. Nicht unspannend, aber ein bisschen viel Testosteron für so ein dünnes Büchlein.

Kategorien
Lesenswertes Politik + Wirtschaft

Dieser Text über Terrorismus und die Medien ist auch nach 30 Jahren noch aktuell

Frühling 1981 auf Sizilien. Brian Michael Jenkins hält einen Vortrag über das Zusammenspiel von Medien und Terrorismus – und diese Grundmechanismen machen auch trotz Internet zum Großteil noch Sinn. Jenkins arbeitet für Rand, einem Think-Tank des US-Militärs.

„Terrorism is aimed at people watching.“

Das ist Jenkins zentraler Satz. Und damit das gelingt, braucht es Medien, die die Botschaft vervielfachen. Je schlimmer das Attentat, je näher es ist, desto mehr verdrängt es alle anderen Nachrichten. Wer kann sich an irgendetwas vor zwei Wochen erinnern, das nichts mit Paris zu tun hat?

„The quality of the terrorist incident determines whether or not it is covered by the news media and the amount of coverage given it. As a result of this uneven news coverage, public perceptions of terrorism are imperfect, driven not by the volume of terrorist activity but rather by a handful of spectacular actions, generally those involving hostages.“

Hostages, also Entführungen, sind für Jenkins die Art von Anschlägen, die den meisten Buzz verursachen: Niemand weiß wie es ausgeht, Menschenleben sind unmittelbar in Gefahr – und die Medien im besten Falle live dabei. „It’s genuine drama.“

Aus Sicht von Terrorgruppen argumentiert Jenkins so: Sie brauchen die Medien, um Propaganda zu verbreiten. Doch in den Nachrichten sei dann meist nur vom Attentat an sich, aber nicht von den Gründen die Rede. Das sei nicht im Interesse der Terroristen. Das ist 30 Jahre später etwas anders: Heute können sie ihre Ansichten selbst im Internet verbreiten.

Hier das pdf: The Psychological Implications of Media-Covered Terrorism, Brian Michael Jenkins, June 1981

Kategorien
Lesenswertes

Leseliste: IS und der Terror

Why ISIS might regret the decision to go global

Paris war der erste internationale Anschlag, der auf obere Ränge des IS zurückzuführen war. Brookings befasst sich mit den Vorteilen (PR, Rekruten werben, die z.T. ohnehin im Ausland sind) dieser Expansion und seinen Kosten.

Brookings-Autor Daniel L. Byman glaubt, dass es keine gute Idee ist, wenn IS-Terroristen verstärkt auch außerhalb Syriens und Iraks Anschläge verüben. Die Gründe:

  1. „An immediate problem is command and control. Having a global network requires global communications, and that exposes militants to counterterrorism.“: Weiterhin top-down-Entscheidungen oder mehr Freiheit für lokale IS-Typen?
  2. Wohin fließt das Geld? In die Kernregion, ins Ausland?
  3. Wer mehr Leute angreift, macht sich mehr Feinde.

Lokal aktiv sein, sei deshalb für Terrorgruppen keine schlechte Idee:

With so many factors counseling against going global, it is perhaps not surprising that two of the most successful terrorist groups in recent years, Hamas and Hezbollah, both focused first and foremost on their immediate regions, with Hezbollah over time becoming much less global in its operations.

Tatsächlich ist nur ein sehr kleiner Teil von Terrorgruppen international aufgestellt.

Inside the surreal world of the Islamic State’s propaganda machine

Die Washginton Post zeigt, wie die Propaganda des IS funktioniert und spricht dafür zum Beispiel mit Ex-Kameramännern, die Videos drehen:

What they described resembles a medieval reality show. Camera crews fan out across the caliphate every day, their ubiquitous presence distorting the events they purportedly document. Battle scenes and public beheadings are so scripted and staged that fighters and executioners often perform multiple takes and read their lines from cue cards.

Die PR-Leute bekommen auch militärische Ränge. Wie wichtig sie sind zeigen: das Gehalt (Sie verdienen mehr als Soldaten), wie Exekutionen von statten gehen (Sie bestimmen, wann jemand enthaupter wird – nämlich dann, wenn es genug Aufnahmen aus verschiedenen Winkeln gibt).

