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Wenn’s mit dem Bot intim wird

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Vor etwa einem Jahr war ich im Ars Electronica Museum in Wien und da lag sie vor mir: Paro, die Roboter-Robbe, die Menschen mit Demenz beruhigen soll. Ich hab sie auf meinen Schoss gelegt, sie gestreichelt, die Maschine mit Fell hat darauf reagiert und sich leicht bewegt. Es war angenehm. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Kuscheltier mit Sensoren und Software in der Lage ist, Intimität herzustellen.


Die Forscherin Katherine Harrison befasst sich mit dem Zusammenspiel von Menschen und Robotern: Wie entsteht Vertrauen und Intimität?

Diese Begegnungen hat sie nun auch anhand eines anderen Beispiels erläutert, das erst einmal weit weg von der Altenpflege wirkt: dem Hack des Seitensprungportals „Ashley Madison“ 2015, bei dem Nutzerdaten von mehr als 30 Millionen Accounts veröffentlicht wurden.

Es stellte sich heraus, dass das Unternehmen im großen Stile Profile von Frauen anlegte, die es nur virtuell gab. Diese erfundenen Akteure schrieben als Frauen mit Männern Nachrichten hin und her, die auf der Suche nach einer Affäre waren. Der wirtschaftliche Clou dabei: Antworten durften die Männer nur, wenn sie zahlen. Zehntausende dieser Bots soll es laut Gizmondo gegeben haben, 80 Prozent der erstmaligen Käufe auf Kontakte zu Bots zurückgehen.

Das Ziel der Software von Ashley Madison war es, eine soziale Bindung aufzubauen. Und das ist wohl oft genug gelungen. Harrison beschäftigt sich in ihrem Aufsatz mit der Frage, was das für Intitmität bedeutet. Dieser Intimität, die wir als persönliche, individuelle Erfahrung sehen, beschreiben mit Worten wie echt, authentisch, privat, ja menschlich. Software ist also in der Lage automatisiert Intimität zu generieren – und diese entsteht ja nur, weil ein Mensch ein Erlebnis so empfindet.

Was macht das mit uns?

„Was ist, wenn diese Bots die Leute wirklich heiß machen? Was würde das darüber aussagen, wie wir Intimität heute verstehen? Wie könnten Bots ohne Loyalität zu den menschlichen Vorstellungen von Intimität unsere Vorstellungen davon, was Intimität sein/machen sollte, durcheinanderbringen oder in Frage stellen?“

Harrison sieht zwei Aspekte, mit denen wir uns befassen sollten:

  • Wir sollten überdenken, wo die Grenze zwischen Mensch und Maschine verläuft, im Sinne von: Was können Maschinen wie gut?
  • Wir sollten ggf. anpassen, wie wir Intimität charakterisieren.

Für Harrison ähnelt die Diskussion über Intimität einer Neuauflage der Online-Offline-Debatte, die in den letzten Jahren etwas ruhiger wurde: Wie echt ist das Online-Life im Vergleich zum Real-Life?

„Die Existenz der sozialen Bots spielt mit einer ewigen Angst, die mit dem Leben im Internet verbunden ist; Online-Interaktionen lösen Ängste um Authentizität und Identität aus, weil unsere Methoden zur Berechnung der Authentizität einer Entität erbärmlich altmodisch und fleischbasiert bleiben. Wenn du das andere Wesen nicht sehen, hören, riechen, berühren oder schmecken kannst, wie kannst du dann sicher sein, dass sie das sind, was sie sagen?“

Harrison beschreibt das als „ambient intimacy“, ein Begriff, der auch verwendet wird, um zu beschreiben, wie eine gewisse Intimität mit Personen entstehen kann, deren Lieblingstasse man kennt, obwohl man sich Tausende Kilometer entfernt befindet oder nur in der Arbeit sieht. Dank Instagram o.ä.

Zum Nachdenken über automatisierte Intimität passt gut der Zündfunk Generator Podcast „Muss ich nett zu einer KI sein?“. Darin blieb der Journalist Gregor Schmalzried ein Wochenende lang zu Hause und sprach mit niemanden – außer Bots wie Alexa, Siri oder Mitsuku, dem angeblich besten Chatbot der Welt.

Was ich sonst noch interessant fand:

Ein Münchner hatte obsessiv ein Privatarchiv zur Geheimsprache Rotwelsch aufgebaut hat. Rotwelsch ist eine Mischung aus Deutsch, Jiddisch und Hebräisch, gesprochen von Landstreichern und Fahrenden. Dessen Neffe, Professor für Literaturwissenschaften in Harvard, hat in Umzugskisten all die Unterlagen gelagert und sucht eines Tages nach der Doktorarbeit seines Großvaters, dem Vater des sammelnden Onkels. Was findet er? Antisemitisches Zeug – und ein Wettern gegen Rotwelsch. Die ganze, spannende Geschichte bei der taz: „Das Erbe“

Was braucht’s für eine erfolgreiche politische Bewegung? Keine Gewalt und etwa jede 30. Person muss aktiv daran teil nehmen.

Looking at hundreds of campaigns over the last century, Chenoweth found that nonviolent campaigns are twice as likely to achieve their goals as violent campaigns. And although the exact dynamics will depend on many factors, she has shown it takes around 3.5% of the population actively participating in the protests to ensure serious political change.

Herausgefunden haben das Erica Chenoweth und Maria Stephan, die sehr strenge Kriterien für Gewaltlosigkeit gewählt haben. Die indische Unabhängigkeitsbewegung ist ihrer Definition nach nicht „non-violett“.

Chenoweth argues that nonviolent campaigns are more likely to succeed because they can recruit many more participants from a much broader demographic, which can cause severe disruption that paralyses normal urban life and the functioning of society.

Mehr Details zur Forschung bei der BBC: The ‚3.5% rule‘: How a small minority can change the world

Ein Essay von Georg Diez in der taz zu Greta Thunberg nach ihrer Rede bei UN-Vollversammlung: Angst und Endlichkeit

„Die Botschaft von Greta Thunberg ist eine der praktischen Vernunft und der säkularen Ethik: Ich habe erkannt, vor dem Hintergrund der Endlichkeit allen Lebens, dass mein Handeln dazu führt, den Planeten zu zerstören, und ich ändere darum dieses Handeln, ich sehe die systemischen Zusammenhänge, aber ich fange mit mir an, im Sinne des kategorischen Imperativs Kants, seltsam verdammt dieser Tage und dabei Grundlage ethischen Handelns überhaupt – wie kann es sein, dass ihr, Erwachsene, sehenden Auges weitermacht mit der Zerstörung der Erde? Wie kann es sein, dass ich, das Kind, euch zeigen muss, was Vernunft ist?“

Über einen Jugendlichen, der in einer belagerten Stadt während des Syrienkriegs eine geheime Bücherei organisierte.

Zu viele vielversprechende Links überall? The Best Tools for Conquering Your Massive ‚Read Later‘ List

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Wo das Internet vergraben ist

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Wenn du mit deiner Fingerspitze ein 💚 in die Familien-Whatsapp-Gruppe schickst, wird die Nachricht nicht direkt von deinem Handy auf ein anderes geschickt. Sondern das 💚 passiert noch mindestens ein Rechenzentrum auf dem Weg*.

Diese Rechenzentren sind das Rückgrat des Internets. Dort lagen riesigen Hallen lagern auf blinkenden Computer unsere Daten. Firmen, Organisationen und Privatleute besitzen oder mieten solche Speicher. Und die Standorte sind vor allem von zwei Faktoren abhängig:

  • ein möglichst kurzer Weg zu schnellem Internet
  • ein möglichst effizientes Kühlen der Server

Das bedeutet zum einen: In Island, Schweden und andere kühlere Länder gibt es viele solcher Rechenzentren, zum Beispiel von Facebook und vielen anderen Firmen.

Zum anderen heißt das: Die Rechenzentren stehen da, wo es Glasfaserkabel gibt. Und wo sind diese Kabel häufig vergraben? An Eisenbahnlinien.