Saudi Arabia, an ISIS That Has Made It
These: IS = black Daesh, Iran = grey Daesh, Saudi-Arabien = white Daesh

Daesh has a mother: the invasion of Iraq. But it also has a father: Saudi Arabia and its religious-industrial complex.

Why People Keep Saying, “That’s What the Terrorists Want”

Das will er ja nur, der IS! Aber, was nun eigentlich genau? Das versuchen wir uns über das Ergebnis – jetzt zum Beispiel tote Menschen in Paris – zu erklären, um so eine logischen Zusammenhang zu kreiieren. So einfach ist das aber nicht, zugrunde liegt eine kognitive Dissonanz. Das kann sich aber schnell ändern, zum Beispiel:

This also helps explain why the presumed motives of terrorists seem to shift so rapidly and contradictorily. Consider that until the Paris attacks this past week, the conventional wisdom held that the group wields violence to achieve a Caliphate unadulterated by Western interference. Since the attacks, however, we’ve been told that actually the Islamic State wants to provoke the West into more military interference in order to showcase the West’s brutal behavior. Before the attacks, we were told that France is a juicy target for the Islamic State because of its failure to integrate its Muslim population. After the attacks, we are being told that the Islamic State actually wants France and the rest of the world to become even more xenophobic against Muslims on the theory that alienated moderates may be more receptive to extremism.

The Attacks in Paris Reveal the Strategic Limits of ISIS

IS, Kurden, Rebellen, Iran, Saudi Arabien, Türkei etc.: Was sind ihre Positionen? Was wollen sie? (sic: Link darüber)

Kategorien
Lesenswertes Medien + Internet Politik + Wirtschaft

Lesenswertes: Medium, Holocaust und künstliche Intelligenz

Medium, Centralized Publishing and the Future of the Blog

Medium ist das neue Medium (hust). Zumindest ist es die Blogging-Plattform, die im Moment en vogue ist: Einfache Bedienung, großartiges Design und viele namhafte Autoren, die dort publizieren. Doch es ist nicht alles rosig. Martin Weigert beschreibt die Nachteile, die sich aus einer zentralen Plattform ergeben, sei sie auch noch so verführerisch, und plädiert für dezentrale Blogs. Hooray!

„While Medium thrives, the yearly “is blogging dead?” meme goes into another round. And while even this time the answer has to be a clear “no”, which anyone who actually reads blogs will realize, there is a risk that blogging in the sense of a democratic, decentralized publishing system, might die out for real. Not because of a lack of interest in the creation of digital content, but because everybody will have moved to a few centralized platforms. Even this has been a discussion almost as old as blogging itself. But with Medium, this free, high-quality, elegant, usable publishing platform that comes with an effective built-in distribution mechanism, there is now a centralized publishing system with an allure never seen before.“

20 Pictures That Change The Holocaust Narrative

holocaust narrative

„Seriously, how is this image not beyond famous by now? Depicting a woman at the shortly after her liberation, so skinny you can hardly see her, her face is aglow and alive. As if she was never imprisoned.“

via Raphael Raue

The AI Revolution: The Road to Superintelligence

Ich übernehme mal David Bauers Empfehlung:

„Ein atemberaubend guter Text und eigentlich Pflichtlektüre für alle, die planen, noch zwei, drei Dekaden auf diesem Planeten zu verbringen.

Man liest ja viel von künstlicher Intelligenz und denkt dann an den reichlich beschränkten Siri oder hört von Fantasten, die von Singularität und Unsterblichkeit reden. Dieser Text ist der erste, der mir verständlich gemacht hat, wie der Weg vom einen zum anderen verläuft.“

Ein Zitat aus dem Text, der aber nur ein ganz kleiner Ausschnitt der Aspekte ist, die besprochen werden:

„Build a computer that can multiply two ten-digit numbers in a split second—incredibly easy. Build one that can look at a dog and answer whether it’s a dog or a cat—spectacularly difficult. Make AI that can beat any human in chess? Done. Make one that can read a paragraph from a six-year-old’s picture book and not just recognize the words but understand the meaning of them? Google is currently spending billions of dollars trying to do it. Hard things—like calculus, financial market strategy, and language translation—are mind-numbingly easy for a computer, while easy things—like vision, motion, movement, and perception—are insanely hard for it. Or, as computer scientist Donald Knuth puts it, “AI has by now succeeded in doing essentially everything that requires ‘thinking’ but has failed to do most of what people and animals do ‘without thinking.’”