Für die USA zeigt das George Moore von Microsoft an der „41st parallel“, der ersten transkontinentalen Eisenbahnstrecke der Vereinigten Staaten.


Die Glasfaserkabel hat eine Tradition: Die ersten Kabel wurden für Telegramme verlegt, danach Telefonleitungen.

Moore schreibt:

After the first railway was completed, Western Union immediately established the first telecommunications corridor within the railroad right of way and was soon carrying all transcontinental telegrams. Later, as AT&T established long distance voice lines in the early-20th century, those same lines were also placed along the first transcontinental railroad. This collection of early lines grew and expanded to the vast collection of telecommunication options available in this corridor today.

In Deutschland war das ähnlich: Seit den späten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden Telegrafen- und Telefonleitungen häufig an Eisenbahnlinien verlegt – muss man nur einmal umgraben.

* Direkt von einem Handy auf das andere werden Daten in einem sogenannten Peer-to-Peer-Netzwerk verschickt. Ein Thema für eine nächste Mail.

Andere Artikel, die ich empfehlen will:

In Schweden untersuchen Archäologen schon seit Jahrzehnten ein prächtig geschmücktes Wikinger-Grab. Selbstverständlich gingen sie dabei immer von einem Kämpfer aus. Dass es für eine Frau so ein Grab geben könnte – undenkbar. So brauchte es fast 150 Jahre bis jemand auf die Idee kam, das Geschlecht zu bestimmen. Und siehe da, es ward eine Frau. Die ganze Geschichte bei National Geographic.

Die tragische Lebensgeschichte einer Frau, die sich Eve Adams nannte und die erste Lesben-Bar in New York betrieb. Nachdem eine Undercover-Polizistin sie ihrer Homosexualität „überführt“ hatte, wurde sie deshalb nach Polen deportiert. Sie zog nach Paris und starb – sie war Jüdin, die Deutschen überfielen Frankreich – in Ausschwitz. Bei Atlas Obscura ist der Text erschienen.

Was ist Protest? Der Soziologe Dieter Rucht gibt eine Einführung in der Sendung Hörsaal des Deutschlandfunks.

Eine unfassbare Geschichte: Er gilt als der Facharzt für HIV- und AIDS-Patienten, er spricht auf Konferenzen, Journalisten fragen ihn als Experten an. Und genau dieser Arzt ist es auch, der in seiner Praxis Männer mutmaßlich belästigt und sexuell missbraucht haben soll. Ein offenes Geheimnis war das in der schwulen Szene, heißt es. Buzzfeed hat den Fall recherchiert und mit Opfern gesprochen.

Mehr oder weniger Datenschutz? In der Süddeutschen Zeitung gab es einen Pro und einen Kontra-Text. Sieger für mich: Dirk von Gehlen, der dem Mantra des Chaos Computer Clubs folgt: „Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen“. Was kann das konkret heißen? Zum Beispiel mit allen technisch zur Verfügung stehenden Mitteln Autobahnen überwachen (das böse Wort!), damit niemand schneller als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit fährt. In Deutschland wird sie ja weiterhin gern als Mindestgeschwindigkeit interpretiert. Und was passiert dann mit diesen Daten? Also welchen Auto mit welchem Kennzeichen fährt wo wie schnell? Das sind Dinge, die ausgehandelt werden müssen.

Und hier beginnt meine Skepsis: Ob das klappt? Gegenbeispiele gibt es genug. So hat der Bayerische Rundfunk gerade zusammen mit ProPublica herausgefunden, dass viele Patieninformationen aus der Radiologie einfach so im Internet liegen. Die Geräte wie ein MRT schicken die Bilder an einen Server und wer weiß, wie dieser Rechner zu finden ist, kann sich auch die Bilder und Daten holen.

Zum Abschluss:

Das Bild zeigt Flüge innerhalb von 24 Stunden in Europa. Topi Tjukanov visualisiert geografische Informationen wunderschön.

Eine schöne Zeit,

Katharina